Technologien des Selbst: Nietzsche und die Gabe

Traditionellerweise wird Nietzsche aufgrund seiner Verehrung von Herrenmoral, der Moral der Stärkeren und seiner Verachtung der Schwachen kritisiert und als der Antichrist wahrgenommen, als der er sich freilich selbst sehr gern inszenierte. Christlichen Kritikern gilt er außerdem als einer der ersten großen Nihilisten, was schon eine sehr kuriose Analyse ist, gab es doch keinen schärferen Gegner des Nihilismus in der Philosophie als eben Nietzsche. Er sah den Nihilismus am Horizont Europas heraufziehen und er wollte der Moral nach dem von ihm diagnostizierten Tode Gottes eine neue Grundlage geben, um diese Krankheit der Moderne abzuwehren.

Vergessen wir nicht Nietzsches Idee der schenkenden Tugend, die wie sein Übermensch auch psychologisch verstanden werden muss: So wie uns eine selbstlose Gabe in gewisser Weise innerlich reicher macht, weil wir uns mit ihr und durch sie zu uns selbst als reiche Menschen verhalten, weil wir uns dadurch wieder und wieder daran erinnern, wie reich wir innerlich eigentlich sind, ein jeder von uns – so graben wir mit jedem externen Objekt, das wir begehren oder neiden, oder mit jeder Situation, in der wir uns durch Frust, Wut und Ressentiment als machtlos inszenieren, einen Mangel in uns hinein. Wer begehrt, übt sich in das begehrende Verhalten ein, mit anderen Worten: Er verhält sich zu sich wie jemand, dem etwas Wesentliches fehlt. Wer leicht seine Fassung verliert, verhält sich zu sich wie jemand, der machtlos ist und daher nur noch wütend werden kann. Hier übt man sich Schwäche ein. Die Stoiker wurden nicht müde zu betonen, dass das flüchtige Objekt des Begehrens nichts „anderes als eine Art Ankündigung zukünftigen Unglücks“ ist, wie es Boethius ausdrückte; und „was man sich aber wünscht, das entbehrt man…Wer nun etwas entbehrt, genügt nicht vollauf sich selbst.“ (Boethius, Der Trost der Philosophie)

Die von Zarathustra vorgestellte schenkende Tugend zeigt deutliche Züge von Nietzsches Übermenschen – sofern man das irreführende Stereotyp der „blonden Bestie“ beiseitelässt:

Bleiben wir immerhin für unsere Zeit dabei, daß Wohlwollen und Wohltun den guten Menschen ausmache, nur laßt uns hinzufügen: ‚vorausgesetzt, daß er zuerst gegen sich selber wohlwollend und wohltuend gesinnt sei!‘ Denn ohne dieses – wenn er vor sich flieht, sich haßt, sich Schaden zufügt – ist er gewiß kein guter Mensch.

Nietzsche, Morgenröte

Nietzsche scheint hier ohne es anzusprechen eine zentrale Einsicht des jüdischen Philosophen Baruch Spinoza übernommen zu haben, der in Hass, Neid, Ressentiment, Verachtung und Grausamkeit nicht nur Symptome bestehender Schwäche erkannt hatte, sondern auch Ursachen weiterer Schwäche. So macht die Grausamkeit und macht der Hass den Einzelnen schwach; sie schränken seine Handlungsfähigkeit ein, seine Fähigkeit zur Einsicht und lassen ihn Sklave seiner Leidenschaften werden. Auch hier geht es also darum, die eigenen Leidenschaften und Triebe zu zügeln, und nicht, sie freizusetzen.

Die oft missverstandene Unterscheidung zwischen dem Starken und den Schwachen will eigentlich nichts anderes aussagen, als dass ein jeder, der frei sein will, auch eine gewisse Kraft besitzen muss. Auf den ersten Blick stößt uns das natürlich unangenehm auf, da wir Stärke mit Macht identifizieren und damit mit Bösem assoziieren. Nietzsche sagte aber nicht, dass jener Mensch gut sei, der in seiner Macht die Schwächeren um sich herum drangsaliert und ausbeutet. Im Gegenteil: Eine solche Vorstellung von Stärke, die nicht anders kann, als sich hemmungslos an den Schwachen auszulassen zugunsten des eigenen unbeherrschten Egoismus – das war für Nietzsche nicht viel mehr als die Rachefantasie der Gescheiterten, die sich wünschen, auch einmal über Stärke zu verfügen.

Hier sollte man beachten, dass das, was er „Willen zur Macht“ nannte, ein Bild war, das einen unbändigen Drang zum Leben zeigte. „Wille zur Macht“ ist bei Nietzsche ein natürlicher Trieb jedes Lebewesens, seinen eigenen Möglichkeitsraum durch beständige Selbstüberwindung zu erweitern. Anders als jener grausame Machiavellismus, den Kommentatoren von Anbeginn an diesem Begriff unterschoben, ging es Nietzsche, angewandt auf den Menschen, sogar eher noch um geistiges und künstlerisches Wirken. Im Willen zur Macht, im Ausleben des Stärkeren letztlich nur Raub und Egoismus zu sehen, zeugt von der eigenen Perspektive des Ressentiments und zeigt, wie sehr wir noch in einem solchen Denken gefangen sind; wie wir Macht immer noch als primär Bedrohung sehen, und nicht als etwas, das Leben, geben, schenken kann – in vielfältigen Formen; das sich entwickeln will, erleben will. Es zeugt von einem negativen Freiheitskonzept, dass dem Ideal Nietzsches diametral entgegengesetzt war. Auch in diesem Sinne ist die Repressionsthese also dem Ressentiment verwandt: Wer Macht nur negativ sieht, bezeugt, dass er vor allem daran leidet, sie nicht zu besitzen…

Der wahre Starke bei Nietzsche nutzt seine Kraft, um sich selbst zu disziplinieren. Er hat es nicht mehr nötig, zu rauben: Er besitzt an sich genug und gibt sich aus. Das ist gelebter Reichtum. So ist denn auch Nietzsches Übermensch eine ungemein disziplinierte Kreatur, und basiert auf Einsichten, die zunächst Spinoza gelungen waren. Der Starke und Große ist für Nietzsche jener, der den Schwachen auch hilft, aber WEIL ER ES KANN. Dies ist die große Souveränität und gleichzeitig auch sein Trainingsprogramm hin zur „großen Gesundheit“, der Überwindung von Hass und Ressentiment: jenseits des materiellen Begehrens sein, stark sein und die Stärke für sich ausleben – und ausleben nicht im Raub, sondern im LEBEN. Wie Nietzsche in Morgenröte schreibt: „Etwas von seinem Eigentume fahren lassen, sein Recht aufgeben – macht Freude, wenn es großen Reichtum anzeigt. Dahin gehört die Großmut.“ Und sind nicht genau dies die Tugenden des Christen? Den anderen so zu lieben wie sich selbst, die Selbstliebe als Grundlage der Nächstenliebe also?

Nietzsche verwarf eben nicht den christlich-bürgerlichen Tugendkatalog zugunsten seines Gegenteils – er wollte sich nicht nur Jenseits von „Gut“, sondern „Jenseits von Gut und Böse“ bewegen. Er lehnte nicht das christliche Gute ab, sondern dessen Motivation, dessen übliche Begründung namens Altruismus und Mitleid. Nicht deswegen sollte man Gutes tun, sondern aus Fülle, aus innerem Reichtum, aus Stärke: weil man stark und reich genug dazu ist. Nicht nur, weil man es kann, sondern weil man innerlich so souverän und reich ist, dass man aus dieser Fülle heraus sich ausgibt. Weil die eigene Seele so voll ist, dass sie nicht anders kann, als zu geben. Er richtete sich gegen eine Philosophie, die das Gute einzig und allein aus Mitleid tun wollte, aus Schwäche, aus Hass am Starken, aus Ressentiment. In diesem Sinne kann man wirklich von Nietzsche als einem der ersten modernen Individualisten sprechen – er fühlte sogar noch das Leiden dieses Individualismus voraus und suchte daher eine neue Begründung für die moderne Existenz in einer ethos-geleiteten und sehr wohl „moralischen“ Lebensweise. Nur konnte diese Lebensweise, da war Nietzsche konsequent und visionär, keine Zuflucht mehr bei Gott finden. Nietzsche, der daneben auch das Zeitalter des Ressentiments heraufbrechen sah, erkannte im Wechsel von einer „negativen“ zu einer „positiven“ Moral eine mögliche Heilung:

Im Grunde sind mir alle jene Moralen zuwider, welche sagen: „Thue diess nicht! Entsage! Ueberwinde dich!“ – ich bin dagege jenen Moralen gut, welche mich antreiben, Etwas zu thun und wieder zu thun und von früh bis Abend, und Nachts davon zu träumen und an gar Nichts zu denken als: diess gut zu thun als es eben mir allein möglich ist! Wer so lebt, von dem fällt fortwährend Eins um das Andere ab, was nichtzu einem solchen Leben gehört: ohne Hass und Widerwillen sieht er heute Diess und morgen Jenes von sich Abschied nehmen.

Nietzsche, Die Fröhliche Wissenschaft

Das Gute tun aus Stärke, das heißt: Aus Liebe zu sich und aus Liebe zu seinen Fähigkeiten, die es zu perfektionieren gilt. Fähigkeiten des Bösen meidet Nietzsches Übermensch – was soll er mit Neid, Missgunst und Begierde zu tun haben, die zumeist hinter Mord und Totschlag stecken? Somit interpretiert Nietzsche die Ethik um zu einer Artistik, in der das Gute getan wird, weil es der beste Beweis des eigenen Könnens ist – und eine gute Trainingsmethode, um noch mehr zu erreichen. Sloterdijk spricht hier von „Vertikalspannungen“, die durch eine solche Artistik produziert werden, um das Individuum beständig über sich hinaus zu führen.

Zugegeben, das ganze Gefasel von den Starken hat bei Nietzsche auch bedenkliche Züge – die eben jenseits von Gut und Böse sind. Man sollte hier jedoch beachten: Nietzsche arbeitet mit einer Typologie: Den Typus des Schwachen setzt er einem Ideal des „Vornehmen“ entgegen, der in der Philosophiegeschichte des Öfteren aufgetaucht ist; ganz besonders natürlich bei Aristoteles, wo der Vornehme derjenige ist, der sich selbst am stärksten unter Kontrolle hat, dessen Selbstkontrolle so sehr auf Autopilot läuft, dass sie ihm kaum noch Mühe bereitet, und die ihm die größtmögliche Freiheit schenkt. Auch bei Aristoteles liebt der Vornehme sich selbst, aber genau deswegen ist der Vornehme bei ihm – wie auch bei Nietzsche dann – der vollendete Typus des „Guten“: Er bringt das Gute hervor nicht aus Mitleid, aus Selbstverkleinerung zugunsten anderer, sondern aus Stolz.

Zugegeben auch, dass er sich bei der christlichen Moral gewaltig irrte. Sein großer Kampf gilt der angeblichen Sklaven-Moral des Christentums. Die christliche Moral versteht er als eine Rache-Moral, der es darum gehe, Ursache und Urheber einer einem selbst oder der eigenen Gemeinschaft schädlichen Handlung zu identifizieren und als grundlegend böse zu markieren. Für Nietzsche entspringt eine solche Haltung einem Rachegefühl aus Schwäche heraus: der Schwache heißt den Starken, der ihm schadet, böse, und nimmt in seiner Vorstellungswelt, die er bald zur Religion ausbaut, Rache an ihm. Demgegenüber wird Nietzsche nicht müde, den Starken. Nun liegt Nietzsche nichts ferner, als ein neues politisches System der Oligarchie aufzubauen. Vielmehr behandelt er den psychologischen Schaden, den eine Moral angerichtet hat, die Äußerungen von Stärke pathologisiert und zugunsten eines Ideals der Selbstlosigkeit und des blinden Altruismus ersetzt hat. Einen solchen Schaden erblickt Nietzsche im Deutschland seiner Zeit, in der Dekadenz des Fin de Siècle ebenso wie im Biedermeier; vor allem jedoch in den egalitären Bewegungen der Zeit und in den nihilistischen proto-totalitären Doktrinen des Kommunismus und des Nationalismus. Gleichzeitig behauptet aber Nietzsche, dass es das Christentum war, welches damit überhaupt erst angefangen hat – was so nicht stimmt. Man kann dem Christentum mit einigen guten Gründen und noch viel mehr Fakten eine ganze Menge vorwerfen – nur nicht das, was Nietzsche dieser Religion seines Vaters vorwirft.

Nietzsche attackierte das Christentum, weil es seiner Meinung nach die Menschen mit Schuldgefühlen unterdrücke, ihre Freiheit einschränke – und doch war für Jesus ja die Liebe zu sich die Grundlage der Nächstenliebe. Hier hätte er mehr auf Jesus denn auf Schopenhauer hören müssen, dessen kurzsichtige Deutung des Christentums er in blinder Heldenverehrung übernahm. Bei Aristoteles ist der Schwache bzw. Schlechte jener, bei dem es zwischen Pflicht und Handlung einen Zwiespalt gibt – er handelt nicht, wie er soll oder will. Genau darauf will Nietzsche in seiner Verurteilung des Christentums heraus. Er verkennt dabei, dass der wahre Christ diesen Zwiespalt eigentlich gar nicht kennt.

Jenseits dieser Typologie ist sein Hinweis auf die Motivation hinter der guten Tat entscheidend. Mit dem Übermenschen wird das grundlegende ethische Dilemma der Moderne – Egoismus oder Altruismus – aufgelöst durch den Hinweis, dass durch die Artistik der Ethik beides dasselbe wird. Auch das war nicht ganz neu, die antiken Philosophen der Selbstformung dachten ähnlich; schon Aristoteles befand sich hier nicht weit weg von Nietzsche, wenn er schrieb: „Daher soll der Gute die Selbstliebe besitzen, da es ihm selbst und anderen frommen wird, wenn er, von dieser Liebe getrieben, das sittliche Schöne vollbringt.“ (Aristoteles, Nikomachische Ethik). Doch hier muss natürlich auch Jesus genannt werden, auch wenn Nietzsche nun im Grabe rotieren mag. Jesu Dictum „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ ist eben keine Anweisung zur Selbstverleugnung, wie Nietzsches es glauben wollte, sondern zuallererst der Hinweis darauf, sich selbst zu lieben, da nur dann auch die Liebe zum Nächsten erwachsen könne. Das ist schon sehr nahe an Nietzsches Ideen dran.

Es gibt sogar noch mehr Gemeinsamkeiten: Beide bekämpften einen lauwarmen, gedankenlosen Moralismus, eine äußere, entspiritualisierte Gesetzesmoral. Beide fordern gute Taten in Übereinstimmung mit dem eigenen Willen; nicht aus Mitleid, sondern aus Stärke beziehungsweise Liebe: In beiden Fällen soll die gute Tat nicht aus Pflicht oder Gesetzestreue erfolgen, sondern eine Konsequenz sein aus erkanntem und eingeübtem inneren Reichtum. Weil man verzichten kann auf die niedrigen Handlungen – weil man sie nicht nötig hat. Das Böse des Machtmenschen, sein hemmungsloser Egoismus, verrät bereits seine Schwäche. Man soll aufs Böse nicht verzichten, weil man es eben soll – sondern weil man es kann und will! Eine thymotische Moral, aus dem Stolz und der Kraft heraus. Tue das Gute, nicht weil du sollst, sondern weil du nicht anders kannst, weil das du bist, überquellend vor Stärke, Können, Willen, Stolz, innerem Reichtum – weil du dich damit über all jene niedrigen Instinkten erhebst, die das Böse erst ermöglichen. Weil das Schlechte tun ein Eingeständnis deiner Schwäche wäre, sei es nun deines Neides, deiner Missgunst oder deiner Angst.

„Das Beste an einem grossen Siege ist, dass er dem Sieger die Furcht vor einer Niederlage nimmt. „Warum nicht auch einmal unterliegen?,“ sagt er sich: „ich bin jetzt reich genug dazu.“

Nietzsche, Die Fröhliche Wissenschaft

Was Nietzsche und das Christentum gemeinsam haben: Man soll Geben aus solch innerem Reichtum statt aus einem Moralismus heraus, hinter dem sich nur das Ressentiment versteckt. Auch die Gabe ist eine Art der Selbstformung und gleichzeitig eine Konsequenz aus sich selbst. Gib aufgrund deiner inneren Fülle, weil du dich so souverän, so frei und so reich fühlst, dass du auf das zu Gebende verzichten kannst. Wer sich so fühlt, der fühlt sich nach dieser Gabe sogar noch reicher. Das ist das Geheimnis, wie sich aus Wasser Wein machen lässt. Es ist die Gabe, die reich macht, frei, nämlich: souverän. Dies war die bahnbrechende psychologische Einsicht von Jesus, die mit dafür sorgte, dass sich ein kleines, kaum beachtetes Ereignis in Palästina auf der ganzen Welt verbreitete: obwohl der Protagonist getötet war, obwohl kaum noch Jünger übrig waren in diesem hintersten Winkel der Welt ohne jegliche Massenmedien: eine Wahrheit, die die ganze Welt erfasste.

Die „Selbstlosigkeit“ hat keinen Werth im Himmel und auf Erden; die grossen probleme verlangen alle die grosse Liebe, und dieser sind nur die starken, rundern, sicheren eister fähig, die fest auf sich selber sitzen.

Nietzsche, Die Fröhliche Wissenschaft

Das ist Liebe bei Jesus und Stärke bei Nietzsche. Die „Schwachen“ jedoch, womit bei Nietzsche die Menschen des Ressentiments gemeint sind, zeichnen sie dadurch aus, dass sie ihr Leben nicht mit Disziplin, sondern mit äußerster Zügellosigkeit verbringen – für Nietzsche ein Symptom der Moderne. Aus der Überzeugung, es stünden einem jegliche Rechte zu, erwachsen neue Erwartungshaltungen – werden diese enttäuscht, tritt das Ressentiment ein. Aus diesem Grund ist die Moderne auch immer ein Zeitalter, das sich beständig selbst bekämpft. Das hat auch mit dem Konzept der negativen Freiheit zu tun: Ressentiment ist die primäre Form der Energiegewinnung bei einem Wesen, das sich selbst als Opfer höherer Mächte wahrnimmt – jede ideologische Protestbewegung braucht daher den Verweis auf eigene Märtyrer und externe Sündenböcke.

Sagt mir doch: wie kam Gold zum höchsten Werte? Darum, daß es ungemein ist und unnützlich und leuchtend und mild im Glanze; es schenkt sich immer…Unersättlich trachtet eure Seele nach Schätzen und Kleinodien, weil eure Tugend unersättlich ist im Verschenken-Wollen. Ihr zwingt alle Dinge zu euch und in euch, daß sie aus eurem Borne zurückströmen sollen als die Gaben eurer Liebe…Eine andre Selbstsucht gibt es, eine allzu arme, eine hungernde, die immer stehlen will, jene Selbst sucht der Kranken, die krankte Selbstsucht. Mit dem Auge des Diebes blickt sie auf das Glänzende; mit der Gier des Hungers mißt sie den, der reich zu essen hat; und immer schleicht sie um den Tisch der Schenkenden…Wenn euer Herz breit und voll wallt, dem Strome gleich, ein Segen und eine Gefahr, den Anwohnenden: da ist der Ursprung eurer Tugend. Wenn ihr erhaben seid über Lob und Tadel, und euer Wille allen Dingen befehlen will, als eines Liebenden Wille: da ist der Ursprung eurer Tugend.

Nietzsche, Also Sprach Zarathustra

Der Starke bei Nietzsche definiert Freiheit über die Selbstdisziplinierung als eine ständige Ausweitung der eigenen Fähigkeiten; der Schwache durch die nachhaltige Zerstörung von Grenzen, die ihn bei seiner Suche nach Befriedigung behindern. Der Schwache verachtet jegliche Autorität und benötigt die größtmögliche Freiheit um sich herum, denn er kann Regeln nicht ertragen. Er bricht sie aus eigener Kraftlosigkeit – in der Moderne lässt sich damit wenigstens noch Berühmtheit erlangen. Er verschwendet sich und nennt Freiheit, was nur Kraft- und Orientierungslosigkeit ist, Denkfaulheit und Unwille zum Leben. Stark wird man, so Nietzsche, indem man sich selbst Fesseln anlegt, Gewichte, mit denen man trainiert.

Schon Aristoteles fasste die Moral als eine Übung, ein Training auf, und Jesus schien ähnlich zu denken. Das beständige Gebet genauso wie die regelmäßige Gabe, von Jesus radikal ins Innere versetzt auf die Ebene des Gefühls, des Gedankens, des Bewusstseins, des Willens – des Sich-zu-sich-Verhaltens – ist ein Training für ein besseres Leben. Besser für den Mitmenschen, aber auch für den Einzelnen selbst. Die Demut beispielsweise geht nicht dem Gebet voraus, sie wird durch das Gebet als demütiges Sich-zu-sich-und-eine-Gott-Verhalten erst eingeübt. Sloterdijk spricht hier vom „anthropotechnischen Grundgesetz“, jenes

der autoplastischen Rückwirkung aller Handlungen und Bewegungen auf den Akteur…Die Tat erzeugt den Tätigen, die Reflexion den Reflektierten, die Emotion den Fühlenden, die Gewissensprüfung das Gewissen selbst. Die Gewohnheiten formen die Tugenden und Laster…

Sloterdijk, Du Musst Dein Leben Ändern

Es ist daher weitaus weniger als nur die halbe Wahrheit, wenn Ideologen behaupten, die primäre Aufgabe der Moral bestünde in der Kontrolle der Gläubigen – solche Aussagen sind nicht viel mehr als eine Rückprojektion einer modernen und äußerst zynischen Perspektive auf ein Phänomen, das weitaus reichhaltiger ist, als ihre Schulweisheit sich träumen lässt.

Die schenkende Tugend ist es, die den Menschen das Paradies näherbringt. Sie deutet auf die christliche Moral als Psychologie und Selbsttechnik hin: wer sie sich einübt, einverleibt, wer sich innerlich in Gedanken und äußerlich in Taten so verhält, der ist nicht ein guter Mensch im Sinne des äußeren Dogmas, des Gesetzes – er ist ein guter Mensch im Sinne der Selbstformung: er wird zu einem guten und innerlich reichen, starken, souveränen, Menschen. Wie Nietzsche im Antichrist dann tatsächlich über Jesus schreibt, der sich ja auch spöttisch über die braven, gesetzestreuen Pharisäer geäußert hatte, die gemeint hatten, „gut sein“ beschränke sich rein darauf, das Gesetz zu befolgen:

Er hat mit der ganzen jüdischen Buß- und Versöhnungslehre abgerechnet; er weiß, wie es allein die Praktik des Lebens ist, mit der man sich ‚göttlich‘, ‚selig‘, ‚evangelisch‘, jederzeit ein ‚Kind Gottes‘ fühlt…Der tiefe Instinkt dafür, wie man leben müsse, um sich ‚im Himmel‘ zu fühlen, um sich ‚ewig‘ zu fühlen, während man sich bei jedem anderen Verhalten durchaus nicht ‚im Himmel‘ fühlt: dies allein ist die psychologische Realität der ‚Erlösung‘.

Nietzsche, Antichrist

Der „Antichrist“ Nietzsche sieht die Erlösung in der Praxis eines Lebens, das sich Jesus zum Vorbild nimmt, und nicht darin, seine Sünden für irgendein Jenseits abzuzahlen. Die Erlösung, das Paradies ist spirituell, keine Belohnung und auch kein konkreter Ort. Nietzsche nimmt für einige wenige Augenblicke das psychologische Christentum Dostojewskis ernst und führt es weiter. Die Erlösung findet im Innern statt:

Wenn der Verbrecher selbst, der einen schmerzhaften Tod leidet, urtheilt: ‚so wie dieser Jesus, ohne Revolte, ohne Feindschaft, gütig, ergeben, leidet und stirbt, so allein ist es das Rechte‘; hat er das Evangelium bejaht: und damit ist er im Paradiese…Das Reich Gottes ‚kommt‘ nicht chronologisch, historisch, nicht nach dem Kalender, etwas, das eines Tages da wäre und Tags vorher nicht: sondern es ist eine ‚Sinnes-Änderung im Einzelnen‘, etwas das jeder Zeit kommt und jeder Zeit noch nicht da ist… (Nietzsche, Antichrist 154)

Mit seiner schenkenden Tugend befindet sich Nietzsche ungewollt weiter auf christlichem Territorium. Denn jenes Paradox der Gabe, das bereits zahlreiche Soziologen und Kulturwissenschaftler fasziniert und verwirrt hat, ist leichter aufzulösen, wenn man sich dessen religiöser Wurzeln besinnt und darauf hinweist, dass das christliche System auch ein moralisches Training, eine Selbsttechnik darstellt. Jesus vermehrt Brot und Fische, macht aus Wasser Wein…Vergessen wir nicht, Jesus war ein Psychologe! Gerade Dostojewski hat dies bereits erkannt. Es geht bei diesem Gleichnis daher nicht primär darum, dass wirklich Brot und Fischer vermehrt wurden. Es ging um das Beispiel und auch um den psychologischen Effekt, den die Gabe auf den Gebenden hat. Hier liegt das eigentliche, das erlösende Wunder, und hier die Lehre für Jesu Jünger. Es ist unser scheinaufgeklärter Materialismus, welcher der christlichen Moral den „Realismus“ des egoistischen Handels entgegensetzt, als wäre die Gabe nichts anderes als eine für den einzelnen schädliche Selbstlosigkeit. Spötter wie Nietzsche ergötzten sich daher auch gerne an dem sich ergebenden Widerspruch – dass der Altruismus auch immer schon Egoismus ist – und glaubten, damit einen wunden Punkt des Christentums getroffen zu haben.

Die Brotvermehrung als Vorbild: für die tätige Nächstenliebe und ihre Rolle nicht nur in der Verbesserung der Welt, sondern in ihrer Heilung. Und so wie bei Jesus das Individuum entscheidend ist, so findet auch die Heilung zunächst im Einzelnen statt, und zwar im Gebenden, der durch seine Gabe, das, was er innerlich besitzt, vermehrt: Dies ist das eigentliche Wunder, und das sollen ihm die Jünger nachtun: Loslassen können, wenn es Zeit ist, loszulassen von den Dingen, die gar nicht wichtig sind.


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