QAnon und die Konstruktion weißer Opferidentität

QAnon und die Konstruktion weißer Opferidentitäten

Auf diesem Blog wurden bereits Versuche unternommen, die derzeitige Hochkonjunktur von Verschwörungstheorien zu erklären. Dieser Artikel soll eine weitere Facette des Komplexes beleuchten; er liefert keine alleinige Erklärung für das Phänomen, sondern eine von mehreren möglichen.

Die heutigen Identitätspolitiken folgen in nicht wenigen Punkten der Logik der „Clans“, wie Axel Meyer vor einiger Zeit in der Neuen Zürcher Zeitung bemerkt hat:

Wir leben im Zeitalter der Identitätspolitik, die sich nur für die Einzelinteressen bestimmter Gruppen (Farbige, LGBTQ, Frauen), also eines Clans, manchmal auf Kosten der Gesamtheit einsetzt. Die „guten“ Menschen wenden einfach das Wir-gegen-die-anderen-Schema an, auf das wir seit je getrimmt sind, ohne uns dessen bewusst zu sein. Was diese Stämme in der Politik vereint, ist, dass sie sich als Opfer einer vermeintlichen Unterdrückung des Systems sehen. Die vermeintlich guten Ziele zu grösserer Diversität ersticken dabei den freien Austausch von Ideen und die offene Debatte mit Fakten und Argumenten.

https://www.nzz.ch/feuilleton/diversitaet-zaehlt-mehr-als-wahrheit-wie-sich-die-akademie-ins-intellektuelle-abseits-manoevriert-ld.1419007

Im Artikel wird unter anderem auch der Sozialpsychologe Jonathan Haidt zitiert, der explizit „tribale“ Verfahrensweisen erkennt, die auf gefährliche Weise jene Muster ansprechen, die unserer evolutionären „Verschaltung“ entsprechen:

“Students memorize diagrams showing matrices of privilege and oppression. It’s not just white privilege causing black oppression, and male privilege causing female oppression; its heterosexual vs. LGBTQ, able-bodied vs. disabled; young vs. old, attractive vs. unattractive, even fertile vs. infertile…A funny thing happens when you take young human beings, whose minds evolved for tribal warfare and us/them thinking, and you fill those minds full of binary dimensions. You tell them that one side of each binary is good and the other is bad. You turn on their ancient tribal circuits, preparing them for battle. Many students find it thrilling; it floods them with a sense of meaning and purpose.””

Jonathan Haidt

Der Fokus auf Minderheiten als Opfer einer diskriminierenden Mehrheitsgesellschaft – Standard auf Lehrplänen und im heutigen Diskurs – trägt zum Entstehen einen, opferbezogenen „Tribalismus“ bei, der hinter unserer aktuellen gesellschaftlichen Polarisierung steckt.

Soweit, so bekannt: Wir beobachten seit Jahren die Ausbreitung entsprechender Logiken im Diskurs: Die Schlagworte sind „Politische Korrektheit“, „Woke Culture“, „Social Justice“, „Critical Whiteness“, „Intersektionalität“ etc. Hier wird die Gesellschaft radikal unterteilt in eine immer schon privilegierte weiße Oberschicht und eine in vielfältigen partikularen Minderheitenidentitäten aufgefächerte Unterschicht. Diese Diskurslogiken produzieren unter anderem folgende Resultate:

  • Um nicht in den Verdacht der Diskriminierung zu gelangen, müssen Mitglieder der Mehrheitsgesellschaft ihre Identität universalisieren, d.h. auf partikulare Äußerungen im Hinblick auf die eigene Identität so gut es geht verzichten, da jeder solchen Äußerung ein Diskriminierungspotenzial innewohnt: Daher ist auch eine Leitkultur innerhalb der heutigen Diskursformationen inakzeptabel geworden, da eine solche als Äußerung der Mehrheit der intersektionalen Logik nach immer schon diskriminierend sein muss.
  • Authentizität kommt nach dem postmodernistischen Kahlschlag nur noch Minderheitenidentitäten zu, die Mehrheit sieht ihre Werte als Konstruktionen entlarvt und ihre Traditionen gebrandmarkt.
  • Ebenso wird die Position der Wahrheit, das Privileg des Wahrheit-Sprechens primär Minderheiten zugesprochen; Wahrheit kann von der Mehrheit in dieser Diskursformationen gar nicht mehr kritiklos artikuliert werden.
  • Ein ausgesprochen positiver Bezug zur eigenen Tradition ist in der aktuellen Diskursformation zunehmend nur noch Minderheiten möglich, da die abendländisch-deutsche Tradition überall (und sogar bei Aufklären wie Immanuel Kant) Rassismus am Werke sieht und positive Bezugnahmen daher leicht im Diskurs abgestraft werden können.
  • Gemäß den dominanten antirassistischen Theorien ist der weiße Mensch immer schon mit der Schuld des Rassismus und dem Erbe des Kolonialismus behaftet. Mit dieser Schuld, einem permanenten Vorwurf, gilt es nun zu leben, entkommen wird man ihr nie.

Es ist diese Diskursformation, die im Jahr 2020 den Siegeszug der weißen Verschwörungstheorien entscheidend mitbegünstigt hat. Dass Donald Trumps Wahl ins Präsidentenamt auch eine Reaktion vieler (nicht nur, aber primär) weißer US-Amerikaner auf das Ausbreiten der Politischen Korrektheit zu verstehen ist, wurde bereits verschiedentlich angemerkt. Im Verlauf der Covid 19-Pandemie setzten sich dann auch in Deutschland Verschwörungstheorien durch, die offen antisemitisch und rassistisch eingestellt sind und von denen das ziemlich absurde QAnon noch die bekannteste Variante ist.

Hierüber wurde bereits in den Medien oft diskutiert. Leider ist ein entscheidender Aspekt am Erfolg von QAnon & Co. bisher unbeleuchtet geblieben: Dass nämlich der Erfolg dieser Theorien auch der Tatsache geschuldet ist, dass sich hier das weiße Mehrheitssubjekt mithilfe der dominanten Logiken heutiger Minderheitendiskurse selbst als Minderheit reinszeniert. Über QAnon und ähnliche Verschwörungstheorien (von den Reichsbürgern über verschiedene Rothschild-Fantasien bis zur Reptiloiden-Vorstellung) konstituiert sich das vormals dekonstruierte und in seinen Resten als unrettbar diskriminierend enthüllte weiße Subjekt neu als selbst unterdrückte Minderheit. Wie früher linke Ästhetiken von rechten Hetzern kopiert wurden, so werden jetzt auch progressive Diskurslogiken von einem neuen rechten Identitätsdiskurs übernommen.

Dabei ist es jedoch notwendig, in Ermangelung realweltlicher Diskriminierung auf Fantasien der Unterdrückung zurückzugreifen. Hier spielt die Verschwörungstheorie eine entscheidende Rolle. Zwar finden sich auch in etablierten Minderheitendiskursen mitunter paranoide Elemente, die Realität von Diskriminierung und Rassismus ist jedoch nicht zu verleugnen. Bei der Übernahme dieser Identitätsdiskurse in das neurechte Programm der Identitätskonstruktion muss das Fehlen realweltlicher Unterdrückung durch Fantasien der Diskriminierung kompensiert werden, die sowohl dem medialen Fundus wie auch einer verballhornten Geschichte entnommen sind. Verschwörungstheorien und krude Verweise auf den Holocaust ersetzen so reale gesellschaftspolitische Unterdrückung. Im Zuge seiner Neuinszenierung als neues deutsches Opfer fantasiert sich das neurechte Subjekt in die Mitte einer gigantischen Verschwörung und erhält dadurch narzisstische Bestätigung und ein von jeglicher Schuld gereinigtes Identitätskonstrukt. In Abwesenheit von Beweisen braucht es dafür jedoch starke Bilder. So haben wir ein elfjähriges Kind, das sich aufgrund einer verkleinerten Geburtstagsparty mit Anne Frank vergleicht, oder “Querdenker“, die sich mit Opfern des Holocaust vergleichen.

Dass solcher Widersinn mitsamt der irrsinnigsten und widersprüchlichsten Verschwörungstheorien offen und resolut vertreten wird, zeugt davon, wie notwendig diese Fantasien sind für die Konstituierung des neurechten weißen Subjekts in seiner Krise sind. Dasselbe gilt für den beinahe schon inflationären Gebrauch von Sklaverei-Analogien durch Covid-Leugner, die, da zumeist der „Babyboomer-Generation“ entsprungen, für nahezu ihr gesamtes Leben das Privileg genossen haben, in einer der wohlhabendsten, freiheitlichsten Gesellschaften der Menschheitsgeschichte zu leben, inmitten der längsten Friedensperiode, die es in Europa wohl je gegeben hat. Um dem Bewusstsein dieses unerhörten Privilegs zu entfliehen, und es damit noch schuldfreier genießen zu können, fantasieren sich diese Mitglieder der weißen Mehrheitsgesellschaft in die Rolle von unterdrückten „Sklaven“, in vollkommener Verkennung des Schicksals von vergangenen wie auch heutigen Opfern der Sklaverei.

Entscheidend ist das Management von Schuld

Die neue Rechte inszeniert sich als Opfer einer Elite, um tiefsitzendes Ressentiment und narzisstische Verwundung in eine scheinbar stabile Identitätsform zu pressen. Während die identitätspolitische Linke wenigstens auf reale Gesellschaftsverhältnisse verweisen kann, muss die Rechte Zuflucht zu Verschwörungstheorien nehmen. Nur so kann der privilegierte weiße Deutsche an den dominanten Formen des politischen Diskurses unserer Zeit teilhaben, ohne auch nur ansatzweise die Position des Täters besetzen zu müssen, die ihm laut intersektionalen Theorien immer schon zukommt.

Man kann dieses Phänomen auch als Aspekt jenes nihilistischen Ressentiments betrachten, das Nietzsche für das Europa des 20. Jahrhunderts vorausgesehen hat. Hier geht es darum, das eigene Schuldkonto erfolgreich zu managen. Angesichts eines deutlichen Anwachsens der historischen wie gesellschaftlichen Schuldbuchungen in seinem Gewissen sieht sich das weiße Subjekt mit einer Schuld konfrontiert, die es nur akzeptieren, abwägen, relativieren oder schlichtweg verleugnen kann. Der letztere Weg ist jener des Ressentiments: Hier kippt das Schuldgefühl um, hier wird die Schuld umgedreht, hier werden Sündenböcke gesucht, denen man all jene Negativposten überweist, die ansonsten das eigene Gewissen belasten würden.

Einmal mehr zeigt sich, welche Rolle kollektive Fantasien für die Konstruktion von Identitäten und den Vollzug individueller Existenz gerade im Zeitalter des Nihilismus mit seiner frei flottierenden, nicht mehr an die christliche Erbsünde gebundene Schuld spielen kann.

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