Konventionen als Bedingungen der Freiheit

Selbstformung, das ist die bewusste Gestaltung der eigenen Existenz, die Art und Weise, wie wir handeln, wie wir uns verhalten (auch uns selbst gegenüber). Früher waren es Konventionen, Traditionen, Regeln, Institutionen und Religionen, die aus einem anarchistischen Haufen gewaltbereiter Wilder so etwas wie eine friedliche Gemeinschaft geformt haben. Über viele Jahrhunderte hinweg entstand so langsam etwas, das sich als Zivilisation beschreiben ließe. Auf dieser soliden Basis wachsen wir heute auf, auch wenn wir dazu neigen, diese Basis komplett über Bord zu werfen, weil wir zu glauben pflegen, wir bedürften ihrer nicht. Natürlich sollte jede Generation Traditionen, Regeln und Konventionen hinterfragen – auf ihre Wirksamkeit wie auch auf ihre Relevanz hin. Auf all das Erbe jedoch komplett verzichten zu wollen, um blind dem Ideal der grenzen- und regellosen Freiheit, der Freiheit ohne gesellschaftliche Repression oder blinder Konvention, zu folgen, das ist schon fast selbstmörderisch. Sich dazu hinaufzuschwingen, selbst zu entscheiden, ob man Regeln und Moralvorstellungen folgen will, ist gefährlich, weil oft jenes, was sich als vernünftige oder authentische Entscheidung verkleidet, das Lustprinzip ist. Auf diesem baut unsere heutige Konsumkultur auf – aber auch unsere politische Kultur: Denn auch das Rechthaben, das Entrüsten, das Moralisieren kann ein Lustgewinn darstellen. Nicht alles, was es früher einmal an Konvention und Moral gab, war „Repression“ oder „Ideologie“. Oft gab es sehr gute Gründe für solche Regeln.

Auf Tradition und Moral, ja auch auf Konvention zu verzichten genauso wie auf die Regierung des eigenen Ichs – für sich selbst also keinerlei Regeln aufzustellen – führt, wie es bei Anarchie üblich ist, in die Unterwerfung vor dem Stärkeren: In diesem Fall vor jenen Mächten, denen es am besten gelingt, unsere Triebe und Wünsche zu aktivieren und hungrig zu halten, unser Lustprinzip anzusprechen und uns dazu einzuflüstern, das, auf was wir Lust haben, sei das Richtige und von uns frei gewählt.

Ohne Formung des Selbst keine Freiheit, kein Individualismus: Das ist die Replik, die wir Rousseau geben können. Freiheit ist nicht angeboren, man muss sie sich erarbeiten. Ohne Disziplinierung, ohne eine innere Kultivierung verfügt der Mensch nicht einmal über ein Potenzial für Freiheit. Ohne Traditionen, Regeln und Standards, wie der Philosoph Irving Babbitt in Richtung Rousseau schrieb, kein Individuum. Nicht umsonst hat sich der expressive Individualismus dort und da entwickelt, wo die Zivilisation bereits stark ausgeprägt war: In einer Gesellschaft, die, so Foucault, das „Disziplinieren und Strafen“ ungemein verfeinert hatte.

Wer frei sein will, muss sich selbst gegenüber so verantwortlich handeln können, dass es ihm gelingt, diese Freiheit herauszuarbeiten und zu bewahren. Er muss die Polyphonie der zahlreichen Stimmen in sich vereinigen können zu einer funktionierenden Einheit mit zeitlichem Bestand: Das Resultat nennt man gemeinhin Identität, und nur weil es nicht stofflich nachweisbar ist, nur weil es irgendwie auch sozial „konstruiert“ ist, sollte man nicht so einfach ohne Weiteres darauf verzichten. Weiter muss er seinen Willen trainieren und parallel zu den existierenden sozialen Konventionen und Traditionen eigene Standards für sich aufstellen. Wo diese Konventionen und Traditionen keine Gültigkeit mehr haben, ist die Arbeit am Selbst erheblich erschwert. Kein Wunder, dass primär linksorientierte Soziologen heute von einer „Verurteilung zur Freiheit“ sprechen können, nun, nachdem der „Neoliberalismus“ jede marxistische Utopie besiegt hat.

Der freie Raum, in dem sich der Mensch findet, wird nicht nur von „natürlichen Rechten“ abgesteckt: Der Einzelne gestaltet diesen Raum mit. Es ist durch Bildung, durch Reflexion, aber auch durch das Können, durch unsere Souveränität, dass wir diesen Raum, in dem wir uns befinden, anreichern, mit denen wir ganz neue Möglichkeiten entdecken, die nur für den da sind, der in der Lage ist, sie zu sehen. Dies ist mit Horizonterweiterung gemeint: Hierbei verschieben sich nicht nur die Grenzen, sondern auch die Wege, die Straßen, die Abzweigungen, vor allem aber auch die Dinge, die sich vor uns befinden und die wir nutzen können. Es reicht nicht, nur diesem Raum gegenüberzutreten und zu sagen: „Ich gehe meinen eigenen Weg!“ Hierfür benötigt es Können und Wissen, und manche Wegmarken sind durchaus nützlich, wenn man nicht abstürzen oder sich verirren will. Zur Freiheit gehört, sich bewegen zu können. Entscheiden zu können. Und das will gelernt sein. Das Leben in der Freiheit ist eine Artistik, und zu den wichtigsten Übungen gehören die Tugenden und damit die Moral, denn sie bezieht sich auf die Regierung des eigenen Selbst und damit auch den Einsatz aller anderen Formen von Können und Wissen.

Die Weisheit, die zum Beispiel hinter sozialen Konventionen steckt, welche von den verschiedensten Kulturen in Jahrhunderten herausgebildet wurden, besteht nicht selten darin, eine Form des Miteinanders zu ermöglichen, ohne dass man sich gegenseitig die Köpfe einschlägt; eine Form der Gemeinsamkeit auszuarbeiten, ohne dabei die Freiheit des Einzelnen allzu sehr zu beschneiden; dem Einzelnen eine Freiheit zu ermöglichen, mit der er selbst umgehen kann. Wichtige Informationen in leicht abrufbare Merksprüche zu kodieren – die meisten Kulturen der Weltgeschichte hatten einfach kein Wikipedia und auch kein Google. War der äußere Raum erst einmal durch Grenzen, durch Regeln befriedigt, konnte er gehegt und gepflegt, erweitert werden. Hier, im Rahmen einer Kultur, tat sich zum ersten Mal ein wirklicher Spielraum für das Individuum auf, indem es handeln konnte, Verpflichtungen eingehen, an die Zukunft denken, planen – sich verwirklichen konnte.

Je mehr die Kultur sich verfeinert hat, desto subtiler ist auch die Konvention geworden. Sie stellt sicher, dass wir uns nicht völlig vergessen, sie diszipliniert uns, auch zu unserem eigenen Vorteil. Der Einzelne lernt, sich nicht auf das egoistische und gleichzeitig selbstzerstörerische Lustprinzip zu verlassen. Bei all dieser Verfeinerung wurde jedoch vergessen, dass eine solche Erziehung auch dem Einzelnen an sich dient. Daher konnten die moralischen Rebellen des 19. Jahrhunderts genau an diesem Schwachpunkt ansetzen und die Moral als bloße soziale Konvention entlarven, als repressive Autorität von außen – vergessend, dass die Moral, die Tradition, die Regel zuallererst auch den Einzelnen und seine Freiheit schützten.

Die Konvention ist eines der Hilfsmittel, mit der es dem freien Individuum gelingt, sich verantwortlich zu verhalten und als freies Wesen zu erhalten, indem sie Verhaltensweisen vorzeichnet, die einen langfristigen Nutzen haben und damit das kurzfristig argumentierende Begehren oder den kurzfristig wirkenden Affekt – das Lustprinzip – ausschaltet. Auch wenn die Konvention vom Frankreich Louis‘ XIV bis zum viktorianischen England oder dem bürgerlichen Deutschland ihre Blütezeit erlebte, wurde sie doch zunehmend das, was wir heute gemeinhin unter ihr verstehen: eine Hülle, eine Maske, nicht mehr länger motiviert von einer zuvor noch recht einheitlichen Kultur, sondern ein loses Netz, das viele Individuen verband, die sich innerlich längst von ihr losgesagt hatten zugunsten ihres freien Selbstausdrucks oder radikaler Ideologien.

„The specter of limitlessness for those who are not gods is madness“ (Marlowe in Heart of Darkness)

In diesem Sinne sind wir heute noch Romantiker mit einem Achtundsechziger-Update: Wir setzen der Konvention weiterhin den scheinbar „freien“ Ausdruck entgegen. Die Regel ist uns so künstlich wie die Macht, der regellose Ausdruck dagegen der für uns einzig authentische. Von den Romantikern führt ein gerader Weg über die künstlerische Avantgarde und den von Surrealisten und Hippies banalisierten Freud zum Postmodernismus und unserer heutigen Stil- und Formlosigkeit. Wir sollten uns zumindest im Klaren darüber sein, dass wir nicht frei sind, wenn wir allein auf Sitte, Stil und Konvention, weil wir auf Ausdruck und Regeln pfeifen. Anstatt sie souverän zu beherrschen, werfen wir sie weg und sprechen nun so wie alle anderen auch, und gerieren uns affektgeladen, orientiert an den letzten Trends und all jenem, was uns schneller Spaß bereitet und uns das Aussehen von Individualität gibt: die absolute Austauschbarkeit von Hipstern ist da nur das aktuellste Beispiel.

Wir sind freier dank gewisser Konventionen, da diese uns in der Orientierung und der Selbstbeherrschung unterstützen; da diese uns dazu disziplinieren, nicht im Affekt, im scheinbar authentischen „Selbstausdruck“ zu denken und zu handeln und damit jenen Mächten unterworfen zu werden, die unser Begehren und Narzissmus am effektivsten ansprechen. Weil sie uns helfen, den Affekt zu kontrollieren und reflektieren. Natürlich können Konventionen auch unfrei machen. Nur hat uns der völlige Verzicht auf Konventionen und Regeln auch nicht befreit. Der eingeschlagene Weg ist nicht falsch, aber was wir brauchen, ist eine Kurskorrektur.

Generell gilt ja zum Beispiel das pseudo-freudianische Stereotyp, dass es schlecht sei, eigene Gefühle oder Wünsche zu unterdrücken: nur keine falsche Freundlichkeit, sei echt, wenn du sauer bist, lass es raus. Den Ärger, den Frust, die Wut, die ehrliche Meinung. Diese Einsicht hört man heute meistens am Ende von Problemgesprächen oder in den letzten verbliebenen Talkshows im Fernsehen und deren monologischen Erben auf YouTube. Nun, im Internet sind wir ja zum Beispiel ganz gut darin, die eigene Meinung rauszulassen – den Effekt sehen wir täglich- Der Hass verbreitet sich ungehemmt, und es fällt noch dazu auf, dass sich die Menschen in den sozialen Medien in Meinungen wie Aussehen eher neuen Konventionen unterwerfen als diese wirklich zu hinterfragen – was zahlreiche Studien übrigens belegen.

Mit Wut verhält es sich ähnlich, die ist nicht immer nur kathartisch, sondern oft auch selbstmotivierend: Sie macht uns oft nicht zufriedener, sondern noch hasserfüllter. Anders als wir gerne denken ist Wut eben nicht reinigend sondern selbsterhaltend: sie ebnet die Grenzen ein, die Selbst-Disziplin und –kontrolle, sie übt uns eine Haltung der Selbstgerechtigkeit ein, des Rechthabens, eine Haltung der Ignoranz gegenüber anderer Meinungen, und schafft sich damit, die Wut, eine Basis für zukünftige Abenteuer. Wie man es von Trieben allgemein kennt, ist auch die Wut nicht unbedingt etwas, das man rauslässt und dann ist erst einmal gut; sondern sie ist eine Kraft, der man durch ihr Ausagieren den Platz gibt, sich ein kleines Reich zu bauen, einen Brückenkopf, eine Basis, in der sie es sich einrichten kann, um daraufhin Schritt für Schritt ihr florierendes Reich zu erweitern.

Die Wut ist eine Konsequenz in sich selbst. Der nächste Wutausbruch kommt leichter, wenn man die erste Grenze überschritten hat; wenn man den ihr zugrundeliegenden Hass gegenüber anderen für sich selbst legitimiert und damit die Erlaubnis erteilt hat, über Mitmenschen negativ zu urteilen und sich das Recht herauszunehmen, dies auch noch in wütender statt reflektierter Weise zu tun – dem eigenen Trieb und nicht der Empathie statt zu geben; wenn man etwas Übung darin hat, das eigene schlechte Gewissen ruhig zu halten, zu überlisten und nachträglich mit Rationalisierungen zu besänftigen. Ähnlich verhält es sich mit dem Konsum: Etablierte innere Widerstände überwinden und konsumieren, das muss nicht nur kathartisch wirken, sondern kann dazu führen, dass wir gleich dabei hängen bleiben. So beschreibt es David Foster Wallace mit dem Alltagsfrust anhand eines Feierabendstaus oder langen Schlangen an den Supermarktkassen: Wir werden da gerne mal richtig wütend, und sauer, wenn es wegen irgendjemandem länger dauert (er hat das Obst vergessen zu wiegen, oder die PIN vergessen, etc.), und fühlen uns um wertvolle Frei-Zeit betrogen, aber hier bereits gibt es gute Gründe für moralische Reflexion und das, was Sören Kierkegaard „Entscheidung“ nannte und für absolut grundlegend hielt:

The point is that petty, frustrating crap like this is exactly where the work of choosing comes in. Because the traffic jams and crowded aisles and long checkout lines give me time to think, and if I don’t make a conscious decision about how to think and what to pay attention to, I’m going to be pissed and miserable every time I have to foodshop, because my natural default-setting is the certainty that situations like this are really all about me, about my hungriness and my fatigue and my desire to just get home, and it’s going to seem, for all the world, like everybody else is just in my way…and look at how deeply unfair this is: I’ve worked really hard all day and I’m starved and tired and I can’t even get home to eat and unwind because of all these stupid goddamn people…if I choose to think this way, fine, lots of us do – except that thinking this way tends to be so easy and automatic it doesn’t have to be a choice. Thinking this way is my natural default-setting. It’s the automatic, unconscious way that I experience the boring, frustrating, crowded parts of adult life when I’m operating on the automatic, unconscious belief that I am the center of the world and that my immediate needs and feelings are what should determine the world’s priorities.

David Foster Wallace, Kenyon Commencement Speech

Im Grunde kombiniert Wallace hier Aristoteles mit C.S. Lewis und seinen Erfahrungen aus der Jugend im Mittleren Westen um 2000. Man beachte auch den impliziten Verweis auf den Narzissmus.

Konventionen können uns aber nicht nur in der Kommunikation, sondern auch im Umgang mit uns selbst behilflich sein. Was sie jedoch nicht können, ist eine moralische Ersatzleistung darstellen; Moral selbst kann nicht auf solche Weise funktionieren. Hier hatte Nietzsche recht: Wer „gut“ ist rein aus Ehrfurcht vor dem Gesetz, der benimmt sich sklavisch in dem Sinne, dass ihm das Gute aufgedrückt wird, ohne dass er es selbst innerlich mit vollzieht. Er erlebt das Gute, das ja seine gesamten Denk- und Handlungsformen motivieren soll, als etwas Äußerliches, einen Zwang – und er wird irgendwann dagegen rebellieren, wie es die nachromantischen Bewegungen schließlich auch getan haben. War die Moral einmal als Konvention kodifiziert, hatte sie ihr eigenes Todesurteil unterschrieben, denn sie muss immer innerlich nachvollzogen und motiviert werden. Nietzsche lebte in einem solchen Zeitalter, und keine Altphilologie der Welt konnte ihn auf den Trichter bringen, dass die Moral seiner Griechen eine Übungstechnik war und keine gesellschaftliche Konvention.

Doch nicht nur die antiken Griechen, auch die frühen Christen kannten so etwas wie die Selbstformung. Bestes Beispiel dafür sind die frühkirchlichen Asketen. Überhaupt ist der christliche Moralkodex voll von solchen Übungsanleitungen. Was dort als Erbsünde konzipiert wurde, was im Katholizismus durch die Liturgie geschaffen wurde, war eine Disziplinierung des Menschen im Namen der christlichen Freiheit und entgegen solcher allzumenschlicher Tendenzen wie Hybris, Egozentrik, Egoismus und auch Narzissmus. Ja, christliche Freiheit – für die meisten von uns ein Widerspruch in sich, weil Christentum für uns eben doch vor allem eines bedeutet: Disziplin, Dogma, Ritual. Einen päpstlichen Index, der selbst Ende des 19. Jahrhunderts noch sogar katholische Autoren wie J.K. Huysmans verbieten wollte.  Aber – von Dogmen, Indexen und päpstlichen Machtansprüchen abgesehen – genau diese Rituale und Dogmen sind es, die den Menschen dadurch befreien KÖNNEN, dass sie ihn disziplinieren und ihm helfen, seine Triebe zu beherrschen. Christliche Dogmen, Rituale, Gebete, Pflichten sind nichts anderes als Übungstechniken – nur ist dieser Charakter unter der Last einer politisierten Kirche, einer abergläubischen Masse, machtgeiler Priester, gesellschaftlicher Trägheit, realpolitischer Notwendigkeiten und monotheistischen Visionen wie die eines strafenden Gottes ziemlich untergegangen und in das Gegenteil verkehrt worden.

Auf eine Moral, die auf der Vision eines strafenden Gottes mitsamt Folterkammer („Fegefeuer“) basiert, kann der autonome Mensch gut und gerne verzichten. Dasselbe gilt jedoch nicht unbedingt für die moralischen Lehren des Christentums, angewandt als Technik zur Selbstformung: Diese können dem heutigen Einzelnen durchaus dabei helfen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Wie C.S. Lewis formuliert:

…I am afraid that is the sort of idea that the word Morality raises in a good many people’s minds: something that interferes, something that stops you having a good time. In reality, moral rules are directions for running the human machine. Every moral rule is there to prevent a breakdown, or a strain, or a friction, in the running of that machine. That is why these rules at first seem to be constantly interfering with our natural inclinations.

C.S. Lewis, Mere Christianity

Von der romantischen, pseudo-freudianischen, post-marxistischen Perspektive aus betrachtet, handelte es sich bei diesen Übungen und Dogmen um die Unterdrückung des ursprünglich freien authentischen Menschen. Doch der christlicher Sichtweise zufolge geht es um nichts anderes als die Zügelung des Begehrens und damit die Befreiung des Menschen vor der Macht, die ihn effektiver als jede äußere Macht versklaven kann. Im Christentum verstand man früh, dass es Freiheit ohne Verantwortung nicht gibt, und dass der Mensch bei seiner Verantwortung sich selbst gegenüber auch von äußeren Institutionen abhängt, die ihm helfen, diese Verantwortung durchzusetzen – durch die Liturgie und das Dogma vor allem. Die Verantwortung besteht nicht einfach gegenüber dem Nächsten, sondern zunächst einmal gegen sich selbst: Der Einzelne muss in der Lage sein, mit seiner Freiheit vernünftig umzugehen und sie zu bewahren wissen. Was wir heute als Befreiung von christlichen Dogmen ansehen, ist oft unsere heimliche, unwissende Unterwerfung unter Rituale und Praktiken, die mitunter viel despotischer sind, sich jedoch als freiheitlich ausgeben. Gerade hier richtet die Einseitigkeit unseres Freiheitsdiskurses, dem es vor allem um die Wahlfreiheit geht, größten Schaden an. Und es muss nicht mal der klassische Konsum sein: Der narzisstische Mensch konsumiert ja nicht nur Produkte, sondern auch Liebe/Emotionen, Anerkennung, Aufmerksamkeit, Erfolg und vor allem sein eigenes Selbstbild.

Das Begehren, das in der Konsumkultur gelöst wird von Bezügen zu einer überindividuellen Moralvorstellung und traditionellen Verhaltensweisen/Ethiken und das dank der omnipräsenten Werbe- und Medienindustrie beständig angesprochen wird, ist das beste Beispiel dafür. Der Konsum ist nicht das Problem, wohl aber eine Kultur, die in der Verwöhnung des Selbst, in der instantanen Befriedigung aller Wünsche, kaum dass sie bewusst wurden, das Hauptaugenmerk legt. Das Problem ist also eine selbstbezogene Befriedigungskultur, die auf alles, was bisher immer den Menschen ausgemacht hat, keinen Wert mehr legt.

Freiheit und Individualismus, das ist unser Chiffre für das, was unser Leben wirklich regiert, auf was es wirklich ausgerichtet ist: Konsum. So erschöpft sich unsere Freiheit in einer endlichen Wahlfreiheit und einer narzisstisch verstandenen Meinungsfreiheit, die sich auf das eigene Ich beschränkt. Dass eine solche, von ethischen, religiösen und gesellschaftlichen Richtlinien entfernte Wahlfreiheit, die sich an der Lust ausrichtet, letztlich zu einem Umkippen der Freiheit führt, merkt ein Charakter in Wallaces Roman Infinite Jest an:

…what has happened when a people choose nothing over themselves to love, each one…Who has taught them to choose with care?…[S]omeone sometime let you forget how to choose, and what. Someone let your people forget it was the only thing of importance, choosing…Someone taught that temples are for fanatics only and took away the temples and promised there was no need for temples. And now there is no shelter…And you all stumble about in the dark, this confusion of permissions. The without-end pursuit of a happiness of which someone let you forget the old things which made happiness possible.‘

David Foster Wallace, Infinite Jest

Wallace selbst hebt folgerichtig das Defizit im gängigen Freiheitsverständnis hervor, wie es auch von Start-Up-Gründern, utilitaristischen Philosophen und neoliberalen Ökonomen verherrlicht wird:

Jacking the number of choices and options up with better tech will remedy exactly nothing so long as no sources of insight on comparative worth, no guides to why and how to choose among experiences, fantasies, beliefs, and predilections, are permitted serious consideration in U.S. culture.

David Foster Wallace, „E Unibus Pluram“

„Mach das, wonach dir ist,“, „Träume deinen Traum“, so flüstert es uns die Medien- und Konsumkultur ein, die Startups und Tech-Unternehmen, und kein Politiker, kein Autor will sich seine Ratings versauen und diesen Träumen widersprechen. Ich weiß, dass ich nicht töten soll, nicht stehlen, etc., das Gesetz beachten – warum? Weil man das nicht tut? Weil es unmenschlich ist? Diese Gründe sind für uns einleuchtend, weil wir den moralischen Rahmen noch etwas miterzogen bekommen haben, aber reichen sie aus? Immerhin ist dieses Moralverständnis nicht absolut, sondern so relativ, zeit- und gesellschaftsgebunden, dass niemand verpflichtet ist, es wirklich, absolut und innerlich, für sich zu übernehmen. Das „Warum?“ der moralischen Fragen ist für uns meistens eine krude Mischung aus Angst vor Strafen, Gewohnheit, genereller Faulheit und dem Wunsch, einem schlechten Gewissen zu entgehen. Es ist der soziale, politische, juristische Kontext, der uns die moralische Entscheidung heute größtenteils abnimmt. Aber reicht das aus, um aus uns wirklich moralische Menschen zu machen? Reicht es aus, um aus uns freie, sovueräne Menschen zu machen? Uns eine Form der Identität zu gewährleisten?

Dabei gibt es gute Gründe für moralisches Verhalten – Gründe, die weit über diesen Schein-Gegensatz von Egoismus und Nächstenliebe hinausgehen, und die mit der eigenen Freiheit zu tun haben. Das Konzept der Selbstformung verbindet dieses Ideal der Freiheit mit dem Gebot der Disziplin und Autorität. Beim moralischen Verhalten geht es auch darum, die eigene Souveränität auszuarbeiten und zu erhalten; darum, sich mit der eigenen Lebensführung gegen im Unterbewussten waltende Mächte und für eine gesunde, an langfristigen und überindividuellen Zielen orientierte Lebensweise zu entscheiden; darum, sich zu einer Persönlichkeit zu entwickeln, die in der Lage ist, gegen augenblickliche Begierden, Impulse und Reize zu entscheiden. Innerhalb einer Aufmerksamkeitsökonomie, die es perfektioniert hat, diese Augenblicksbegierden anzusprechen und damit Geld zu verdienen, kommt einer solchen Disziplinierung des Selbst in eine souveräne Persönlichkeit echter Freiheitswert zu. Es handelt sich also nicht darum, in einer moderner der Askese dem Konsum oder der Lust zu widersprechen – sondern darum, sich als eine Persönlichkeit auszubilden, die in souveräner Freiheit auswählt, was gut für sie ist und was nicht. Das muss nicht notwendig deckungsgleich mit herrschenden Konventionen sein, aber auch nicht unbedingt in völligem Widerspruch dazu.

In den 1980ern dachte man bei „Selbstverwirklichung“ noch, wie Roger Scruton anhand einer Umfrage erzählt, an berufliche Felder wie Pädagogik, Finanzwirtschaft und Medizin:

Children then, it seems, aimed to be socially useful and socially respected. A similar survey commissioned by Sky Television’s Watch channel in 2009 delivered, as the three top career choices, sports star, pop star and actor: careers which arrive by some unpredictable turn of the wheel of fortune and which cast a spotlight on the one who pursues them without necessarily being either useful or respectable in the eyes of the rest of us.

Roger Scruton, How To be A Conservative

Selbst die Wege, die zur Selbstverwirklichung führen, wurden bereits von der Konsumkultur kolonisiert. Inwiefern sie also wirklich zur Verwirklichung eines Selbst führen und nicht zum Leben in einer Traumwelt mit einem idealisierten Selbst: diese Frage stellt sich heutzutage noch viel mehr als damals in den 1980er Jahren.

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