Die Übung bei Foucault und Wallace

Übung als Anthropotechnik, darüber schrieb in den letzten Jahren unter anderem Peter Sloterdijk (Du Musst Dein Leben Ändern). Der Topos des Übens ist zentral in der menschlichen Kulturgeschichte, ebenso jener der Selbstformung, wie sie der Althistoriker Pierre Hadot und nach ihm der poststrukturalistische Denker Michel Foucault für die Antike und das frühe Christentum untersucht haben. In seiner späten Vorlesungsreihe zur „Hermeneutik des Subjekts“ stellte Foucault auf Basis von Hadots Arbeiten das antike Prinzip der „epimeleia heauton“ vor, die er als die prägende philosophische Haltung des antiken Griechenlands heraushob. Diese Haltung besagte: „You must attend to yourself, you must not forget yourself, you must take care of yourself“. Sie ist nicht einfach eine aktive Praxis, sondern eine ganzheitliche Art der Einstellung zu sich, zu seinem Handeln, aber auch seinem Denken und seinem Betrachten: „The care of the self implies a certain way of attending to what we think and what takes place in our thought.“ Die „Sorge um sich“ beschreibt also weniger ein konkretes moralisches Regelwerk, das sich im Handeln des Einzelnen niederschlägt, sondern eher eine Art, wie man sich zu sich (seinen Gedanken und Gefühlen) verhält und wie man auf Basis dieses „gesünderen“ Verhaltens besser urteilt und handelt. Hierunter fällt vor allem auch das Urteilen über die Dinge, die man zu sich nimmt, die man konsumiert, sowohl real als auch über die Fantasie. Diese „Sorge um sich“ war jedoch bei den Griechen nicht einfach Ausdruck eines radikalen Egozentrismus, sondern vielmehr ein wesentlicher Bestandteil ihres Verständnisses von Freiheit: Nur wer Sorge für seine eigenen Haltungen und Gedanken trägt, wer sein Inneres pflegt und regelmäßig „reinigt“, wer damit die Herrschaft über seine Meinungen, seine Gelüste und Gefühle erhält, konnte für die Griechen als auch die vorchristlichen römischen Philosophenschulen als wirklich frei gelten. Kein asketischer Dogmatismus aus Spaßbremserei, wie uns die grimmigen Dorfältesten aus schlechten Serien und erfolgreichen Filmen weismachen wollen. Die stoische Askese unterschied zwischen natürlichen und unnatürlichen Begierden, um sich von Letzteren befreien zu können. Das Ziel bestand darin, frei, souverän und bewusst zu leben. Hadot weist darauf hin, dass die Epikureer, denen noch heute eine hedonistische Lustgartenmentalität angehaftet wird, ähnlich dachten. Sicher, sie betonten die Freuden des Lebens, aber auch für sie waren diese notwendigerweise geistiger Art. Ungeistige Freuden verachteten auch die Epikureer als Unterwerfung unter fremde Begierden. Was die grimmigen Stoiker und die entspannten Epikureer also eint ist die sokratische, existentialistische Erkenntnis, dass Philosophie immer schon Therapie ist, und die Grundfrage immer: Wer bin ich und wenn ja, was will ich. Genauso eint sie die Betonung des Geistigen MIT dem Körperlichen. 

Als Resultat einer solchen philosophischen Therapie stand das souveräne Subjekt, dass in die Lage gebracht werden sollte, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen, befreit von der Herrschaft der eigenen Triebe durch eine lebenslange Einübung einer körperlich-spirituellen Existenztechnik. Eine philosophische Tradition, die nicht abstrakt, sondern so konkret wie möglich war: eine Art ganzheitliche Lebenskunst, wie sie heute wohl nur noch der banalisierte westliche Buddhismus erahnen lässt. Wie Hadot über die Stoiker schrieb: „Philosophy did not consist in teaching an abstract theory…but rather in the art of living…a concrete attitude and determinate lifestyle, which engages the whole of existence.” Auch in der Antike warnte man vor der Entfremdung, aber man bewahrte sich vor ihr durch die Techniken der asketisch-philosophischen Selbstformung. Seit Rousseau bekämpfen wir die Entfremdung dagegen mit Revolutionen; wir suchen ihre Ursachen nicht mehr in uns, sondern bei irgendwelchen Sündenböcken out there.

Tatsächlich spielte in den antiken Lehren der Selbstformung die Meditation eine entscheidende Rolle; aber auch die konstante Gewissensprüfung, dauerhafte Achtsamkeit, die Befreiung von Leidenschaft und Begehren, sowie ganz allgemein die Kontrolle über die eigenen Handlungen, Gedanken und Gefühle. Wie bereits Aristoteles wusste, bringt nicht erst der tugendhafte Charakter die gute Tat hervor, sondern umgekehrt: Moralisch „gut sein“ ist wie andere Tugenden auch etwas, das man sich erst einüben muss, durch Willen, die richtige innere Haltung und tägliche Übung. Ethik ist Praxis.

Ich erwähne das nur deshalb , weil mir das nach vierzehn Jahren Schule und sechs Jahren Studium im Deutschland um die Jahrtausendwende quasi völlig neu war, dieser Ansatz, diese Denkweise, ja diese Philosophie. Ich entdeckte diese Denkschule eigentlich erst, nachdem mir selbst ein entsprechendes Lichtchen aufgegangen war. Davor hatte ich immer angenommen, ich bräuchte mich nur so verhalten, wie mir gerade war; nur dass wäre authentisch und damit wirklich „gut“. Ein erster Schritt hin zu einem aristotelisch-griechischen Verständnis von Existenz ging mir erst auf, nachdem ich aus verschiedenen Gründen, auf die ich hier nicht eingehen will, für eine Weile aufgehört hatte, mich in irgendeiner Form mit Sexualität zu beschäftigen. Entgegen meiner Erwartung war ich nach mehreren solcher abstinenten Wochen eben nicht scharf wie ein Hengst auf Koks, sondern in Körper und Geist so dermaßen desinteressiert an Sexualität, dass mich schon die Angst ergriff, komplett alle Menschlichkeit zu verlieren. Man kann sich also meine großen Augen vorstellen, als ich letztes oder vorletztes Jahr auf jetzt.de ein Selbstversuch über exzessive weibliche Selbstbefriedigung fand, in welchem die Autorin beschrieb, wie sie gerade durch ständiges Masturbieren immer sexualisierter wurde – sie sich also, um es mit Hadot/Foucault zu sagen, eine sexualisierte Beziehung zu sich und der Welt einübte:

Es ist erstaunlich, wie schnell sich meine Vagina an regelmäßige Betätigung gewöhnt hat. Es stimmt also: Je mehr Sex man hat, desto mehr will man davon. Auch, wenn es „nur“ Sex mit sich selbst ist…„Machst du überhaupt noch etwas anderes?“, fragt mein Freund, als er unerwartet mittags nach Hause kommt und mich im Bett vorfindet. Er hat Recht: Meine Arbeit lasse ich schweifen. Und „Sorry, muss masturbieren“ ist meine Standartantwort auf Anfragen jeder Art geworden. Vorgestern musste ich ein Konzert absagen, gestern ein Date mit meinen Freundinnen.

https://www.jetzt.de/sex/weibliche-masturbation-ein-selbstversuch-in-taeglicher-selbstbefriedigung

Was einen homosexuellen Hedonisten wie Foucault an Hadots Untersuchungen über jene philosophischen Schulen so faszinierte, liegt auf der Hand: Hier finden sich Anweisungen zum moralischen Leben, die ganz ohne Dogma, Zwang oder irgendeine Form der Vergöttlichung des Altruismus (also dessen, was Nietzsche fälschlicherweise als „Sklavenmoral“ bezeichnet hatte) und teilweise auch Christentum auskommen. Foucault drehte die ganze Sache etwas mehr ins individuell-ästhetische, genau in den Raum, den in den 1980er Jahren die „Ästhetik der Existenz“ und seine Studien zur Regierung einnahm. Für uns hingegen bieten diese antiken Trainingsprogramme die Möglichkeit, jenen Scheingegensatz zwischen Moral und Freiheit aufzulösen, der unser ganzes Denken spätestens seit der Aufklärung beherrscht.

Zu einer solchen philosophischen Technologie der Selbstformung gehörten moralische Regeln ebenso wie Übungen, um auch die eigene Fantasie- und Gedankenwelt zu managen: Denn von hier sprangen bekanntlich meistens die „bösen“ oder „ungesunden“ Handlungen. So ist die Sorge um sich also auch eine Sorge darum, was man denkt, wie man über die Welt und die Menschen urteilt, mit welchen Perspektiven und Haltungen man ihnen begegnet, welche Fantasien man pflegt, welchen Emotionen man nachgibt, und inwiefern sich dies alles auf unsere spirituelle Gesundheit und prinzipielle Offenheit, auf unsere Freiheit auswirkt; die Sorge darum, was in unseren Gedanken auftaucht. Meditation als Regulierung des inneren Diskurses, wie es Hadot ausdrückt; Philosophie als Therapie.

Interessant an diesen Analysen ist auch, dass die „Sorge um Sich“ durchaus auch einen Trainingsleiter kannte, also eine externe, personale Autorität als Grundlage der eigenen freien Individualität. Seneca spricht von einem Meister, der als notwendiges, externes Bindeglied zwischen dem Individuum und seiner Selbstkonstitution als souveränes Subjekt erscheint und vermittelt; notwendig gerade dann, wenn das Subjekt sich auf diesem Weg von Abhängigkeiten und ungesunden Gewohnheiten befreien muss:

„When it comes to transforming bad habits…the individuals way of being, when we have to correct ourselves, then a forteriori we will need a master…The subject can no longer be the person who carries out his own transformation.”

Foucault, Hermeneutics of the Self

Seneca erwähnt als Paradebeispiel den stultus, das typische Individuum, welches sich nicht um sich gesorgt hat und nun in seiner Grenzen- und Orientierungslosigkeit verharrt:

…Someone blown by the wind and open to the external world, someone who lets all the representations from the outside world into his mind. He accepts these representations without examining them, without knowing how to analyze what they represent. The stultus is open to the external world inasmuch as he allows these representations to get mixed up in his own mind with his passions, desires, ambition, mental habits, illusions…

ibid.

Der stultus, wie Foucault ausführt, ist zerbrochen in seiner Zeit, er erinnert sich nicht, er lässt die Zeit an sich vorbeirinnen, er hat keinen freien Willen, sein Wille äußert sich sogar nur sporadisch, und meistens will er verschiedene Sachen gleichzeitig, er möchte etwas und bereut es gleichzeitig; er ist faul oder unfähig, sich zu verändern. In einem solchen Fall ist es der Trainingsleiter, der Lehrer, der ihm eine helfende Hand reicht.

Wir kennen den stultus bereits aus unserer Kultur: Von den Gedichten Baudelaires über Gontscharows Oblomow bis zu Saul Bellows Dangling Man ist er eine klassische Figur der Moderne, regungslos verharrend oder hektisch hierhin und dorther irrend, aber doch nie von der Stelle kommend. „Prokrastination“ ist ein Trendbegriff für ein prägendes Symptom der modernen stultitia, und irgendwie auch etwas, dessen man sich gar nicht mehr schämt, sogar ein Status, den man vielmehr pseudo-selbstironisch öffentlich teilt. In der jüngsten Literatur stoßen wir auf David Foster Wallaces Infinite Jest und seiner Hauptfigur Hal Incandenza, die sich zunehmend dieser conditio moderna annähert und dank einer Mischung aus exzessivem Cannabis-Konsum, Verdrängung und mangelnder Selbstkonstitution in eine Sackgasse gerät, aus der er sich buchstäblich nicht mehr erheben kann. Am Ende des Romans liegt Hal regungslos da und verweigert jegliche weitere Handlung, willenlos, endgültig ein Gefangener.

Doch Wallaces Roman kennt noch weitere Formen der postmodernen stultitia: Seine süchtigen Charaktere kämpfen mit dieser Form der Willenlosigkeit, der Unterwerfung unter einen ihnen fremden Willen, der sich bei ihnen eingenistet hat und ihnen das Leben längst zur Hölle macht. Ihre Abhängigkeit lässt sich besonders daran erkennen, dass sie gleichzeitig von ihrer Sucht loskommen und das Suchtobjekt weiter konsumieren wollen. Infinite Jest skizziert ihren langen, beschwerlichen Weg hin in eine neue Freiheit durch das 12-Step-Trainingsprogramm der Anonymen Alkoholiker. In vielerlei Hinsicht weist es Parallelen mit der antiken Sorge um Sich auf. Auch hier gibt es eine quasi-existenzialistische Agenda, auch hier gibt es Regeln, Autoritäten, Dogmen, es gibt sogar einen „Gott“: Dabei darf sich jeder Teilnehmer selbst eine höhere Wesenheit aussuchen. Entscheidend ist nicht, welcher Gott ausgewählt wird, sondern nur: Dass man überhaupt einen Gott hat, irgendeine Figur, vor der man hinknien und beten kann. Das Gebet zu ihm ist elementarer Bestandteil einer Selbsttechnik: eine körperlich-geistige Einübung von Demut und Dankbarkeit und damit auch eine regelmäßige Einzäunung jenes egozentrischen Narzissmus, der die Basis für das ungehemmte Begehren bietet, dass nur Nahrung für die Sucht liefert. Banal klingende Klischees, Mentorenprogramme, und der bis zum Umfallen wiederholten Aufforderung, dem eigenen Leben eine neue Erzählung zu geben und diese mit anderen Süchtigen zu teilen, während man gleichzeitig Empathie mit deren Geschichten zu empfinden lernt: dies sind die Bausteine des AA-Programms. Und so beschreibt Wallace in den Episoden über die Anonymen Alkoholiker lediglich die postmoderne Self-Help-Variante dessen, was bereits die antiken Schulen der philosophischen Therapeuten kannten. Hadot spricht in diesem Zusammenhang von rhetorischen und dialektischen Überredungsmethoden, mit denen der eigene innere Diskurs kontrolliert werden soll. Es ist ein solcher Diskurs, der seinerseits die abstinenzwilligen Süchtigen dazu bringt, doch noch zur Zigarette, zum Bier, zur Droge zu greifen. Wer schon einmal von solchem Zeugs loskommen musste, wird diesen Kampf um die innere Diskursherrschaft, die Wallace meisterhaft beschreibt, leicht wiedererkennen.

Wallaces Erzähler merkt an, dass das ganze System von AA definitiv etwas von Gehirnwäsche hat, angesichts der Herrschaft der Sucht über das Bewusstsein des Süchtigen aber nun einmal dringend notwendig ist. Anders als das typische Subjekt nach der Aufklärung weiß er, dass es eine Art Zwang braucht, um die Freiheit zu begründen. Bei AA ist es eine Art Neuinstallation des Systems, in dem es darum geht, den Einzelnen wieder in die Lage zu versetzen, Entscheidungen zu treffen, die nicht länger von seiner Sucht diktiert werden – welche übrigens sehr gut darin ist, sich als „unsere ureigenste Stimme“ auszugeben.

In gewisser Weise erinnert das 12-Step-Programm an den französischen Existenzialismus, mehr jedoch an dessen Urvater, des dänischen Theologen Sören Kierkegaard. Für Kierkegaard war die Wahl, die Entscheidung das Wichtigste im Leben, und wer sich nicht für die Entscheidung interessierte, gab sich den dunklen Mächten hin, die für ihn entschieden – sprich Triebe und Lüste, die meistens keine langfristig guten Entscheidungen treffen. Auch hier wird deutlich, wie einflussreich Freuds Lehren für unser Zeitalter waren: Wo Freud noch glaubte, dass die Unterdrückung von Instinkten und Trieben zu schweren psychischen Krankheiten führte, sehen wir heute, wie sehr sie die Freiheit des Einzelnen einschränken können. Triebe werden nicht ausagiert, man lässt sie herrschen. Fatal wird es dort, wo die modernen Suchtmittel, aber auch die Aufmerksamkeitsökonomien der heutigen Tage, in ihrer neurochemischen Effektivität alles in den Schatten stellen, was sich ein visionärer Däne um 1840 so erträumen konnte.

Die französischen Existenzialisten übernahmen eine Menge von Kierkegaard – außer dessen christlichen Glauben, aber es gibt gute Gründe, weshalb die Anonymen Alkoholiker hier von einem Gott sprechen. Erfahrungsgemäß reicht es nämlich nicht aus, sich selbst aus dem eigenen Sumpf zu ziehen. Es braucht ähnlich dem antiken Meister eine höhere Macht, die den Alkoholiker unterstützt:

…as the experience of people in Alcoholics Anonymous shows, this admission and taking responsibility, however necessary, is insufficient for real change to take place. Merely admitting that my life is out of control and I am an addict is not enough to free me from an addiction. The problem is that people in the grips of alcoholism (or similar forms of distress) find themselves unable to fix the problem simply by force of will. This is why “12-Step Programs” such as Alcoholics Anonymous want members to seek the help of a “higher power,” however that is understood.

Evans, Kierkegaard

Die höhere Macht in AA fungiert als Autoritätsersatz in einer entspiritualisierten, post- oder spätmodernen, hyperindividualistischen Welt. Sie hilft dem Einzelnen, jene Demut einzuüben, die den Narzissmus hinter der Sucht besiegen kann. Es ist damit die Demut, die hinter wohl allen Religionsformen steckt, die hier gegen die wohl klassischste aller US-amerikanischen Tugenden – die self-reliance – ins Feld geführt wird.

Es gibt noch mehr Gemeinsamkeiten zwischen dem Programm der Anonymen Alkoholiker und der antiken Ausbildung des Einzelnen zum souveränen Subjekt: Senecas Meister wird in Wallaces Roman von der Figur des Sponsors repräsentiert, einen bereits erfahrenen Suchtkranken, den sich der einzelne Rekonvaleszent aussucht, um von ihm Unterstützung zu erhalten. Schließlich ist schon die Art und Weise, wie ein AA-Treffen aufgebaut ist, ähnlich der antiken Selbsttechnik: Auf jedem Meeting erzählen Teilnehmer ihre Geschichte, berichten von ihrer Sucht, ihren Erfahrungen und Gefühlen. Jeder darf sagen, was er will, nichts ist verboten:

There are, by ratified tradition, no ‚musts‘ in Boston AA: No doctrine or dogma or rules. They can’t kick you out. You don’t have to do what they say. Do exactly as you please – if you still trust what seems to please you…AA stresses the utter autonomy of the individual member. Please say and do whatever you wish. Of course there are about a dozen basic suggestions.

Wallace, Infinite Jest

Aber man lernt sehr schnell, dass hier nur die Wahrheit akzeptiert wird, und gerade jene, die in postmoderner oder ironischer Weise darauf zu verzichten können meinen, sind die ersten, die sich schnell zurück in der Sucht befinden: in jener Wahrheit, die sie niemals loslassen wird:

…it has to be the truth to really go over, here. It can’t be a calculated crowd-pleaser, and it has to be the truth unslanted, unfortified. And maximally unironic. An ironist in a Boston AA meeting is a witch in church. Irony-free zone. Same with sly disingenous manipulative pseudo-sincerity. Sincerity with an ulterior motive is something these tough ravaged people know and fear.

ibid.

Was Wallace hier beschreibt, findet sich in Foucaults Analyse der parrhesia als

…antiflattery: Speaking to the other in such a way that this other will be able to form an autonomous, independent, full and satisfying relationship to himself…Parrhesia is not an art but a specific particular practice of discourse defined by rules of produce, skill and the conditions that require one to say the truth at this moment, in this form, and to this individual.

Foucault, Hermeneutics

Die parrhesia ist eine Geste der Großzügigkeit: der Zuhörer soll mit dieser freien, wahren Rede selbst befreit werden, befreit auch von dem Sprechenden. Foucault beschreibt es als „Acting on others so that they establish a relationship of sovereignty to themselves.” Auch die parrhesia ist demnach Form einer Selbstformung, aber einer “institutionalisierten”; einer Übungshilfe durch den moralischen Trainer. Keine ironische, keine skeptische, keine ressentimentsgeladene Sprechweise, und auch keine narzisstische, die nur zum Ziel hat, den Sprechenden in welcher Weise auch immer ins beste Licht zu rücken, sondern eine freie und zugleich wahre Sprache: „By speaking freely, we encourage, intensify, and enliven…the students‘ benevolence towards each other thanks to having spoken freely.“ Die parrhesia des Meisters ist die Vorstufe zum Bekenntnis und damit zu jenem Zustand, in dem sich der Suchtkranke seinen wahren Zustand eingesteht. Es ist jener Zustand, der nötig ist, damit das Ich nun selbst die Wahrheit über sich sprechen kann. Die parrhesia unterstützt die eigene innere Aufrichtigkeit gegen den Teufelskreis aus Scham, Hass und Schuld, Ablehnung und Schuldzuweisungen, und ersetzt diesen durch eine Haltung der Güte und der Redlichkeit vor der Wahrheit.

Das Gegenstück zur negativen Freiheit lässt sich damit mit diesem Konzept der Sorge um sich beschreiben, die auch eine Sorge über die Freiheitsmöglichkeiten des Einzelnen sind. Diese Freiheitsmöglichkeiten definieren sich nicht mehr negativ, weg von der Autorität, sondern positiv, hin zur Souveränität.


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