Mündigkeit in der Covid-Pandemie

Ich habe mittlerweile doch einige Menschen kennengelernt, die nicht an Covid-19 glauben und das ganze Gewese drumherum für eine einzige Verschwörung halten.

Gestern meinte eine Bekannte, die Corona-Warn-App sei schon so leicht zu durchschauen, sie sei nur ein wenig spazieren gegangen, auf freiem Feld, niemand sonst da und plötzlich wird die App rot und zeigt an: „Achtung, Kontakt mit infizierter Person.“ „So lächerlich“, meinte meine Bekannte, „da ist doch gar niemand! Ha!“

Dass die Warnung eben erst zu dem Zeitpunkt kam, als diese infizierte Person sich via App als „infiziert“ gemeldet hat, also lange nach dem tatsächlichen Treffen, schien meiner Bekannten gar nicht in den Sinn zu kommen.

Eine andere Person aus meinem weiteren Bekanntenkreis ist schon aktiver unterwegs gegen die Verschwörung. Sie will sich nicht länger manipulieren lassen sondern „selbst denken“ und ist der Meinung, dass wir alle nur blind dem folgen, was man uns vorsetzt. Nichtsdestotrotz schaut sie abends gerne Sachen wie „The Masked Singer“, „Sommerhaus der Stars“ sowie verschiedene „Scripted-Reality“-Programme, Sendungen also, die es darauf angelegt haben, den Zuschauer vorzugaukeln, was er hier sieht, sei die pure, ungeschönte Realität. Sie hält das alles für echt, „doch, wirklich, der ist echt so dumm!!!“ sind meistens die Kommentare, wenn sie eines der entsprechenden Youtube-Filmchen teilt.

Die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit ist in diesem Fall so frappierend, dass ich mir den Kommentar dazu spare.

Eine dritte Person brüstet sich mir gegenüber seit Jahren, „keine Bücher“ zu lesen. Sei nur Zeitverschwendung. Musikalisch interessiert sich diese Person für „elektronische Sachen“, also nicht einmal hier was mit Texten, da ja doch immer nur so ein „Riesen-Bullshit“ gesungen wird. Ich hatte mal versucht, dieser Person zu erklären, welche Reichhaltigkeit der Erfahrung, Weisheit und Tiefsinnigkeit in beiden Medien liegen kann – denn sie scheint gar nicht zu ahnen, welche Welten in der Philosophie, der großen Literatur, den Singer-Songwritern heutiger und damaliger Zeiten, ja sogar im US-amerikanischen Folk zum Beispiel, von Bob Dylan einmal abgesehen, sich verbergen. Keine Chance. Dafür schaut diese Person gerne Youtube-Videos und hält sich nun für informierter als der Rest der Menschheit.

Und nun? Was soll man von diesen Menschen halten? Sind sie „dumm“? Das sicherlich erst einmal nicht, eine Person hiervon ist sogar Akademiker und beruflich sehr erfolgreich. Was dann? Nun, hier muss man wohl wirklich bis zu Immanuel Kant zurückgehen und seinem vielzitierten Satz von der Aufklärung als Befreiung aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit. Eine solche aus eigenem Bildungs- und Wahrheitsstreben sich ergebende Mündigkeit ist die Grundvoraussetzung für die Teilnahme an einer Demokratie. Wenn sich jedoch mehr und mehr Bürger dieser Grundvoraussetzung verweigern – und wir typisch deutsch meinen, es reiche aus, wenn der Staat das übernimmt, also so etwas wie Schulen existieren – dann wird es problematisch. Genau das zeigen uns die Bilder von gewalttätigen Demonstranten auf der Straße oder von Menschen im Bundestag, die Abgeordnete verfolgen und bedrohen. Und es zeigt das von mir geschilderte Verhalten dieser drei Menschen in meinem Bekanntenkreis, die sich für schlauer als Experten halten, ohne sich groß die Mühe der Recherche, der Quellenprüfung oder auch nur des konzentrierten Nachdenkens zu machen.

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