Den freien Willen trainieren

Der Philosoph Peter Bieri betont in seinem Buch über den freien Willen, Das Handwerk der Freiheit, wie wichtig Konventionen und Grenzen für die Freiheit sind. Genausowenig erschöpft sich Freiheit in einem Leben, das sich rein dem Moment hingibt. „Im Jetzt leben“, noch so ein Motto fürs eigene Profil und auch essenzieller Bestandteil der Versprechungen der Konsumkultur (z.B. die Mastercard Werbung mit „Living in the Moment: Priceless“): Laut Bieri ist ein solches Leben im Moment ein unfreies, denn man ist einzig den Launen des eigenen Willens unterworfen – eines Willens, den man nicht kontrollieren, mit dem man sich nicht einmal identifizieren kann. So ist für den Schweizer Denker zuallererst entscheidend, dass man sich selbst als Urheber der eigenen Tätigkeiten und Bewegungen erfahren kann, dass diese Bewegungen Sinn haben und von einem Willen geleitet werden. Freiheit liegt damit nicht so sehr im Erkennen von Spielräumen, sondern im Bestehen darin: Ich habe einen riesigen Spielraum vor mir und mag dort herumhüpfen, wie es mir gefällt, aber wenn ich dann sehe, wie jemand anderes in diesem Spielraum nicht nur hüpft, sondern zum Beispiel skatet oder fallschirmspringt oder Portugiesisch redet und sich in Brasilien in ein hübsches Mädchen verliebt, etc. erkenne ich: diese Person hat mehr Handlungsspielräume zur Verfügung, besitzt mehr Freiheit als ich. Einmal war unser Spielraum derselbe, nur: der des Anderen hat sich bedeutend vergrößert, oder er hat ihn selbst bedeutend vergrößert aufgrund von Fähigkeiten, die er sich angeeignet hat in mühevoller Arbeit und teilweise auch in Verleugnung der eigenen Wünsche. Dazu braucht es einen Willen, und dieser muss bestimmt sein, so Bieri, damit es der eigene Wille sein kann:

Das ist einfach deshalb so, weil jede Welt eine bestimmte Welt ist, die in ihrer Bestimmtheit Grenzen setzt und tausend Dinge ausschließt. Und wir brauchen diese Bestimmtheit und diese Grenzen, damit auch unser Wille jeweils ein bestimmter Wille sein kann.

Peter Bieri

Und so sind „Die Grenzen, die dem Willen durch die Welt gezogen werden…kein Hindernis für die Freiheit, sondern deren Voraussetzungen“ (ibid.). Innerhalb dieser Grenzen gilt es, den Willen zu lenken und sich zu seinem Urheber zu machen. Dies geht durch das Denken genauso wie durch das Handeln. Wir richten unseren Willen in eine Richtung. Wer darauf verzichtet, mag jahrelang Spaß haben beim Abfeiern und sich immer schön von der Allgemeinheit, der gesellschaftlichen Bräuche und Traditionen sowie dem common sense distanzieren; er wird lieber „frei denken“ als irgendein „Rädchen im System“ sein wollen („Besser als so ein Konformitätsscheiß im Büro“, erzählte mir mal eine gelangweilte Weihnachtsmarkt-Bonbonverkäuferin auf meine eigentlich gut gemeinte, aber natürlich ironische Feststellung, dass es sie hoffentlich nicht friere an diesem „arschkalten“ Tag), aber irgendwann wird er merken, dass sich seine körperlichen und geistigen Handlungsspielräume eingeschränkt haben. In all der Zeit haben sich jene scheinbar konformen Menschen ihren Willen und ihre Fähigkeiten trainiert, und nun tanzen sie durch die Welt, scheinbar mühelos. „Das Ausmaß, in dem uns das gelingt, ist das Ausmaß, in dem unser Wille Freiheit besitzt.“

Aber wie gelingt dies? Vielleicht ja so, wie Dichter, Schriftsteller, Philosophen und sogar Theologen uns seit Jahrhunderten erzählen: durch das Ausbauen von inneren Welten, durch die Arbeit am Ich wie an einer Kathedrale, durch die Einübung moralischer Handlungsweisen, bis sie Teil einer reifen Persönlichkeit werden. Solche grundlegend ethischen Handlungen, gerade im Bezug auf die Herausbildung einer Innenwelt und Persönlichkeit, sind für den äußeren Erfolg mitentscheidend, und eben deswegen wirkt sich die materialistische, konsumorientierte Spaßgesellschaft so problematisch aus. Genau hier findet sich das Spielfeld der Freiheit. Wie Bieri erläutert:

Darüber hinaus habe ich die Macht, mich diesem Prozeß des Entscheidens zu überlassen oder zu entziehen. Es ist diese Macht, welche die wahre Freiheit darstellt, und sie offenbart sich in der Erfahrung des inneren Abstands zu allem, was mit mir geschieht. Weil es Freiheit im Sinne dieses inneren Fluchtpunkts gibt, müssen wir nicht die Gefangenen unserer Vergangenheit bleiben.

Peter Bieri

Auch zur Entscheidung gehört die Souveränität, die Herrschaft über den Willen. Ein solcher „innerer Fluchtpunkt“ bietet die Chance, innerhalb all dies geschäftigen Treibens der Welt Abstand von der Welt und von mir zu nehmen, zu reflektieren, zu überlegen und damit einen Willen zu schaffen, der in gewisser Weise unabhängig ist von der Welt. Aber auch das will gelernt sein! Zum Beispiel mit Büchern oder generell komplexen Texten, die jedoch immer weniger rezipiert werden, eine Tendenz, vor der auch Jugendforscher zunehmend warnen.

Natürlich kann ich mir einreden, ich verhalte mich frei und meiner inneren Natur gemäß, wenn ich morgens meinen ersten Joint anzünde, der „Lügenpresse“ nichts mehr glaube, die Schule schwänze oder mich Jobs verweigere, in denen ich mich irgendwie nicht verwirklichen kann – aber wie sicher kann ich sein, dass nicht Werbung, nicht Ideologen, nicht falsch verstandene Ideale, nicht ein billiger Trotz auf die Gesellschaft, nicht eine unterdrückte Depression, nicht Frust, und nicht zuletzt eine beginnende Alkoholsucht mein Handeln bestimmen? Das ist ja schließlich das Prinzip der Werbung: uns dazu verleiten, so und so zu handeln und uns dabei glauben zu machen, wir wollten dies eben selbst genau so.

So ist es auch mit der Sucht, bei der man sich anfangs noch einredet, der Griff nach dem Suchtmittel entspringe der eigenen authentischen Entscheidung: dabei ist es schon längst die Sucht, die diese Wahl getroffen hat. David Foster Wallace, der die vielseitigen Mechanismen der Sucht in seinem Roman Infinite Jest dargestellt hat – und der sehr wohl wusste, wovon er schrieb –, nutzt die Metapher der Spinne im eigenen Kopf, um auszudrücken, wie sehr die Sucht den eigenen Willen bereits kolonisiert hat:

Eugenio Martinez over at Ennet House never tires of pointing out that your personal will is the web your Disease sits and spins in, still. The will you call your own ceased to be yours as of who knows how many Substance-drenched years ago. It’s now shot through with the spidered fibrosis of your Disease. His own experience’s term for the Disease is: The Spider.

David Foster Wallace, Infinite Jest

Wie kann ich wissen, ob meine Entscheidung wirklich frei ist? Zum Beispiel, indem ich sie auf Herz und Nieren prüfe, herausbilde, indem ich inneren Abstand nehme, reflektiere, mich von der Sache, dem Objekt genauso wie von der Welt und mir bewusst distanziere. Indem ich mir anschaue, wie andere, „große“ Menschen vielleicht, vor mir in solchen Situationen gehandelt haben. Indem ich eine innere Dialektik aus pro und contra in Gang setze und mein eigenes Verhalten dieser Dialektik gegenüber prüfe. Indem ich mir die Fähigkeit der Reflexion und des richtigen Urteils angewöhne. Indem ich meinen Willen trainiere. Dazu gehört auch, die rechten Gefühle sowie die rechte Wahrnehmung zu üben.

Wie bitte? Gefühle – trainieren? Wahrnehmung – trainieren? Den Willen? Auch das erscheint uns als blödsinnig und irgendwie extrem künstlich. Gefühle, Wahrnehmung, das sollten wir nicht vortäuschen oder irgendwie trainieren, sondern ausdrücken, so wie sie eben kommen. Aber wie kommen sie denn? „Naja, natürlich eben.“ „So. irgendwie.“ Nein: Gefühle und Wahrnehmungen sind nicht natürlich, sie sind ebenfalls habituell, antrainiert, eingeübt, eine Sache der Gewohnheit. Und je gewohnter wir etwas sind, desto natürlicher erscheint es uns – denn dann ist weder Mühe noch Bewusstsein dabei vonnöten. Aber freier, natürlicher, authentischer wird es dadurch nicht.  

Auch hier sind wir Erben Rousseaus und damit Romantiker: Vor ihm waren sich die Philosophen bewusst, dass man auch die Leidenschaften trainieren muss. Junge Männer heutzutage lernen zumindest in Herzensangelegenheiten schnell, dass die romantische Kombination von authentischer Leidenschaft und ewiger Liebe schon direkt nach dem ersten Sex mit der Angebeteten nicht so ganz hinhaut.

Roger Scruton betont die entscheidende Rolle von „emotionalem Wissen: „What to feel, how to express it. Being able to sympathize, to feel hate and to fight the feeling of hate in the right circumstances.“ (Scruton, Culture Counts) Wann sollte ich hassen, wann lieben, wann vergeben? Auch um solche Fragen geht es. Und natürlich um die Herausbildung von Empathie. Von der Aufklärung bis heute stritten sich Philosophen und Ökonomen darum, ob der Altruismus nun angeboren oder nichts mehr als ein Wunschtraum sei. Er ist keines von beiden: Er ist ein Ausdruck von Empathie, und diese gilt es zu lernen. Das Potenzial dazu, das ist angeboren. Der Rest ist kulturelle Arbeit. Wer übt, egal was, dessen Gehirn verändert sich. Wie der Neurobiologe und Verhaltensforscher Robert Sapolsky erklärt, haben zum Beispiel Musiker im „auditiven Kortex größere Repräsentationen musikalischer Klänge als Nichtmusiker.“ Wer dem Übenden ins Gehirn schaut, kann es beinahe schon beim Wachsen und Entwickeln beobachten . Für den Musiker ergibt sich daraus nicht nur ein Broterwerb, sondern eine ganz neue Welt voller Klänge und Freuden, von Sinn und Übersinnlichkeit. Heute dagegen muss man schon wirklich einen enorm ausgeprägten Drang zum regelmäßigen Üben haben, um dem Credo des „Sei, wer du bist“ zu entsprechen; und dem Üben sowie den Regeln der Kunst mehr Respekt beibringen, als es beispielsweise die heutige Kunstwelt tut, welche lieber regellos arbeitet und mehr auf Kritik und Intuition setzt, als auf die Kunst als Ausdruck von etwas, das größer ist als ein kleiner Moment.

Die britische Philosophin Iris Murdoch verweist außerdem auf die Rolle der Wahrnehmung bei der Herausbildung einer freien, moralischen Persönlichkeit: Auch Wahrnehmung und Bewusstsein sind für sie moralische Aktivitäten, und damit Phänomene, die mit einer moralischen Entscheidung zu tun haben. Worauf achte ich, wie achte ich darauf, was beachte ich nicht? Zen-Koans, zum Beispiel, sind laut Murdoch geradezu darauf angelegt, habituelle Wahrnehmungsmuster zu durchbrechen und mit ihren scheinbaren Paradoxa das Bewusstsein des Einzelnen herauszufordern zu Achtsamkeit und Reflexion. Ein weiterer Philosoph, Matthew Crawford, weiß Ähnliches zu berichten, wenn er die Aufmerksamkeitsökonomie mit ihrer präzisen Reizsteuerung zum großen Gegenspieler der heutigen Freiheit auserkort.

Auch Bieri benutzt in seinem Buch über den freien Willen den Ausdruck der „Arbeit am Selbst“:

Indem wir durch Überlegen und durch das Spiel der Phantasie einen Willen ausbilden, arbeiten wir an uns selbst. Wir geben dem Willen ein Profil, das vorher nicht da war. In diesem Sinn ist man nach einer Entscheidung ein anderer als vorher. Dieser gestaltende, schöpferische Aspekt des Entscheidens beruht…auf der Fähigkeit, einen inneren Abstand zu uns selbst aufzubauen.

Peter Bieri

Den eigenen Willen aneignen, artikulieren; einen inneren Abstand zu sich selbst und der Welt aufbauen; mit Phantasie und Kreativität die Möglichkeiten und Spielräume der Welt abstecken und erkunden: Hier wird deutlich, welche Rolle Philosophie und Literatur, aber auch Religion, immer noch spielen; wie zentral Aspekte wie „Wille“ aber auch „Seele“ sein können. Auch für Luc Ferry ist diese Funktion der Philosophie immer noch zeitgemäß, wenn nicht sogar so nötig wie nie:

…beyond coming to an understanding of oneself and others through acquaintance with the key texts of philosophy, we come to realise that these texts are able, quite simply, to help us live in a better and freer way…one does not philosophise to amuse oneself, nor even to better understand the world and one’s own place in it, but sometimes literally to ‘save one’s skin’. There is in philosophy the wherewithal to conquer the fears which can paralyse us in life, and it is an error to believe that modern psychology, for example, can substitute for this.

Luc Ferry, A Brief History of Thought

Die philosophische oder spirituelle Reflexion und Lebensweise aufgegeben zu haben zugunsten eines unreflektierten Lebens „im Hier und jetzt“, eines Kults der augenblicklichen Befriedigung: Dies liefert uns einer „Freiheit“ aus, die sich nur allzu leicht als gefräßiges Monster erweist – aber auch jenen Mächten, die uns im Namen der Freiheit unterwerfen, sei es zum bedingungslosen Konsum, der Sucht, sei es sogar noch zu reaktionären politischen Organisationen, die von Freiheit faseln und das Gegenteil meinen. Die Freisetzung des Lustprinzips 1968 war genau das, was die Konsumkultur benötigte.

Der Imperativ des Genießens, „der Befehl, Spaß zu haben“, der unsere Ökonomie in Schwung hält, stammt aus einer materialistischen Auffassung der Welt und des Einzelnen: Wieso muss ich mich um Themen wie Gott, Unendlichkeit, Paradies und Seele scheren, wenn ich doch ohnehin nur ein Tier bin, oder eine Ansammlung von chemischen Formeln? Wozu ein „gutes Leben“, wenn das Ziel doch ohnehin nur aus einem „Glück“ besteht, dass sich extern gezielt zuführen lässt mithilfe den Konsumprodukten oder gar chemischen Stoffen meiner Wahl?

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