Moral als Technologie des Selbst

“Everybody thinks of changing humanity and nobody thinks of changing himself.”

L.N. Tolstoi

Die Form gilt uns Deutschen gemeinhin als eine Convention, als Verkleidung und Verstellung und wird deshalb, wenn nicht gehasst, so doch jedenfalls nicht geliebt; noch richtiger würde es sein zu sagen, dass wir eine ausserordentliche Angst vor dem Worte Convention und wohl auch vor der Sache Convention haben. […] Indem man zum Natürlichen zurückzufliehen glaubte, erwählte man nur das Sich-gehenlassen, die Bequemlichkeit und das möglichst kleinste Maass von Selbstüberwindung.

Friedrich Nietzsche, Vom Nutzen und Nachteil der Historie

Im Zeitalter des expressiven Individualismus ist die Souveränität uns selbst gegenüber entscheidend für die Frage der Freiheit. Wir müssen uns selbst regieren können: dies ist die Grundlage einer freien Gesellschaft. Für die Griechen war solche Herrschaft über sich die entscheidende Voraussetzung für ein demokratisches politisches System. Freiheit mag ein Recht sein, Souveränität und Mündigkeit sind es nicht: Diese sind stattdessen Resultate einer harten, nicht aufhörenden Arbeit an sich selbst.

Das klingt für die meisten von uns wie ein Paradox, und doch war es jahrhundertelang, bei den Griechen wie auch den ersten Christen, eine Lebensweisheit, die gar nicht erst bewiesen zu werden brauchte – besondersfür jene Philosophen wie Aristoteles, Seneca oder Cicero, die den untrennbaren Zusammenhang zwischen der Selbstregierung des Volkes in einer Republik und die Selbstregierung des Einzelnen sahen; wer sich selbst nicht regieren kann, so das antike Credo, wird auch kein guter Bürger einer Republik sein können. Und er wird erst recht nicht frei sein können. Foucaults Behauptung, dass die moderne Freiheit auch nur eine besondere Form der Herrschaft sei, wurde schon von Philosophen wie Cicero noch vor Christus vorweggenommen, allerdings mit einem ganz anderen Akzent. Für den antiken Philosophen benötigt das Gemeinwesen freie Bürger, um zu überleben – es muss die Fähigkeit, frei zu sein, aber erst einmal in ihren Bürgern hervorbringen. Wir ahnen es vielleicht jetzt, nachdem wir die Erziehung zur Freiheit aufgegeben haben und unsere Mitbürger nun zunehmend den Sirenengesängen der Populisten und Aufmerksamkeitskapitalismen verfallen.

In meiner Schulzeit kam uns so etwas jedenfalls gar nicht in den Sinn. Ich selbst bin in einem Bekanntenkreis reif geworden, indem „man selbst sein“ mitunter der einzige wirklich wichtige, wirklich bindende Wert war, der alle Handlungen bestimmte. Für einige von uns hieß das, vor allem ein Ziel zu verfolgen: fernsehen, saufen, kiffen, feiern, alles andere kam halt so mit dazu, nebenbei. Wie einer meiner besten Freunde anerkennend auf meine Abitursbuch-Seite schrieb: „Granatenkumpel! Party und Simpsons wichtiger als Schule!“ Erziehung und überhaupt alles verachten, was irgendwie Leistung von einem fordert und damit Teil eines Systems war, das man ablehnte. Die einen nahmen das ernst, die anderen taten nur so, und die coolen Streber wurden toleriert. Irgendwann wurde man dann erwachsen und orientierte sich am Eigennutz, ohne groß noch über die eigenen Prinzipien nachzudenken.

Vielen von uns ging es damals darum, Konventionen über Bord zu werfen und dabei Spaß zu haben. Wir wollten „wir selbst“ sein, und nicht den Regeln folgen, die andere uns vorgaben und die, das wusste, doch jeder, für uns nicht gelten. Warum auch? Autorität, Regeln, Moral, diese Dinge haben wir wie viele Post-Rousseauisten auch als falsch anerkannt, als ein Repressionssystem, welches das authentische Ich, das ja nur feiern und gute Laune haben wollte, unterdrückte. Wir Menschen könnten alle Brüder sein, wären da nicht diese kulturellen und moralischen und religiösen Vorstellungen, die uns alle voneinander trennten und von uns selbst entfremdeten. „Religion: It’s why we don’t have nice things“, ein Spruch auf T-Shirts und Facebook-Timelines, der mir immer wieder begegnet. Alles, was wir spontan wollten, war dagegen richtig. Konvention, Tradition, Moral, das war falsch, authentisch nur das Innere. Regeln waren für Spießer oder Stresser oder ernste Typen, die nur Ärger machten und schlechte Laune verbreiteten. Regeln waren der Grund, so dachten wir, weshalb Menschen nicht miteinander klarkamen. Wir kackten auf die Regeln und wollten mit allen klarkommen. Soll doch jeder tun, was er will…

In diesem Sinne waren wir, die wir unser Abitur um das Jahr 2000 gemacht hatten, einer postmaterialistischen Ethik und dem von den 1968ern freigesetzten Lustprinzip verpflichtet. Gleichzeitig studierten viele von uns dann doch BWL oder etwas in der Richtung und einige passten sich schnell an die herrschenden Verhältnisse an. Das Lustprinzip regiert natürlich weiter, nur konformistischer, was angesichts der herrschenden Konsumkultur mit ihrem Imperativ aber auch kein Problem mehr ist.

Was manche von uns zu spät erkannten: Dass unser innerer Trieb oft alles andere als authentisch war. Dass die Stimme in uns, die dies oder das wollte, meistens gar nicht wirklich in uns war. In meinem Fall bemerkte ich das erst, als es darum ging, damit aufzuhören, täglich eineinhalb Schachteln Zigaretten zu rauchen. Hier lernte ich zum ersten Mal, dass es in mir Stimmen gab, die mir das Gegenteil von dem sagten, was ich eigentlich wollte. Wie es der US-amerikanische Philosoph Michael Novak ausdrückt:

’The unexamined life is not worth living.’ To choose with less consciousness than we might is to allow our choices to be made more by others and by events than by ourselves. To allow our drive to question to languish and grow slack is to cripple the source of personal and social development.

Michael Novak

Es waren die Griechen, die wohl als erste im Westen nachdrücklich darauf hinwiesen, dass das blinde Befolgen von Trieben und Leidenschaften keine Freiheit, sondern Sklaverei. Nicht nur Aristoteles argumentierte, dass es sich bei der Moral nicht etwa um ein Regelwerk handle, dem man blind folgen solle, sondern um ein Übungssystem. Niemand ist einfach von Natur aus fair, empathisch, sanftmütig, etc., also gut. Erst mit Rousseau wurde diese entgegengesetzte Fantasie des natürlich guten Menschen herrschend im kulturellen Diskurs Europas, Freud verstärkte das ganze auf irgendwie seltsame, aber kulturell deutlich entscheidende Weise, ohne das zu wollen. Seit Marcuse und den Hippies dann ist das „Sei du selbst“ das unhintergehbare Credo des Westens, und meistens der gemeinsame Nenner, der sich in Frauenzeitschriften, Talk Shows, oder den Tagesthemen gleichzeitig am Ende der Geschichte findet.

So spaßbremsend das auch klingen mag, Aristoteles ging es bei der Sache wie bei den meisten antiken Griechen auch um Glückseligkeit (eudaimonia) – allerdings um wahre, seelische Glückseligkeit, nicht die, die man kurzfristig hat beim Suff oder nach einer schnellen Nummer, und die eigentlich nur die Befriedigung eines Begehrens ist. Er war auch nicht so deutsch, um die Rolle irgendeiner Pflicht zu betonen oder in der Unterwerfung unter den Staat sich selbst zu finden. Aristoteles wollte, dass die Menschen richtig, also moralisch gut handeln, weil sie es können – und weil sie es möchten. Das Möchten kommt aber nicht – Sorry, J.J. – aus der Natur, sondern aus der Erziehung und der Übung. Das müssen nicht Eltern & Lehrer sein, es kann auch der Einzelne selbst. Die Übung macht den Meister, auch in der Moral.

Für Aristoteles muss sich der Einzelne solche „guten“ Charakterzüge antrainieren. Die Tugend ist nicht angeboren, sie kommt erst nach der Handlung. Man merke sich: Moderne = So handeln, wie wir „von Natur aus“ sind, expressivistische Moral. Antike = Handeln, um das zu erreichen, was wir von Natur aus sein können:

Denn was wir tun müssen, nachdem wir es gelernt haben, das lernen wir, indem wir es tun. Ebenso werden wir aber auch durch gerechtes Handeln gerecht, durch Beobachtung der Mäßigkeit mäßig, durch Werke des Starkmuts starkmütig… Stärke entsteht durch Nahrung und dem Ertragen vieler Anstrengungen…Durch die Enthaltung von sinnlichen Genüssen werden wir mäßig, und sind wir es geworden, so können wir uns ihrer am besten enthalten. Desgleichen mit dem Mut: indem wir uns gewöhnen, Gefahren zu verachten und zu bestehen, werden wir mutig, und sind wir es geworden, werden wir am leichtesten Gefahren bestehen können.

Aristoteles, Nikomachische Ethik

Nach dem Auftritt von Rousseau & the Romantics hieß moralisch und authentisch sein, sich von den äußeren, gesellschaftlichen Konventionen zu distanzieren. Es bedeutete, der eigenen Stimme zu vertrauen, im blinden Vertrauen darauf, dass in uns nur unsere Stimme herrschen kann. Rousseau kannte Siri & Alexa halt noch nicht. So entstand das moderne Klischee vom Gegensatzpaar Freiheit-Autorität. Aristoteles & the Old Masters dagegen wussten, dass Freiheit und Autorität, ja Freiheit und Moral dasselbe sein können.

Man wird frei, wird moralisch erst indem man sich solche Handlungsweisen einübt, angewöhnt. Moral und Freiheit als Fitness-Programm. Dazu gehört eine gewisse Disziplin, dazu gehören auch Regeln. Wieder Aristoteles:

…daß man ein solcher geworden ist, ist man selber schuld, indem man sich gehen läßt; und daß man ungerecht und zügellos ist, ist man selber schuld, der eine dadurch, daß er fortgesetzt Unrecht begeht, der andere dadurch, daß er in Trinkgelagen und ähnlichen Dingen seine Zeit hinbringt. Denn die Akte, die man in einer bestimmten Richtung ausübt, machen einen zu einem solchen, wie man ist…Einmal gewiß stand es ihm frei, nicht krank zu werden, jetzt aber, wo er sich hat gehen lassen, nicht mehr,… ist man einmal zügellos, steht es einem nicht mehr frei, es nicht zu sein.

Einen Teil der Regelkunde hat im modernen Europa das Bildungssystem übernommen. Die preussischen Reformer des frühen neunzehnten Jahrhunderts entwickelten zum Beispiel das moderne deutsche Schulsystem auf Basis eines ganzheitlichen Ideals der Bildung, zu dem auch die Herausbildung einer reifen Persönlichkeit gehörte – und das übrigens in dezidierter Abgrenzung von französischen Philosophismen der Zeit, die sich während der Französischen Revolution selbst geköpft hatten.

Doch leider ist dieser Teil nicht ausreichend – schon im späten neunzehnten Jahrhundert nicht, wo man mit viel Pflicht und Gehorsam zukünftiges Kanonenfutter heranerzogen hat, und erst recht nicht heute, wo auf entscheidende Faktoren wie „Moral“, Tradition, Vorbilder sowie die Identifizierung mit einer Mehrheitskultur im Bildungssystem verzichtet wird. Heutzutage möchte niemand dem Anderen vorschreiben, wie er zu leben hat, und jedes Erwähnen einer „Leitkultur“ sorgt nur für Hohn und Spott, vor allem von jenen, die im Grunde dasselbe mit anderen Mitteln (cncel culture) durchzusetzen versuchen. In der multikulturellen Gesellschaft erhält jedes Mitglied die Freiheit, auf seine Gruppenzugehörigkeit reduziert und nicht länger mit universellen Werten belästigt zu werden. Das hat Vorteile wie auch Nachteile. Wie ein US-amerikanischer Bundesrichter im Fall „Planned Parenthood vs. Casey” argumentierte: „At the heart of liberty is the right to define one’s own concept of existence, of meaning, of the universe, and the mystery of human life.” Das trifft das liberale Credo ziemlich gut, und dem ist auch zuzustimmen. Jeder hat das Recht, sich selbst auszumalen, wie das Universum so tickt.

Allerdings sind Kinder und Jugendliche und zunehmend auch wir junggebliebene Erwachsene ohne eine gewisse Hilfestellung eher schlecht darin, Werte und Weltanschauungen für sich selbst zu entwickeln, und da schließe ich mich ein. Wenn Schulen und Gesellschaft es nicht mehr schaffen, konkret die eigenen Werte und Weltanschauungen zu vermitteln, dann setzen sich eben andere durch – gerade auch solche, die das freiheitlich-universelle Weltbild mitsamt Menschenrechten verachten. Wo für Aristoteles noch Vorbilder entscheidend waren beim moralischen Training, üben wir uns darin, jedes Vorbild von seinem Sockel herunterzustellen. War Abraham Lincoln nicht doch Rassist? Das erzählen mir sogar heute Englischlehrer, und wollen damit den US-amerikanischen Bürgerkrieg, die Gettysburg Address und die Befreiung der Sklaven schlechtreden – drauf verzichten möchte man aber gleichzeitig auch nicht. War Günter Grass nicht doch auch bei der Waffen-SS? Sind Politiker nicht alle nur auf ihre eigene Karriere aus? Okay, vielleicht nicht JEDES Vorbild: Unsere Jugend zum Beispiel verehrt Typen wie Kollegah, Taylor Swift, Justin Bieber oder, wie ein anderer befreundeter Lehrer mir vor ein paar Jahren erzählte, Charlie Sheen, den seine Beschulende mit seiner Rolle in 2 and a Half Man verwechselte – Ein Vorbild weswegen? Unschuldige Frauen wissentlich mit AIDS anstecken? Nein, weil er „es durchzog“. Mit „es“ war gemeint: promisk lebte und trank und eher wenig so handelte, wie es eine funktionierende Gesellschaft als allgemeingültige Handlungsmaxime zusteht, und sich einfach nicht drum scherte, ob es Konsequenzen gibt und ob diese womöglich sogar tödlich sind. „Er zieht’s durch“ – mehrmaliges anerkennendes Kopfnicken in einer Gruppe, die anscheinend in den Massenmedien radikalen Fundamentalismus schätzt. Ich kenne eine junge Dame, die auf die Frage nach ihren Vorbildern Tony Montana und Pablo Escobar „aus Narcos“ nennt, also massenmordende Drogendealer. Sie selbst ist ein absolut liebenswürdiges Wesen, also viel abgeschaut hat sie sich nicht, aber es gibt dennoch zu denken.

Autorität, das ist etwas, was man als Geisteswissenschaftler, aber auch als normaler Bürger heute, eher negativ betrachtet. In meinem Studium , das von marxistischen, postmarxistischen und poststrukturalistischen Theorien bestimmt war, drehte es sich letztlich immer darum, Macht und Autorität zu entlarven, zu „dekonstruieren“, die Widersprüche aufzudecken und die Methoden der westlichen Kultur dazu nutzen, diese effektiv zu beenden. Und doch, all jene Denker, die wir im Studium und darüber hinaus zu lesen bekommen hatten, bezogen sich vor allem auf einen Philosophen, nämlich Nietzsche. Dabei hatte dieser zum Thema „Autorität“ ganz andere Dinge zu sagen: Seine Moral war eine der Souveränität, nicht der Freiheit. Er zerstörte, aber nur, um neu aufzubauen – und er hätte alle seine Jünger um 1968 verachtet, die sich auf ihn beriefen und die Zerschlagung aller Werte im Dienste der Befreiung aller Triebe predigten.

Wie der französische Philosoph Luc Ferry in diesem Zusammenhang aufzeigt, muss man weder Christ sein, noch Nationalist oder sonstwie autoritätshörig, um eine positive Meinung von souveräner Herrschaft zu haben:

[I]t is this…that Nietzsche refers to as ‘grandeur’…the sign of the ‘edifice’ of culture, at the heart of which opposing forces, because they are finally harmonised and hierarchised, attain the greatest intensity as well as the most perfect elegance…Opposed to ‘the grand style’…are ranged all those habits which work against mastery of self – a mastery made possible only by harmonising and hierarchising the chaos of forces within us…the unleashing of passions which certain ‘liberationist’ creeds have tried to promote represents the worst of worlds, since it always involves an internal and reciprocal conflict of forces and a consequent ascendancy of all that is reactive.

Nietzsche hat nicht einfache die blinde Umwertung aller Werte gepredigt, und sein Übermensch ist nicht bloß eine Kreatur, die jegliche kulturell-sozialen Repressionen abschüttelt, um einen bedingungslosen Egoismus auszuleben. Solches Verhalten hat der Hammer-Philosoph jederzeit als ein Zeichen von Schwäche abgetan. Der Übermensch ist jener, dem es gelingt, in einer Gesellschaft, die keinerlei automatisch verbindlichen Werte mehr anbieten kann, sich selbst diszipliniert, sich selbst jene Werte schafft, nach denen er leben will. Der Übermensch lebt nicht nach seinen Impulsen, seinen Leidenschaften, und er macht eben nicht unreflektiert all das, wonach ihm gerade ist. Nietzsche wusste selbst, dass ein solches Verhalten ungesund ist, dem Menschen schadet und ihn schwächt. Sein Ideal ist schlicht und ergreifend auch zu stolz, um sich wie ein Tier zu verhalten, das man aus dem Käfig lässt.

Sicher, Nietzsches Ausführungen zum Übermenschen sind vielfältig und widersprüchlich, und teilweise war das von ihm auch so intendiert, Teil seiner sehr speziellen Art, zu philosophieren. Nichtsdestotrotz scheint in verschiedenen Texten diese Möglichkeit der Interpretation hindurch – auch wenn ich nicht schönreden will, mit wie viel selbstbesoffener Barbarei er sich teilweise im Ausmalen der blonden Bestie ergeht; so ganz freisprechen von den Konsequenzen seiner Schriften kann man ihn nicht, wie ich finde.

Der Übermensch lässt sich nicht gehen, er gibt sich auch nicht dem blinden Egoismus hin, stattdessen erzieht er sich dazu, der souveräne Herr über sich selbst zu werden. Das ist zwar auch in gewisser Weise ein Irrtum, ein Versuch des Sich-am-eigenen-Schopf-Herausziehens, aber nichtsdestotrotz ist es auch ein erster Schritt in die richtige Richtung. Diese Vorstellung hatte Nietzsche von den Griechen übernommen, und sein Irrtum bestand lediglich darin, dass er glaubte, er könne dies dem Christentum als Gegensatz gegenüberstellen. Aus diesem Grund wurde Nietzsche dann auch von seinen einflussreichsten Lesern missverstanden: Die Methode übernahm man nicht, wohl aber den Kampfbegriff: Tötet Gott! Zerstört die Disziplinen! Es lebe die Freiheit!

Dagegen war Nietzsche bewusst: Der Mensch muss Herr über sich werden, sonst ist er der Sklave Anderer, durch das Einfallstor der Triebe und des Begehrens. Und das Perfide an den modernen Sklavereien besteht darin, dass sie äußerst gut darin sind, uns einzureden, die gewünschte Handlung wäre unsere freie Entscheidung – die Marketingindustrie baut ja auf diesem Prinzip auf, die mediale Demokratie sowieso, ebenso der Aufmerksamkeits- und Überwachungskapitalismus und mit dem Narzissmus verträgt sie sich auch ausgezeichnet. Nietzsches Philosophie ist ein Übungssystem mit dem Ziel: Souveränität. Erst daraus ergibt sich die Freiheit.


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