Der Thymos

Genauso wie sich Peter Sloterdijk in der Betonung der positiven Aspekte von Disziplinierung von den Pseudo-Nietzscheanern des französischen Poststrukturalismus unterscheidet, so auch in seiner Betonung des menschlichen Stolzes als notwendige Komponente in der Bekämpfung des modernen Ressentiments. Wo die Poststrukturalisten den Nihilismus im so ganz französischen esprit de ressentiment, Louis Seize-Stil, fröhlich vorantrieben, sieht Sloterdijk die Notwendigkeit einer konstruktiven Kritik sowie der „Aufrechterhaltung eines gewissen internen Selbstachtungsniveaus,“ ohne welches keine Moral und sicher auch keine Existenz erfolgreich sein kann. Auf Hass wird nur Hass gedeihen, und aus Selbstverachtung sicher keine Liebe, auch nicht für den Nächsten. Gegen die Psychoanalyse und ihre Lesart der primär erotischen Triebe bringt er daher treu antikisch sogenannte „thymotische“ Triebe ins Spiel wie

Stolz, Ehrgeiz, Geltungswille, Indignationsbereitschaft und Rechtsempfinden…Die Aufgabe lautet also, eine Psychologie des Eigenwertbewusstseins und der Selbstbehauptungskräfte wiederzugewinnen, die den psychodynamischen Grundgegebenheiten eher gerecht wird.[1]

Die Psychoanalyse mit ihrem Fokus auf das Begehren dieses kulturell als natürlich-authentisch legitimiert und zur grenzenlosen Freisetzung bestimmt. Zu begehren, das ist nun nicht mehr ein Käfig, in dem wir eingesperrt sind, sondern natürlicher Ausdruck unserer eigenen Ur-Persönlichkeit, und einzig die Unterdrückung dieses Begehrens noch ein „Böses“. Nimmt man sowohl unsere aktuelle Welt wie auch der Seelenzustand ihrer Bewohner in den Blick, so kommen Zweifel an der These, dass das Ausagieren von scheinbar natürlichem Begehren wirklich zum beiderseitigen Heil sein kann. Die Mangelgefühle, die Enttäuschungen sind immer noch da, genauso wie Gewalt und Verbrechen, nicht zu reden von Depressionen und Suiziden – letztere sind, wie von der Deutschen Depressionshilfe bereits zitiert, höher als die Zahl der Verkehrstoten in Deutschland, und unter 15- bis 25-jährigen sogar die zweithäufigste Todesursache.

Die thymotischen Werte bei Sloterdijk sind übrigens mit der „schenkenden Tugend“ verwandt, wie sie Nietzsches Übermenschen charakterisiert:

Die Akte der ‚schenkenden Tugend‘ stellen es der Zukunft anheim, mit den Spenden zu tun, was sie kann und will. Während die gewöhnliche, vom ‚niederen Eros‘ diktierte Wirtschaft in Affekten des Habenwollens gründet, stürzt sich die thymotische Ökonomie auf den Stolz derer, die sich frei fühlen zu geben.[2]

Der Übermensch ist in dieser Hinsicht weder eine „blonde Bestie“ noch eine Apotheose des Egoismus, für die ihn die meisten von Nietzsches Nicht-Lesern halten; er ist eine von Stolz und Liebe zu sich getragene Idealfigur, die gerade auf Basis dieses Stolzes und dieser Selbstliebe die Möglichkeit findet, Gutes zu tun. Nicht aus Selbsthass, nicht aus Mitleid, sondern aus dem Glauben an die eigene Kraft, aus dem Wunsch heraus, diese Kraft auszuagieren und unter Beweis zu stellen. Statt eines geizigen Dagobert Ducks also der Reiche als aus Stolz und Liebe zu sich heraus Gebender, Ausgebender:

Die Heilung von der Selbstverachtung fände die Seele der Vermögenden allein in den schönen Handlungen, die den inneren Beifall des vornehmen Seelenteils zurückgewinnen…Beschränken wir uns auf die Feststellung, wonach der thymotische Gebrauch des Reichtums in der angelsächsischen Welt, vor allem in den USA, zu einer gesicherten zivilisatorischen Tatsache hat werden können, während er auf dem europäischen Festland, aufgrund von staatsgläubigen, subventionistischen und miserabilistischen Traditionen bis heute nie wirklich heimisch werden wollte.[3]

Sloterdijk ist einer spannenden Sache auf der Spur, auch wenn er hier eigentlich nur Nietzsche paraphrasiert. Er landet jedoch im falschen Metier, wenn er die thymotische Ökonomie auf die tatsächliche Wirtschaft anwenden will, wo sie eher weniger zu gebrauchen ist: Denn auch die US-amerikanischen Vermögenden, von ein paar wenigen Beispiel abgesehen, können mit der schenkenden Tugend nicht mehr viel anfangen, und falls doch – so wie bei Mark Zuckerberg – dann doch immer mit gewissen Hintergedanken und parallel zu ziemlich ausbeuterischen Handlungen.

Der Thymos war bei Platon der noble Trieb, den die Griechen – ähnlich wie Sloterdijk? – generell der Aristokratie zuschrieben. Heute können wir diesen Begriff von solchen Klassenvorstellungen lösen. In Bezug auf der Frage nach dem guten Leben ließe sich sagen: Thymotisch ist jener Trieb, der dem Ressentiment entgegengesetzt ist. Statt Selbsthass, der nur mehr Selbsthass erzeugt, ist es ein Trieb, der sich aus dem Stolz speist. Er sieht die Freiheit nicht negativ als ein Recht, eine Freiheit von anderen, sondern positiv, als eine Pflicht und Möglichkeit: Die Freiheit zu sich. Souveränität.

Der Thymos lässt sich sogar dem Freudschen Repressionskonzept in seiner pauschalisierten Variante im kulturellen Diskurs nach 1968 entgegenhalten. Wo dieses Modell die Psyche retrospektiv deutet und den Gehalt der Persönlichkeit auf unterdrückte Triebe und Sexualität zurückzuführt – was Unmengen an Ressentiment freisetzt, das auch jegliche Befreiungsäußerung vergiftet und somit widerlegt – ist das thymotische Modell auf die Zukunft ausgerichtet: auf den Willen, etwas zu gestalten, einen Sinn zu entwerfen, Ziele zu erreichen und dann sich neue, noch höhere setzen. Triebkraft des thymotischen Willens ist somit nicht das retrospektiv ausgerichtete Ressentiment, sondern der Stolz. Einen solchen Thymos als Weg hin zur persönlichen Souveränität zu pflegen, war seit jeher Teil auch westlicher Kulturen: Sich mit Vorbildern und Mitbürgern identifizieren, von ihren Geschichten lernen, in Ritualen ihre Freuden und Leiden miterleben: Kultur als Erziehung und Befreiung aus der Mittelmäßigkeit, wie es Roger Scruton zum Beispiel beschreibt.[4] Heute dagegen ist Kultur entweder populär, und daher eine „symbolische Manifestation dessen, an was Menschen schon längst glauben,“ wie es David Foster Wallace einmal formulierte; oder etwas, das einem im Fernsehen als solche verkauft wird; oder etwas, das nur noch als falsch, lügnerisch, unterdrückend, imperialistisch, rassistisch und sowieso illusorisch zu dekonstruieren ist, wie es heute bei den einstigen Hütern der Kultur im vereinten Selbsthass geschieht.

Den Thymos, wir finden ihn natürlich auch in anonymer Form bei Nietzsche. Was ist der „Wille zur Macht“ in Bezug auf den Übermenschen anderes als das stolze Bekenntnis zu einem guten, und das heißt bei Nietzsche, zu einem reichen, mutigen, tapferen Leben? Auch hier das Paradox: Dieser Reichtum, dieser Mut, dieses gute Leben ist nicht möglich, wenn man aus egoistischen Motiven heraus handelt. Eben darum der Thymos: Wer wahrhaft stolz ist, wird für den schnöden, billigen, niedrigen, eindimensionalen Egoismus zu stolz sein. Er wird moralisch handeln: Weil er in der Immoralität nur Dreck sieht, Beschmutzendes, Ehrloses. Weil er erkennt, wie groß das Selbstopfer im Kampf, aber auch die Selbstlosigkeit im Frieden sein kann. Weil in der moralischen Handlung der größte Beweis der eigenen Kraft steckt: Stark, reich genug zu sein, um sich auszugeben.

Auch Nietzsche betonte mit den Antiken, dass der noble, thymotische Mensch lernen muss, sich zu unterwerfen. Es geziemt uns Egoisten, dass wir uns den „Willen zur Macht“ nur in SM-Szenarien, als Ideologie der „blonden Bestie“ oder in schlüpfrigen Haremsfantasien vorstellen können, so wie man den Übermenschen ja auch jahrzehntelang als hemmungslosen Egoisten und menschgewordenes Raubtier missverstanden hat. Doch hat es ein solcher thymotischer Wille nicht nötig, sich auf solch niedrige Weise auszuleben. Er steht über von jeder Grausamkeit, jeden Egoismus, der ja nicht auf dem Stolz fußt, sondern dem Ressentiment, der Enttäuschung.


[1] Sloterdijk, Zorn und Zeit 34

[2] Ibid. 54

[3] ibid., 59, 61

[4] Scruton, Culture

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