Der Teufelskreis der Unfreiheit

“Sleep all day, drink your life away
It’s another step closer to the comfort of the grave.” The Lawrence Arms

Geistige Trägheit, narzisstisch befeuerte Konsumexistenz, geistloses Besserwissen und Entrüstungs-Aktivismus, angefeuert vom Ressentiment – dies macht den heute sichtbarsten Teufelskreis der Unfreiheit aus. An ihr gedeihen, Narzissmus, Zynismus, Apathie und Ressentiment, an ihr leidet die Freiheit persönlich wie moralisch wie politisch. Es ist gerade das Ressentiment – heutzutage codiert als „Hate Speech“ wie auch als „Verschwörungstheorie“ – das wohl am deutlichsten darlegt, wie der Mensch inmitten seiner „individuellen Freiheit“ die Souveränität aufgibt und die Mündigkeit verliert. Das von Nietzsche prophetisch als Krankheit der künftigen Zeit aufgefasste Ressentiment kann spätestens seit Trump, dem Brexit, der AfD und dem Aufstieg des Populismus im modernen Flüchtlingszeitalter nicht mehr verleugnet werden. Nietzsche hatte die Zukunft klar vor Augen, da er trotz aller seiner Geschichtsfiktionen sehr gut ahnte, wes Geistes Kind die Freiheitsbewegungen seiner Zeit waren. Was er möglicherweise auch ahnte: Wie viel Hass mit all diesen an die Freiheit gestellten Erwartungen geboren wird, sobald sich diese Erwartungen nicht erfüllen – sobald die Freiheit nicht gleichzeitig zum Paradies wird. Wer kann heute noch Schuld daran sein, dass wir nicht glücklich sind? Sind wir nicht wohlhabend? Leben wir nicht im Frieden? Der König ist tot, Gott und die Dogmen sind es auch, die (nicht-populistischen) Regierungen winden sich um jedes klare Statement, das sie irgendwie gehaltvoll situieren könnte. Wir suchen nach den Schuldigen, die uns inmitten von Freiheit und Wohlstand jene Glückseligkeit nehmen, die wir eigentlich täglich fühlen sollten. Wer nimmt sie uns? Die Flüchtlinge, die Gutmenschen, die Muslime, die Kirche, Bill Gates und die Covid-Verwalter?

Schon bei Rousseau ging die Fantasie vom Paradies Hand in Hand mit einer ressentimentsgeladenen Suche nach Sündenböcken. Wer in sich selbst oder im Idealbild des Menschen das absolut Gute erblicken will, muss die frei flottierende Schuld schließlich irgendwo abladen. In der heutigen Aufmerksamkeitsökonomie verschärft sich dieser Trend noch: Wir sind, wie es der Philosoph Matthew Crawford hervorragend erläutert, zerstreut, wir haben uns selbst nicht mehr im Griff, wir fühlen, wie wir schwinden – während man uns gleichzeitig einredet, dass wir diejenigen sind, die entscheiden, dass wir frei sind, dass wir der Souverän sind: so fühlen wir uns dennoch machtlos gegenüber all den Dingen, die täglich an uns heranbranden.

Das Ressentiment ist die Kehrseite der modernen Freiheit, und es verschärft sich im narzisstischen Zeitalter und in der modernen Aufmerksamkeitsökonomie. Hieraus lässt sich erklären, wie der heutige Narzisst gleichzeitig Aktivist für moralisch aufgeladene Ideologien sein kann, und weshalb er das meistens nur im Westen und meistens nur in weißen Mittelstandszirkeln ist.

Das negative Freiheitskonzept des westlichen Liberalismus unterschlägt, dass Freiheit auch innerlich ist – Produkt einer Disziplinierung durch die Kultur aber auch durch uns selbst; dass Freiheit immer wieder gewonnen, bewältigt werden muss; dass eine Geste der Ab- und Auflehnung nicht genügt; dass man auch Ja-Sagen können muss; dass auch Grenzen und Autorität zu ihr gehören. Niemand wird frei sein, der es nicht auch innerlich ist. Und niemand wird es dadurch, dass er sich zu sich selbst als Unterdrückter, als Opfer der Gesellschaft verhält und versteht – hier fehlt die Basis. Wir im Westen können uns das anhören und sagen, „ja, stimmt schon, auch.“ Aber das reicht nicht aus: Wir müssen diese Erkenntnisse in unseren Alltag, in unsere Persönlichkeit, in unsere Selbstregierung übernehmen. Entgegen all den Stimmen da draußen, die uns das Gegenteil erklären. Wie es Peter Sloterdijk in seiner Abhandlung über die Philosophie als Lebensweise und Training treffend auf den Punkt bringt:

Gebirge kritisiert man nicht, man besteigt sie oder läßt es bleiben. Nietzsche war wohl der erste, der begriffen hatte, was der gewöhnliche Moralismus ist: die Kritik des Gebirges durch die Nicht-Bergsteiger…Die christlichen Bischöfe schrieben Ordensregeln für das Leben auf anderen Bergen, Regeln, unter denen 1500 Jahre lang gelebt werden konnte, zum Teil bis heute. Die letzteren stehen bei allem, was der Fall ist, daneben und finden es unfair. Für sie sind alle Berge böse.

Sloterdijk, Du musst dein Leben ändern

In der Moderne, mit Rousseau und spätestens seit den Romantikern, halten wir jene Handlung für authentisch, frei und damit „gut“, die sich spontan „aus uns selbst heraus“ entwickelt – oder von uns für eine solche gehalten wird. In unserer Medien- und Konsumkultur hat sich mittlerweile eine ganze Industrie darauf spezialisiert, uns erfolgreich einzureden, dass die aktive Teilnahme am Dauershoppen, -sehen und –spielen Ausdruck einer solchen persönlichen Authentizität ist; soweit, dass sogar das „bingen“ mittlerweile positiv konnotiert ist und in sozialen Medien stolz vor sich her getragen wird wie einstmals das „prokrastinieren“. Vergesst das Über-Ich, hier kommt die authentische Persönlichkeit, die sich nicht mehr einschränken lässt durch arbiträre Gesetze und lebensfeindliche Regeln. Nach Jahrhunderten der Selbstdisziplinierung lassen wir das Begehren wieder frei und halten das dann für Freiheit. Unsere Professoren in Politik und VWL stimmen uns zu, und erklären uns, dass der Mensch ein Individuum ist, das sich rational an seinen Präferenzen orientiert, und daraus entsteht dann Freiheit und Wohlstand für alle.

Und das macht wirklich Spaß. Die Jungs und Mädels von 1848 wussten damals eben einfach noch nicht, wie schön es sein kann, aus über 100 Fernsehkanälen, tausenden Youtube-Channels und Millionen Pornofilmchen wählen zu können, Fortnite zu zocken, oder Joko und Klass bei ihren lustigen Pranks zuzuschauen, oder eine Partei wie Die Partei ins Parlament zu wählen. Hätten sie es gewusst, wäre das bestimmt eine ihrer Forderungen in der Paulskirche gewesen! Und ganz bestimmt hätten sie damals schon von „Versklavung“ gesprochen, falls ein tödliches Virus die damalige Regierung dazu gebracht hätte, eine allgemeine Maskenpflicht anzuordnen.

Dagegen galt zu Zeiten der griechischen Antike jene Handlung als gut und tugendhaft, die man sich selbst antrainiert hatte und die den Einzelnen in die Lage versetzte, ein gesundes Maß zu halten – die Gefahr der Unersättlichkeit war auch ohne Fernsehen, Drogen und Youporn bereits bekannt; man hatte schließlich Wein, Weib und Gesang und vorbildtechnisch eher maue Auswahl am Götterhimmel. Moralisches Training war die Grundlage der antiken Tugendvorstellungen, von Aristoteles über Cicero bis zum Scholastiker Thomas von Aquin. Die Basis hierfür bildete ein Dreigestirn aus Rationalität, Selbsterkenntnis und Weisheit. Die Griechen mussten hierfür nicht extra einen moralischen Code aufstellen mit einer Liste von guten und schlechten Taten/Eigenschaften/Idealen – wobei sie, etwa Aristoteles – sehr wohl wussten, welche Tugenden für ein gelungenes, freies Leben hilfreich sein können (Besonnenheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Klugheit zum Beispiel). Stattdessen setzten sie darauf, dass der Einzelne an sich durch solches körperliches wie geistig-moralisches Training die souveräne Fähigkeit des rechten Urteils entwickelt. Aus der Tugend erst entspringt die gute Tat und damit auch die Freiheit; denn gut war für die Griechen nicht zuletzt das, was die eigene Freiheit bewahrt. Auch deswegen waren sie solche Fans des „Maßvollen“.

Der Twist des ganzen besteht darin, dass wir Modernen glauben, wir sind so, wie wir eben sind, von Natur aus (wieder so ein Rousso-Romantismus), und dann müssen wir so auch handeln. Die Antiken dagegen meinten, wir sind so, wie wir handeln. Für die Modernen liegt die Authentizität im Handeln nach einer wie auch immer vermuteten Natur, die irgendwie angeboren ist, für die Antiken lag sie im Handeln auf ein wie auch immer aufgefasste Natur, die es überhaupt erst zu erreichen galt.

In unseren Zeiten, in denen der Kult der Authentizität und Leidenschaften seit Rousseau dominiert, halten wir Gewohnheit, externer Habitus, Regeln, Prinzipien und Grenzen für unnatürlich. Und so verzichten wir heute auf Training, auf Disziplin, es sei denn, es lässt uns auf Instagram gut aussehen. Wir konsumieren virtuelle Identitäten und reduzieren die Mitgliedschaft in Gemeinschaften auf unverbindliche One-Klick-Abonnements. Das Training findet wenn dann im Fitness-Studio statt und es dient nicht der Bildung, sondern der Entfernung von Innerlichkeit und Spiritualität. Es ist bezeichnend, dass der IS vor allem in westlichen Muckibuden damit erfolgreich war, seine Jünger anzuwerben – ein Reichtum an körperlicher Fitness bei gleichzeitiger Verarmung der geistig-seelischen Komponente. Wir chillen, lauschen Spotify, schauen TikTok oder das Sommerhaus der Stars und das reicht. Freiheit und Authentizität im Schnellverfahren, das macht die Sache einfach, bequem und profitabel für die umgebende Konsumkultur. Demgegenüber steht die harte antike Schule der Souveränität.

Sloterdijk spricht nicht nur von Selbstformungen sondern dem „Menschsein“ als einer „Artistik des Guten“, einer beständigen Optimierung aus sich selbst heraus. Wir heute verzichten auf solche disziplinerfordernde Artistik und gerade deswegen halten wir uns für Künstler und Authentizitätsschleudern. Es ist dies der Unterschied zwischen einem sein Leben lang für seine Kunst schuftende Michelangelo und moderner Fotokunst, die einfach – wenn auch technisch hochwertig – aufnimmt was sie findet, und meist mit einem scheinbar schlauen und sicherlich politischen Gedanken dahinter ausstellt. Wo früher die erschütternde Transzendenz war – jenes von Sloterdijk bei Rilke geborgte „Du musst dein Leben ändern“ – findet sich heute Cleverness mit akademischem Background, meist auf der Suche nach einer überzeugenden Note, und das Ganze dann noch passend gefiltert. Für den Rest besteht die Kunst darin, den nächsten Hype möglichst frühzeitig zu entdecken und selbst ein kleiner Web-Trendsetter und Multiplikator zu werden.

Hier lohnt es sich, eine Kafka-Parabelanzusprechen, Auf der Galerie. Die wirklich sehr kurze, aber sprachlich meisterhafte Geschichte behandelt eine Zirkusnummer, die zunächst auf die Perspektive der Künstlerin eingeht – leidend und vom Publikum zu ihren Leistungen genötigt – sich dann jedoch für die Perspektive der Zuschauer entscheidet und die dargebotene Leistung in ihrer Schönheit und Eleganz würdigt. Deutlich wird hier die Ignoranz, ja das aktive Desinteresse des Publikums am Leiden des Künstlers, ein Kernthema Kafkas. Deutlich wird aber auch ein spezifisches Chiffre der ermüdeten europäischen Moderne, das dort Ausbeutung wahrnimmt, wo man früher Souveränität erkennen wollte – Symptom eines kulturellen wie auch eines soziopolitischen (Kapitalismus!) Wandels, denn natürlich hat sich nicht einfach die Perspektive, sondern der ganze Raum geändert. Daher ist Kafka im jeden Fall zuzustimmen, selbst wenn seine Geschichte emblematisch stehen kann für den Wandel in unserem Diskurs.

Die Artistik: Wo Kafka im Zirkus eine Lüge sieht, da lag für die Antike und das Christentum der Sitz der Tugend, der menschlichen Exzellenz. Was des Einen Entfremdung ist, ist des Anderen Können (ein Wort, von dem sich unser „Kunst“ ableitet). Die Rede vom Übermenschen kam gerade da auf, wo der Mensch es sich im Staub des Alltags bequem gemacht hat, zu zynisch und allwissend, um noch einen Blick hinaus nach oben zu wagen, an das er nicht mehr glaubte: Weder an Gott, noch an Bestimmung, noch an die großen Vorbilder der Geschichte, den Sinn, das Schicksal, oder gar die Zukunft. Kafka konnte nicht mehr sehen, dass in dieser Hohlheit einmal mehr sich befunden hatte: Er sah die lügnerische Maske, die man in der Moderne der Sache an sich zuschreibt – der Macht, den Disziplinen, der Gewohnheit, der Moral, der Tugend, den Konventionen nicht zuletzt aber auch dem Spektakel-Kapitalismus. Auch Freud konnte im Grunde nicht anders, als den gesamten „viktorianischen“ Moralkodex für leer, hohl und arbiträr zu halten. Spätestens seit dem 1. Weltkrieg war das alles entlarvt. Wir heute pflegen es ähnlich, wir bemerken das nur nicht, weil wir trotzdem zu viel Spaß haben: Aber das liegt nicht an der Welt, dem Leben, unserer Existenz oder gar Gott; es liegt eher an Netflix und FaceApp und Champagner und Shisha.

Und doch enthüllt Kafkas Geschichte vor allem eines: Unseren Unwillen, diese Leere auszufüllen, die Rolle mit Leben zu begießen. Wir finden nur Masken vor und nehmen das als bestes Argument, um uns von dem Spiel des Lebens abzuwenden. Wir erkennen die Rolle und denken, wir müssten sie weglegen. Ist Kleidung nicht auch künstlich? „All life’s a stage“, zitieren wir Shakespeare, damit wir nicht ganz so doof dastehen. Dabei ist dies doch eine Aufforderung, das Spiel aufzunehmen und mit Leben, mit Innerlichkeit zu füllen.

Genau daher ist auch das weiter vorne zitierte Gedicht Hofmannsthals weiterhin aktuell: Wir werden geboren mit Freiheiten, die Revolutionen haben bereits stattgefunden. Das Leben ist kein Spielfeld für uns, es ist ein Recht, auf das wir Anspruch haben. Und wenn es plötzlich aufhört, seine Pflicht zu erfüllen, wenn es unsere Hoffnung nicht mehr nährt, dann nehmen wir dies nicht zum Anlass, die Hoffnungen, die wir setzten, die Genüsse, die wir als unser Geburtsrecht betrachten, zu hinterfragen: Dann richten wir uns in der Beschwerde ein. Man nahm uns damit ein Ziel und stellte uns dafür Sessel an den Startpunkt hin, und nun sehen wir, dass nur die wenigsten noch loslaufen, hinaus ins Freie.

Es ist in der bequemen Einrichtung ins eigene Leben und auf jene Freiheit, auf die man ein Recht hat, und die einem doch immer wieder zwischen den Fingern zerrinnt, im Fehlen von Sinn und Zielen, von Dingen, für die es sich zu leben lohnt und die uns aus uns herausziehen; es ist in dem Käfig unseres eigenen Ichs, in dem wir es uns so behaglich gemacht haben, dass die Unzufriedenheit und die Lebensverachtung wächst. Und nur selten kommt es uns in den Sinn, dass das Leben nur das ist, was wir daraus machen. Wir suchen Genuss, Spaß, Gerechtigkeit, Unterhaltung, lauter Menschlich-Allzumenschliches, und uns selbst gleich mit dazu. Dass das Leben jedoch die allergrößte Forderung an uns ist, und nichts, dass uns etwas schuldet, das wagen wir kaum noch zu denken. Dass es eine Aufgabe ist, und keine Genussmaschine, haben wir längst vergessen.


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