Hauptsache, Ihr habt Spaß!

Hauptsache, Ihr habt Spaß!

Die Aufklärung, in der wie in keiner anderen Epoche das Ideal der Freiheit das Licht der Welt erblickte wurde, ging von der angeborenen Güte des Menschen aus, von seiner natürlichen Fähigkeit zur Vernunft und damit von seiner grundsätzlichen Fähigkeit zur Mündigkeit. Auf diesem Boden gedieh überhaupt erst unser Ideal von Demokratie und Freiheit, von Gleichheit und dem Recht auf Selbstverwirklichung. Gebt dem Menschen seine Rechte und er wird sich schon verantwortlich verhalten. Gebt ihm die Freiheit, und die Vernunft wird ihn leiten; im Notfall auch noch die unsichtbare Hand des gesunden, allen zugutekommenden individuellen Egoismus. Inwiefern Menschen für eine solche Freiheit einen stabilen Rahmen aus Moral, Traditionen oder Religion benötigten, darüber waren sich die Aufklärer selbst intern jedoch eher uneins.

Eine freie Gesellschaft beruht aus mündigen Bürgern – und dass wir mündig sind, davon sind wir meistens überzeugt, und weder die Medien noch irgendwelche Politiker werden irgendetwas anderes behaupten. Allerdings wird etwas nicht unbedingt wahr, nur weil man es glaubt. Nun – wie mündig sind wir? Wir haben eine ganze Menge an Freiheiten, für die uns unsere Vorfahren uns mehr als beneiden würden, und wir kommen ganz gut mit ihnen klar, nichts versinkt im Chaos und wir schlagen uns auch nicht gegenseitig die Köpfe ein. Andererseits verhalten wir uns auch sicher nicht immer vernünftig. Oben wurden bereits die Angriffe auf Staatsbeamte erwähnt, auf Helfer, auf Feuerwehrleute zum Beispiel; alkoholkonsumierende Schwangere, und dazu müsste man auch nennen alkoholkonsumierende Männer, auf deren Kappe gefühlt 80% allen Inhalts von Polizeiberichte gehen. Das alles wirkt nicht sehr mündig, sondern eher selbstzerstörerisch. Wie mündig ist eine Gesellschaft, deren Mitglieder beispielsweise nicht nur öffentliches Gut, sogar Hochwasserschutzdämme zerstören, einfach so, zum Spaß?[1]

Wir verschmutzen die Umwelt, zerstören das Klima, leben absolut nicht nachhaltig, werden als Gesamtgesellschaft unseren Kindern Schuldenberge hinterlassen, die sich niemals abzahlen lassen, verstopfen die Ozeane mit Plastik selbst dann noch, wenn wir von den Gefahren des Mikroplastiks wissen, erschaffen eine gigantische ökologische Katastrophe – und sind uns darüber im Klaren. Wir wissen das, auch wenn wir ziemlich gut darin sind, nicht weiter darüber nachzudenken. Dieses Phänomen findet sich in zahlreichen Bereichen unseres alltäglichen Lebens: Wir konsumieren Produkte, die oftmals unter schrecklichen Bedingungen produziert wurden – und sind uns darüber im Klaren. Wir rauchen, trinken, einige von uns nehmen auch härtere Drogen, und wir wissen, was all das mit unserer Gesundheit anrichtet – und wir tun es trotzdem, auch wenn es die ungesunde Ernährung, die Umweltverschmutzung und auch der Alkohol- und Zigarettenkonsum sind, die zu den meisten Todesfällen in unserer Wohlstandsgesellschaft führen.

Ich habe zu diesem Thema viele Gespräche geführt, und der Tenor war meist: „Lieber viel Spaß im Leben als lange leben und sich langweilen.“ Wirklich, das höre ich meistens von Leuten, die sich sehr ungesund verhalten, und das sind die meisten meiner Bekannten, selbst die, die eigentlich recht fit und gesettled wirken. Und das ist meistens das Argument, wenn es darum geht, ungesundes Verhalten aller Art – Konsum legaler oder illegaler Drogen, exzessiver Tinder-Sex ohne Schutz oder auch das Streamen von HBO-Serien auf mehr als fragwürdigen Webseiten – zu rechtfertigen. Interessant dabei ist , dass viele quasi AUTOMATISCH davon ausgehen, dass man Spaß nur mit Alkohol, Zigaretten oder ungesunder Nahrung haben kann. Das ist natürlich ein Irrtum, ein Mythos des Konsumzeitalters – verschwistert mit der Repressionstheorie – dass Einschränkungen Spaßbremsen sind. Wenn wir uns nicht einschränken und auch mal Freude an der Natur entdecken, dann wird uns irgendwann auch mal Game of Thrones langweilen. Der Gewöhnungseffekt, der eine ständig höhere Dosis von Unterhaltung und thrills erfordert, ist Konsumforschern wohlbekannt.

Dass also nur das Ungesunde und das Noch-Nie-Dagewesene Spaß machen, trifft nicht zu, und wenn ich daraufhin nachhake, stoßen wir immer wieder ans selbe Ende der Diskussion: „Naja, das ist eben meine Meinung. FÜR MICH gehört Rauchen oder das tägliche Bier zum Leben dazu. Punkt.“ Warum das interessanterweise erst der Fall ist, wenn man mal damit angefangen hat, regelmäßig zu rauchen, das fragt man sich nicht mehr; oder man geht in die Offensive, gibt die eigene Sucht zu, und denkt dann einfach nicht weiter darüber nach, was ein solches Eingeständnis ohne weitere Handlung eigentlich für die persönliche individuelle Freiheit bedeuten mag. Dieselben Leute erzählen dann in Diskussionen über Moral und Religion, dass sie ihre eigenen moralischen Werte „selbst“ entdeckt und für sich übernommen haben, und – auf mich gemünzt – sie bräuchten dafür auch kein Christentum. Ich finde das immer sehr löblich und freue mich darüber, dass die Moralvorstellung, die dann vor mir ausgebreitet wird, sehr mit dem übereinstimmt, was die anderen Menschen in Deutschland, plus Gesetze, plus teilweise auch die Kirchen, ebenfalls als moralisch verstehen. So ein Zufall.

Wenn ich Bekannte von mir frage, weshalb sie ständig Gewaltfilme schauen, exzessiv Playstation zocken, Serien bingen, etc. und nicht mal etwas Sinnvolles zu machen, wie zum Beispiel ein gutes Buch lesen; hinaus in die Natur gehen, oder sich zu fragen, was der Sinn ihres Lebens sein soll; oder einfach mal „die Langsamkeit entdecken“, kriege ich allermeistens zu hören: „Weil’s Spaß macht.“ „Ist doch okay, stört doch niemanden.“ Ich muss dabei immer an eine Stelle aus Infinite Jest denken, in der über eine Hauptfigur gesagt wird: „Wie die meisten Nordamerikaner seiner Generation weiß er weit weniger über den Grund seiner Einstellung zu bestimmten Gegenständen und Neigungen als über diese Gegenstände und Neigungen selbst.“ Nachdem ich diesen Satz gelesen hatte, wurde mir klar, dass das stimmt – und dass das irgendwie nicht gut ist.

„Weil’s Spaß macht“ – diese Antwort ist symptomatisch für unser Leben: Es ist ausgerichtet auf Spaß. Wenn die Argumente ausgehen, zieht der Spaß oder die eigene Meinung immer. Und wie zufällig gibt es eine gigantische Konsum- und Werbeindustrie, die uns genau das einredet. „Hauptsache ihr habt Spaß“, wie es in einer Kampagne von Media Markt hieß. Klar, denn Spaß ist das Verkaufsargument für Firmen, die auf die Befriedigung von Bedürfnissen ausgerichtet sind, die sie selbst erst einmal herstellen müssen. Naturgegeben ist das Verlangen nach Games, TV-Serien, Süßigkeiten und Rauschmitteln nicht.

Erstaunliches vermeldet die bereits zitierte Studie „Generation What“ im April 2016. 45% der Befragten gaben darin an, nicht ohne Kino, Filme oder TV-Serien glücklich sein zu können; 20% benötigen für ihr Glück Fernsehen, 35% ein Handy, 51% Internet und immerhin 19% antworteten, nicht ohne Alkohol glücklich sein zu können. Es scheint, die Menschheit war bis zum Jahr 1900 ein einziger Haufen unglücklicher Menschen. Interessanterweise sind wir es jedoch, die erstaunlich unglücklich sind, trotz Handy, Fernsehen, Internet, Kino, Filme und Alkohol, sogar trotz freier Moral und freier Liebe!

Wir haben, zumindest im reichen Westen, alle diese Dinge: Dennoch scheint es nicht so, als wären wir wirklich glücklicher. Denn die Zahl der Depressionsfälle zum Beispiel ist noch längst nicht rückläufig, im Gegenteil, sie nimmt zu, in den USA[2] – wo man von 16 Millionen betroffenen Erwachsenen[3] ausgeht – wie auch in Deutschland: „In den vergangenen zwanzig Jahren hat sich die Zahl der Arbeitnehmer verdreifacht, die wegen psychischer Leiden oder Verhaltensstörungen krankgeschrieben werden.“[4] Auch Jugendliche sind betroffen:

Aktuelle Studien zeigen, dass junge Menschen in Deutschland immer öfter unter psychischen Erkrankungen leiden. Im vergangenen Jahr hatten 26 Prozent der Erwachsenen im Alter zwischen 18 und 25 Jahren mindestens eine diagnostizierte psychische Störung. Das geht aus dem vom Göttinger aQua-Institut erstellten „Arztreport 2018“ hervor. Demnach ist die Zahl der Betroffenen seit 2005 um 38 Prozent gestiegen – auf rund 1,9 Millionen junge Erwachsene. Vor allem Depressionen und Angststörungen haben dem Bericht zufolge erheblich zugenommen.[5]

Der Gesundheitsreport 2020 der Techniker Krankenkasse sieht für das Jahr 2019 ebenfalls nochmal einen Anstieg bei „Burnout, Depressionen, Angstzustände[n] und andere[n] psychische[n] Erkrankungen.“[6] Eine Langzeituntersuchung der DAK-Gesundheit ergab eine Verdreifachung der Anzahl von Krankschreibungen wegen psychischer Probleme in den letzten 20 Jahren.[7]

Am Narrativ vom steigenden Leiden gibt es natürlich wie immer Kritik; der Soziologe Martin Dornes hat ein ganzes Buch darüber geschrieben, mit dem er vor allem Alain Ehrenbergs These vom depressionsinduzierenden Neoliberalismus widerlegen will: Dornes macht sich dabei eine schon aus anderen Diskussionsfeldern bekannte Argumentation zu eigen: Die Fälle steigen nur, weil die Aufmerksamkeit auf das Problem größer geworden ist und die Bereitschaft zur Bekenntnis des eigenen Leidens auch.[8] Andere Forscher meinen, dass es gar für den Westen seit 1945 keine „eindeutigen Hinweise auf eine anhaltende Zunahme psychischer Störungen“ gebe.[9] Aber ganz von der Hand zu weisen ist es nicht, dass wir heute eine Gesellschaft mit enormem psychischem Leiden sind. Konsumforscher erzählen uns ohnehin schon jedes Jahr aufs Neue, dass „unser Kaufverhalten uns immer seltener glücklich macht, im schlimmsten Fall sogar immer unglücklicher.“[10] In den USA beispielsweise nehmen die Suizidraten sogar im Vergleich zum Rezessionsjahr 2008 stetig zu.[11]

Ich muss auch dabei immer an meine Studienzeit denken, wo ich zu jenen nervösen Party-Hoppern gehörte, die nie lange an einer Stelle bleiben konnten, sondern von einem Event zum nächsten rannten und zurück. Es gab auch Partys, wo man eigentlich immer nur von einem Ende zum anderen rannte, d.h. sich durch einen durch massiven Dauergegenverkehr verengten schmalen Gang zwängte, und das die ganze Party lang, immer vom einen Ende zum anderen. Auf dem Weg traf man ständig dieselben Leute, die, das ahnte man nach dem dritten Treffen, eigentlich denselben Quatsch machten wie man selbst. Wer blieb, hatte entweder einen gutaussehenden Gesprächspartner am Start, hielt sich pseudo-souverän am eigenen Bier fest und versuchte, lässig zu wirken, oder hatte wirklich Spaß. Weshalb dieses Hin- und Hergerenne, habe ich mich einmal gefragt? Und mir wurde klar: Weil ich Angst hatte, irgendwas zu verpassen, das potenziell noch geiler war. Das war 2004. Zwischendrin erzählte mir ein befreundeter Kameramann, dass es auf den Hofer Filmtagen recht ähnlich abläuft, wo man ständig zwischen zwei Party-Locations hin- und herrennt und dabei immer dieselben Typen trifft.

Mittlerweile kennen wir alle dieses Phänomen, das von Experten auch vornehmlich auf Tinder bezogen wird. Wie es in einem Artikel über eine Studie von Harvard-Psychologen heißt: „Dating läuft oft genug wie Schuhe bestellen: Man ist sich nicht so sicher, bestellt zur Not einfach mal alle und im Zweifel gehen sie dann auch alle wieder zurück.“[12] Natürlich tauchen entsprechende Charaktere auch in Infinite Jest auf. Wie es dort von einer Figur heißt, die nicht nur bei Marihuana deutliche Suchterscheinungen zeigt: “Kaum hatte er dem Film auf einer Patrone [eine Art DVD; SH] identifiziert, befürchtete er, auf einer anderen könnte ein unterhaltsamerer sein, der ihm entgehen würde.“ Das ist die Herrschaft des Begehrens im Namen von Freiheit und Selbsterfüllung. Noch extremer wird es, wenn wir uns die noch jüngere Generation anschauen, die ja, wie erwähnt, zu erheblichen Teilen daueronline und narzisstisch sein soll. Was machen die denn dort so? Die US-amerikanische Journalistin Nancy Jo Sales weiß es und beschreibt es in ihrem Buch American Girls – Social Media and the Secret Lives of Teenagers:

Sophia verliert ihre Unschuld auf Instagram, als sie auf dem Heimweg von der Schule in Montclair, New Jersey, die Message „Send Noodz“ aufleuchten sieht. „Schick Nacktbilder“ in Hip-Hop-Schreibung. Es ist ihr erstes Mal, so dummdreist angemacht zu werden, sie kennt den Jungen kaum: „Warte mal – was????“, schreibt sie entsetzt zurück. Bald beginnt sie, es sich zu überlegen. Sie posiert vor dem Badezimmerspiegel, schürzt die Lippen, streckt Po und Zunge raus wie Miley Cyrus.[13]

In der Beschreibung von Sales ist das Online-Leben heutiger Jugendlicher die reinste Hölle:

Mit wenigen Ausnahmen trifft sie dabei auf verunsicherte Kids, die von verrohten Jungen belästigt und sogar (mit Nacktfotos) erpresst werden. Sexuelle Belästigung ersetzt verliebtes Herantasten, Hardcorepornografie verhöhnt den Zauber des ersten Kusses. Klüger, kommunikativer, durchtriebener als gleichaltrige Jungen üben sie sich im „slut shaming“, der Bloßstellung einer Konkurrentin als Schlampe. Nur durch Gerüchte, oft durch Fotos, die sie nach einem Streit auf den Markt werfen, um sie am Pranger zerstören zu lassen…“Soziale Medien zerstören unser Leben“, bricht es aus einem der Mädchen hervor. „Und warum zieht ihr euch dann nicht zurück?“, fragt Sales fassungslos. Die Antwort ist die elende Wahrheit für viele: „Weil wir dann gar kein Leben hätten.“

Ist das Freiheit? Wer mal versucht hat, seinem Kind das Smartphone für die Nacht wegznehmen, bekommt meistens zu hören, ja. Bedenklich ist aber nicht nur, dass unsere Technologie Kinder noch leichter zu Opfern sexueller Ausbeutung macht, sondern dass wir Kindern selbst die Möglichkeit geben, sich der Kinderpornographie schuldig zu machen:

Nacktbilder von Gleichaltrigen zu verbreiten, kommt selbst bei Grundschülern nach Einschätzung von Experten schon vor. „Täter und Opfer werden immer jünger“, sagte Julia von Weiler, Internetexpertin im Fachbeirat des Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung, den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. Dabei gehe es bereits um 9- bis 11-Jährige, die pornografische Bilder anschauten oder Selbstbefriedigungsvideos von Gleichaltrigen verbreiteten, so die Geschäftsführerin des Vereins Innocence in Danger.[14]

Instagram ist also nicht einfach nur ein Symptom für den heutigen Narzissmus, sondern auch „eine nicht zu unterschätzende Droge, die unsere Psyche negativ beeinflusst.“ So fasst ein Artikel die Resultate von medizinischen Studien zusammen, denenzufolge „Instagram das Seelenleben von Jugendlichen und jungen Erwachsenen negativ beeinflusst,“ bis hin zu depressiven Verstimmungen sowie, natürlich, dem Gefühl, „etwas im Leben zu verpassen.“[15]

Wir sind eine Gesellschaft, in der bereits neunjährige Kinder Pornographie konsumieren und verbreiten und Grundschüler Ecstasy konsumieren. Man sollte meinen, das erschreckt uns und ruft zum Handeln auf. Irgendwie geht es aber im Geschrei über ungleiche Bezahlung im Beruf unter. Und während im Sommer 2019 die Jugend gegen den Klimawandel protestiert und in den Tagesthemen plötzlich erklärt wird, dass der Mensch „gezwungen werden“ will, traut sich niemand an das Thema Smartphone-Verbote oder Internet-Einschränkungen heran. Die Zensursula-Häme waren zu groß. Wir behalten unsere Freiheit und unser Gefühl, etwas Moralisches getan zu haben, und überlassen unseren Kinder der Kinderpornographie und den Drogen. Nur gelegentlich schaut mal die Polizei vorbei, auch wenn sie weiß, dass aufgrund von Strafmündigkeit auch den kleinen Verbreitern von Kinderpornografie nicht viel passieren kann.[16] Wenn dann mal Kinder oder Jugendliche mit ihren freizügigen Bildern erpresst, gemobbt und in den Suizid getrieben werden – wie etwa die dreizehnjährige Céline aus der Schweiz –, erst dann zeigt sich die Gesellschaft kurz betroffen. Für Gesetzesänderungen oder auch nur Hashtags reicht allerdings auch das nicht.[17] Dafür wurde dann die vermeintliche Antreiberin zum neuen Opfer des Online-Mobs.[18]

Inwiefern führen wir wirklich ein selbstbestimmtes, mündiges Leben, wenn wir doch oft Dinge tun, die uns gar nicht gut tun, oder wirklich glücklich machen, uns sogar schaden und ins Grab bringen? Nicht zuletzt bezeugen dies die enorm hohen Raten an Depressionen und Burnouts in westlichen Gesellschaften – sogar bereits im Kindesalter. Wie die Deutsche Depressionshilfe bestätigt, sind ca. 5% aller Deutschen zwischen 18 und 65 Jahren – eine gewaltige Zahl, über 3 Millionen Menschen – an einer behandlungsbedürftigen Depression erkrankt. Insgesamt geht man von ca. vier Millionen Personen aus, „die an einer depressiven Episode leiden. Größer ist die Zahl derjenigen, die irgendwann im Laufe ihres Lebens an einer Depression erkranken.“ Die Wohlstandsgesellschaft, der Konsum, Individualismus und Menschenrechte, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, ein friedliches Europa und das alles ohne wirkliche Einschränkung des Einzelnen durch Kirche oder moralische Autoritäten – wie kommen da diese Zahlen zustande?

Es versteht sich von selbst, dass die Dunkelziffer gerade bei so einem immer noch tabuisierten Thema sicherlich höher ist. Welt Online zitierte im Mai 2015 sogar eine Studie, derzufolge jeder Fünfte der Millenial-Generation depressiv ist, jene also, die zwischen 1978 und 1999 geboren wurden.[19] Jeder Fünfte! Und dies ist gerade die Generation, die am ehesten mit dem Ideal der negativen Freiheit, einem spaßorientierten Leben, einem anständigen Zuhause, einem bis dato unübertroffenem Maß an gesellschaftlichem Wohlstand, der längsten Friedensperiode Europas, Rechten und Freiheiten sowie dem Internet aufwuchs und anscheinend immer weniger damit klarkommt.

Es handelt sich um jene Generation, die mit Games, Serien, Vines und allseits erhältlichen Suchtmitteln groß wird, und die, laut den beiden US-amerikanischen Soziologen Jean Twenge und W. Keith Campbell, narzisstisch und materialistisch geprägt ist; die Generation, die als Vorbilder von Pop-Kultur und Web absolute Ultra-Narzissten vorgesetzt bekommt, die als einziges Ideal das des Bekanntseins kennt – und das innerhalb einer Kultur, in der das Bekanntsein mehr zählt als die Leistung dahin. Es ist schließlich die Generation, die noch viel weniger als vorherige innerhalb eines moralischen, geschweige denn spirituellen Rahmens aufwächst, der ihnen dabei helfen könnte, mit ihrer Freiheit umzugehen. Wenn eine Microsoft Studie aus dem Jahr 2015 behauptet, dass Mediennutzer mittlerweile eine Aufmerksamkeitsspanne besitzen, die unterhalb der eines Goldfisches liegt, ist das lächerlich, weist aber dennoch in die richtige Richtung: Aufmerksamkeit ist eines der höchsten Güter geworden, und allenthalben arbeitet man daran, sie uns zu nehmen, nicht selten erfolgreich.[20] Was bedeutet dies für unsere Mündigkeit, für unsere Freiheit?[21]

Auch hierzulande sprechen Ärzte das Problem deutlich an. Der Leiterin der Kinder- und Jugendpsychosomatik im Klinikum Schwabing zufolge etwa behandeln ihre Angestellten Kinder, die quasi nichts mehr im Alltag „unternehmen können, ohne ständig auf das Display ihres Smartphones zu schauen.“[22] Das ist durchaus ein Problem: Dass wir alle laut einer Studie „[a]lle 18 Minuten…auf unser Smartphone“ blicken, reißen wir uns dauerhaft selbst aus einem konzentrierten Zustand heraus, der sich nach etwa 15 Minuten einer Tätigkeit einstellt. Das Resultat, so etwa die Literaturwissenschaftlerin Daniela Otto, ist zunehmender Stress und die abnehmende Fähigkeit, lange Fließtexte zu lesen und zu verstehen.[23] Otto verweist unter anderem auf auf ihre eigenen Studierenden. Internationale Studien haben 2016 ergeben, dass schon 20% der Grundschüler in Deutschland „nicht so lesen können, dass sie einen Text auch verstehen.“[24] Wie Statistiken aus verschiedenen Bereichen zeigen, tun sich die Mitglieder der Generation Z „offenbar immer schwerer, Prüfungen zu verstehen“ – etwa das Abitur, die Führerscheinprüfung oder auch die Ausbildung.[25] Dazu kommen für die USA zum Beispiel einer Verdoppelung der Suizidzahlen bei Mädchen. Während also andere Experten behaupten, dass Depressionen nicht zugenommen hätten seit 1945, gehen Twenge und Campbell für die heutige Zeit von einer „mental health crisis“ aus, die vor allem mit der weiten Verbreitung von Smartphones und Social Media zu tun habe.[26] Als herauskam, dass leibhaftige Menschen mithören, was Anwender der Apple-Sprachsoftware Siri so alles erzählen, war nicht nur der Schock über die Verletzung von Datenschutzrechten groß, sondern auch die von den Anhörern überbrachte Nachricht, dass Siri offenbar für viele Kids die beste Freundin ist.[27] Warum? Wahrscheinlich, weil sie alles tut, was sie soll. Gleichzeitig berichten auf Schönheitsoperationen spezialisierte Ärzte von stark ansteigenden Zahlen bei der Behandlung von Jugendlichen. Eine Expertin gibt auch der Instagram-Kultur die Schuld, wenn „ein Drittel aller Jugendlichen zwischen 14 und 18 Jahren…heute mit ihrem Aussehen unzufrieden“ sei.[28] Hier würde ich gerne noch einmal den Philosophen Matthew Crawford zitieren:

Wenn die Begegnung mit der Welt als etwas, das außerhalb des Selbst liegt, eine unerlässliche Voraussetzung dafür ist, dass ein Mensch die Handlungsmacht eines Erwachsenen erlangen kann, dann dürfen wir annehmen, dass es Auswirkungen auf die Art von Selbst haben wird, die wir uns aneignen, wenn unsere Begegnungen mit der Welt immer öfter durch Repräsentationen vermittelt werden, die diese Grenze verwischen.[29]

All das hat Auswirkungen auf uns und unsere Freiheit: Und es mag unser destruktives Verhalten, der Erfolg des Populismus und die Epidemie von Fake News und Hass erklären. Die Aufmerksamkeit ist zunehmend kolonisiert, und ohne sie sind wir den tatsächlich herrschenden Mächten hilflos ausgeliefert. Die Freiheit von Autoritäten macht uns scheinbar nicht wirklich frei.


[1] https://www.sueddeutsche.de/news/panorama/kriminalitaet—grossenhain-damm-fuer-hochwasserschutz-angezuendet-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-180810-99-499812

[2] https://www.nbcnews.com/health/health-news/major-depression-rise-among-everyone-new-data-shows-n873146

[3] https://www.welt.de/wirtschaft/plus190714683/Antidepressiva-Das-grosse-Geschaeft-mit-der-Traurigkeit.html

[4] https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaft-in-zahlen/psychische-leiden-gebrauch-von-antidepressiva-steigt-16049665.html

[5] https://www.welt.de/vermischtes/plus192345935/Psychische-Krankheiten-Generation-Z-und-Y-haben-Zukunftsangst.html 

[6] https://t3n.de/news/fehltage-psychischen-erkrankungen-2019-1249000/  Natürlich gibt es aber auch hier wieder das Gegenargument, dass nicht die tatsächlichen Fälle zunehmen sondern die Aufmerksamkeit; gezählt wird auch bei der TK nicht der tatsächliche Fall, sondern nur die Diagnose durch einen Facharzt (https://www.faz.net/aktuell/rhein-main/depressionen-psychiater-sehen-keine-epidemie-16499531.html).

[7] https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/ueberlastung-depressionen-angststoerungen-arbeitsausfaelle-wegen-psychischer-probleme-haben-sich-mehr-als-verdreifacht/24698112.html

[8] https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/hanks-welt/hanks-welt-kapitalismus-und-depression-16160306.html 

[9] https://www.welt.de/gesundheit/psychologie/plus191313571/Burn-out-Mythos-vom-krank-machenden-Arbeitsstress.html

[10] http://www.zeit.de/wirtschaft/2016-07/zufriedenheit-konsum-sharing-hartmut-rosa

[11] https://areomagazine.com/2019/04/08/die-loser-%e2%80%8awhy-we-are-killing-ourselves-more-and-whats-the-cure

[12] https://www.welt.de/kmpkt/article167477380/Warum-wir-nicht-mehr-wissen-wie-man-eine-Beziehung-fuehrt.html

[13] http://www.welt.de/vermischtes/article156665265/Die-geheime-Welt-von-Maedchen-im-Bann-der-sozialen-Medien.html

[14] https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/menschen/regierungsberaterin-fordert-smartphone-verbot-fuer-kinder-unter-14-16042386.html

[15] https://www.welt.de/icon/partnerschaft/article205491617/Nena-Schink-ueber-Instagram-Der-Preis-der-Aufmerksamkeit.html 

[16] https://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.einsatz-in-stuttgarter-schule-kinderpornos-im-klassenchat-verbreitet.f4e9907a-6725-4c9f-b5e5-08a9895cb9ef.html

[17] https://www.nzz.ch/zuerich/nach-suizid-wegen-cybermobbing-werden-zwei-jugendliche-verurteilt-ld.1475020

[18] https://www.nzz.ch/zuerich/nach-suizid-wegen-cybermobbing-werden-zwei-jugendliche-verurteilt-ld.1475020

[19] http://www.welt.de/wirtschaft/article141399021/Die-Generation-Y-ist-am-depressivsten.html

[20] Crawford

[21] http://www.spiegel.de/panorama/justiz/usa-vergewaltigung-auf-periscope-18-jaehrige-vor-gericht-a-1087880.html

[22] https://www.sueddeutsche.de/muenchen/gesundheit-smartphones-werden-fuer-kinder-zum-problem-1.4144639

[23] https://www.welt.de/vermischtes/plus188980601/Smartphone-Sucht-und-Digital-Detox-Wir-sind-laengst-vom-Handy-vergiftet.html

[24] https://www.zeit.de/2019/13/lesen-kinder-buecher-bildschirm-analog-digital

[25] https://www.welt.de/politik/deutschland/plus191141707/Generation-Z-Warum-viele-Jugendliche-die-Pruefungen-nicht-bestehen.html , siehe auch https://www.zeit.de/gesellschaft/2019-02/fuehrerscheinpruefung-durchfallquoten-gruende-fahrlehrer-einschaetzung

[26] in Haidt/Lukianoff CHECK

[27] https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/abhoererin-von-sprachassistent-viele-kinder-bezeichnen-siri-als-ihre-beste-freundin/24878764.html

[28] https://www.welt.de/icon/beauty/plus206204873/Barbie-Vagina-bis-Megabrueste-Werner-Mang-ueber-Schoenheitstrends.html

[29] Crawford CHECK

Ein Kommentar zu „Hauptsache, Ihr habt Spaß!

  1. Freiheit ist Verantwortungsbewusstsein.
    Dieses kann man erlernen, und man muss es in seiner Tragweite verstehen.
    Zum Verantwortungsbewusstsein gehört, auferlegte Zwänge, Bevormundungen und Fremdbestimmungen zu erkennen und diese zu überwinden, ohne dabei in Verantwortungslosigkeit abzugleiten.
    Denn Verantwortungslosigkeit ist keine Freiheit, sondern ein Zustand der Psychopathie.

    Eckhardt Kiwitt, Freising

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