Verschwörungstheorie und Anti-Amerikanismus

Da die Verschwörungstheorie symptomatisch ist für ein individualistisches Zeitalter, das freiheit primär negativ definiert, mag es nicht überraschen, dass sie sich nicht nur gegen gesellschaftliche Eliten richtet, sondern auch gegen außenpolitische Mächte. Der große Andere heißt in diesem Fall Amerika und wird für quasi alles verantwortlich gemacht, was schlecht ist auf der Welt. Nun, die USA haben außenpolitisch eine Menge Mist gebaut, gerade meine Generation hat das sehr wohl mitbekommen. Vergleicht man die Vereinigten Staaten allerdings mit anderen Hegemonen in der Geschichte, sollte man aber zumindest dankbar sein, dass dieser Hegemon zumindest sich mit den Werten von Freiheit und Selbstbestimmung identifiziert und auch innenpolitisch ein System der checks and balances sowie der permanenten Selbstkritik aufgebaut hat. Es war natürlich nicht alles gut, was die USA getan haben – aber doch so manches besser, als andere taten.

Etwa haben Sie uns und Europa von den Nazis befreit, die Demokratie gebracht, vor dem totalitären Kommunismus beschützt… Darüber, die Motive, die Methoden etc. kann man sicherlich streiten. Man kann aber auch einfach behaupten, dass die USA das reinkarnierte Böse schlechthin sind. Dann – und das weiß man auch in Amerika nicht erst seit George Walker Bush – muss man auch nicht viel argumentieren, es wird schon genug Leute geben, die einem das abkaufen und jederzeit dankbar für einen bequemen ideologischen Sündenbock sind.

Dass so viele Verschwörungstheorien sich auf die USA konzentrieren, verwundert auf den ersten Blick – eigentlich geht es ja darum, GEHEIME Machteliten und ihre Machenschaften aufzudecken. Die USA sind nun nicht so geheim, und ihre hegemonische Macht auch nicht. Dass sich die USA als Weltpolizist verstehen, haben schon mehrere ihrer Regierungen in irgendeiner Form bekannt. Aber es ist gerade diese Exponiertheit der Macht sowie ihre realpolitische, ökonomische aber eben auch ideologische und kulturelle Verbindung zum deutschen Mainstream, der aus den USA den perfekten Sündenbock macht. Selbst, wer sich heute vor der Islamisierung fürchtet, sieht meistens im westlich-liberalen Modell der anglo-amerikanischen Kulturkreise den wahren Grund für die Schwäche Deutschlands oder des Abendlandes. Im Antiamerikanismus trafen sich schon in den 1920er Jahren die radikale Rechte mit der radikalen Linken.

Nehmen wir einen der „renommiertesten“ Verschwörungstheoretiker unserer Zeit, den bereits zitierten Schweizer Bestsellerautoren und Historiker Daniele Ganser. Auch er schreibt nicht nur Bücher, sondern setzt auch äußerst erfolgreich Videos auf Youtube. Auch sein Erfolg basiert darauf, dass er sich nicht groß die Mühe macht, eine obskure geheime Machtelite aufzudecken – Reptiloiden oder Freimaurer oder dergleichen – sondern direkt den mächtigsten Staat der Erde nennt; auch Bilderbergertheorien und heutige Antisemitismen sind zumeist antiamerikanisch eingestellt. Da die USA heute die im Westen einzig wirklich sichtbare Macht sind – die EU erleben wir höchstens als eher ineffektives, wenn auch lästiges bürokratisches Monster, außenpolitisch dazu eher wirkungslos; ihren Kommissaren würde niemand auch nur ein erfolgreiches Kabälchen abnehmen – ziehen in moralindurchtränkten, politisch-korrekten Zeiten, in denen jeder Machteffekt gleich als diskriminierend und unterdrückend empfunden wird, besonders gut. Nun ja, nicht jeder: Das Praktische an solchen von der negativen Freiheitskonzeption inspirierten Invektiven ist ja, dass durch solche Sündenbockkonstruktionen andere Mächte zu Vertretern der Freiheit werden: Etwa Russland mit seinen Angriffskriegen, das den Widerstandskämpfer und Helden unserer Tage, Edward Snowden, beherbergt und beschützt. Es muss uns also nicht überraschen, dass Ganser ein beliebter Gast bei Russia Today ist, ein propaganda-verbreitender Staatssender, der auch nicht gerade durch freiheitliche, pluralistische Prinzipien auffällt. Man muss aber kein Kopp-Autor sein, um solche Kapriolen zu schlagen – man kann auch auf Spiegel Online publizieren und Jakob Augstein heißen, und in der eigenen regelmäßig erscheinenden Kolumne die USA für die Bomben in Syrien kritisieren, während man gleichzeitig die russischen militärischen Interventionen in Syrien (oder auch der Ukraine) komplett ignoriert, inklusive Chemiewaffeneinsätze und das gezielte Bombardement von Schulen und Krankenhäusern. Augstein gehört zu jenen Journalisten, für die Bomben nie etwas ändern – weswegen man Assad, Saddam  und Putin in ihren Kriegen auch freie Hand lassen muss –, das Völkerrecht gewahrt werden muss, und der Westen immer Schuld ist:

„Die Bomben, die der Dreibund da geworfen hat, sind vergeblich, verkehrt und verlogen. Vergeblich, weil sie am Lauf dieses Krieges nichts ändern werden. Verkehrt, weil sie das Völkerrecht weiter schwächen, anstatt es zu stärken. Und verlogen, weil sie von der Schuld des Westens ablenken. Dieser Krieg ist auch das Vermächtnis von Barack Obama.“[1]

Das ist nun keine Verschwörungstheorie, es ist eine Ansicht, über die sich streiten lässt, aber die durchaus Argumente auf ihrer Seite hat. Als vernünftiger Mensch kann man sie vertreten, und ich persönlich kann nicht hundertprozentig ausschließen, dass sie richtig ist, diese Ansicht. Nur eben sehr einseitig eingesetzte Argumente: Bomben müssen nicht vergeblich sein, sie haben die Nazis besiegt, und zahlreiche andere Missetäter auch, und Assad sowie Putin setzen sie zum Beispiel sehr erfolgreich ein. Das Völkerrecht wird nicht von US-amerikanischen Bomben geschwächt, sondern auch von anderen Akteuren. Diese einfach gewähren zu lassen, unter anderem mit Angriffen auf Zivilisten, unter anderem mit Giftgas, hilft dem Völkerrecht ebenfalls nicht. Augsteins Argumentationsmuster ist typisch für den Antiamerikanismus: Man wirft den USA vor, Bomben einzusetzen, und erklärt, dass diese nichts bringen; gleichzeitig ignoriert man, dass auch andere Staaten Bomben einsetzen, erst recht, wenn die USA sich zurückziehen. Der Krieg geht weiter, aber dem deutschen Moralismus wurde Gengüe getan.

Sicher mögen die USA auch ihre Hand im Spiel gehabt haben, aber nehmen wir für einen Moment einmal an, dass alle anderen am Krieg beteiligten Mächte – Assad, der IS, die Kurden, der Iran, Putin – auch irgendwie Interessen haben und nicht einfach nur dort kämpfen, ohne eigentlich zu wissen wieso; und nehmen wir auch einmal für einen Moment an, dass der einzelne Syrer nicht eine machtlose Marionetten der USA ist, sondern auch so etwas wie eine individuelle Persönlichkeit sowie einen freien Willen besitzt. Wieso sind nur die USA Schuld? Wieso kritisiert Augstein in seinen Kolumnen nicht Russland, nicht Assad? Im Gegenteil: „Ohne die westliche Einmischung hätte Assad seine Macht längst stabilisiert und seine nahöstliche Despotie fortgesetzt. Stattdessen schwächte die CIA das Assad-Regime.“

Ein etablierter linker Publizist wie Augstein kann es sich erlauben, die Schwächung eines despotischen, menschenverachtenden Regimes zu kritisieren, so wie er schon über das Entsetzen angesichts von „ein paar grapschende[n] Ausländer[n]“ spotten konnte, ohne Gegenwind zu erhalten. Und was das Argument mit dem Giftgas angeht:

Nach den höchsten Schätzungen wurden im syrischen Krieg vielleicht 4000 Menschen Opfer von chemischen Waffen. Das ist weniger als ein Prozent der Menschen, die in den vergangenen sieben Jahren dort ihr Leben verloren haben. Zählt ein Toter, der in einem Keller elend am Gas erstickt ist, mehr?

Dieser Logik zufolge dürfen die USA also nicht eingreifen aufgrund der Chemiewaffen – es sterben doch ohnehin Leute in Syrien, was also macht es aus, wie sie sterben? Das ist dasselbe Argument, das immer wieder nach Terrorangriffen hochkommt – „Was regt ihr euch über die Charlie Hebdo-Leute auf? Bei Autounfällen in Paris sterben doch mehr Menschen – ihr seid so verlogen!“ Kommt diese Form des Argumentierens universell in Mode, dürfte wahrscheinlich gar nichts mehr geschehen auf der Welt: Sobald jemand ein Problem löst, setzt er sich der Gefahr aus, dafür kritisiert zu werden, nicht auch noch andere Probleme zu lösen. Ist er dann vielleicht sogar ein Rassist, Chauvinist, Faschist? Machen wir so weiter und vergleichen wir die Todesopfer von Atomwaffen mit denen herkömmlicherer Todesarten: Zählen diese Opfer mehr oder weshalb machen wir so ein Gewese wegen Atomwaffen? In gewisser Weise scheint die deutsche Außenpolitik diese Form der moralisierenden Kritik bereits verinnerlicht zu haben, denn sie fällt ebenfalls vor allem durch Untätigkeit auf. Wir sind heute Konsumenten, nicht Bürger – und was wir primär konsumieren, das ist unser virtuelles gutes Gewissen, die Illusion unserer Schuldlosigkeit.

Die Logik der negativen Freiheit in Verbindung mit dem Anti-Amerikanismus kommt in Augsteins Schlussfolgerung hoch: „Wenn es uns um die Opfer ginge, gäbe es nur eine Lösung: sofortiger Rückzug, damit dieser Krieg endlich endet.“ Die USA und überhaupt der Westen muss sich zurückziehen, dann hört der Krieg auf. Alle Probleme sind gelöst, wenn nur der Westen nicht mehr dabei ist – auf diese Lösung reduziert sich bei den schuldgeplagten Europäern das Weltbild, bis hin zu Flugscham und Ein- bzw. Kein-Kind-Politik als Vorboten der eigenen Abschaffung zugunsten des ewigen Friedens. Der Syrienkonflikt wurde nur durch die USA begangen, IS, Putin, der Iran, Israel, Assad, die Kurden, und jeder einzelne Mensch dort würde sofort zu kämpfen aufhören und friedlich dahinleben, wäre nur dieser böse Westen nicht. Alles, was wir für den Frieden brauchen, sind die USA, die sich heraushalten. Gut, in Jugoslawien oder Ruanda hat das nichts gebracht, aber was macht das schon? Das hier ist Syrien. Wir ziehen uns zurück und alles ist Frieden. Die dahinterstehende Logik also lautet: Auf der einen Seite der friedliche Mensch. Auf der anderen Seite der unterdrückende Despot, die USA (und nicht etwa Putin oder Assad oder irgendeine Terrorvereinigung).

Die Ironie an dieser ganzen antiamerikanistischen Angelegenheit ist natürlich, dass man im Namen jener Ideale, die wir den USA überhaupt erst in ihrer heutigen Form verdanken – etwa Selbstbestimmung und Menschenrechte (Roosevelt’s Four Freedoms; die UN-Charta) – den liberalen Hegemon angreift und dabei gleichzeitig Regime rechtfertigt, die mit solcherlei universellen Freiheitsidealen nichts am Hut haben. Nicht erst seit 1945 agieren die USA weltpolitisch durchaus hegemonial, egoistisch, brutal. Dennoch sollte man nicht unterschätzen, wie viel Freiheitszuwachs die Welt in der Zeit der US-amerikanischen Hegemonie gesehen hat. Wie der Politologe Robert Kagan erörtert:

In 1941 there were only a dozen demcoracies in the world. Today there are over a hundred. For our centuries prior to 1950, gloal gross domestic product rose by less than 1 percent a year. Since 1950 it has risen by an average of 4 percent a year, and billions of people have been lifted out of poverty…for the past sixty years no great powers have gone to war with one another…from the perspective of thousands of years of recorded history, in which war, despotism, and poverty have been the norm, and peace, democracy and prosperity the rare exceptions, our own era has been a golden age.

Von unseren liberalen, individualistischen, progressiven, politisch-korrekten Idealen, zu großen Teilen an angloamerikanischen Universitäten ersonnen, gar nicht zu reden. Für Kagan ist klar: All diese Erfolge sind auch der besonderen Hegemonie der USA zuzuschreiben. Einer Hegemonie, der sich der Western nur gerne verschrieben hat, weil die USA, von kleineren Ausnahmen abgesehen und anders als die Sowjetunion, kein Interesse darin hatte, ihre hard power wirklich durchzusetzen. Die Europäer waren froh, sich nicht mehr selbst verteidigen zu müssen, und die Osteuropäer hätten wohl auch gerne das liberal-amerikanische Modell gewählt, sofern der sowjetische Hegemon sie gelassen hätte (im Kalten Krieg für beide Seiten leider keine Option). Die westlichen Demokratien profitierten vom US-amerikanischen Liberalismus, so sehr, dass Trump im Namen von America First genau diesen Liberalismus wieder zurückfahren will.

Dem durchschnittlichen Ganser-Leser/-Zuschauer wird das alles nicht unbedingt bekannt sein. Auf dem geisteswissenschaftlichen wie historischen Unwissen der Menschen fußt der Erfolg der heutigen Verschwörungstheoretiker. Was für meine Bekannten gilt, die daran glauben, gilt auch für jene Ganser-Zuhörer, die für Welt Online interviewt wurden:

Christoph Bode unten im Publikum hält vieles für plausibel, was Ganser sagt. Es sei ein Gegengewicht zu dem, was sonst so in den Medien stünde. Er mag, dass Ganser mit dem Völkerrecht argumentiert und anregt, kritisch zu hinterfragen, was berichtet wird. „Er sagt Dinge, die ich vorher nicht wusste.“…In der Pause steht Christoph Bode mit seinen Freunden zusammen. Sie sind beeindruckt von Gansers Überzeugungskraft. „Rhetorisch brillant“, sagt Bode. „Unglaublich, wie viel ich gelernt habe“, meint sein Freund. Und ein Paar aus Celle, das in der Nähe steht, klagt: „Deprimierend, was alles hinter unserem Rücken passiert.“[3]

Ich möchte nicht überheblich klingen, aber wer sich von Ganser so überzeugen lässt, macht auf mich nicht den Eindruck, wirklich daran interessiert zu sein, was täglich in der Welt passiert. Es wird jedenfalls deutlich: Verschwörungstheorien sind wie Youtube, ja, sind wie Spark Notes: Es reicht ein Klick, ein kurzer Input, und wir sind zufriedengestellt. Check. Mehr muss ich nicht wissen. Das ist eine Illusion der Informiertheit, wie sie typisch ist für unsere heutige Medienzeit. Man hat keine Ahnung, glaubt aber nach kurzer Lektüre, eine solche zu besitzen und Recht zu haben. Als ich Geschichte studierte, glaubte ich noch, mit meinem Wissen und meiner Kenntnis über Methodik fachfremden Menschen problemlos in Diskussionen mein Fachgebiet eröffnen zu können. Weit gefehlt! Meistens glaubt man mir all mein erarbeitetes Wissen nicht und argumentiert stattdessen mit Verweisen auf obskuren Blogs und Videos. Wenn ich meine Methodik der Wahrheitsfindung erkläre, plus da sganze historiographische Verfahren, heißt es dann: Ist doch alles gefälscht, lass dir doch keinen Bären aufbinden! Ganser koopiert übrigens auch mit Ken Jebsen, ehemaliger Radio-Journalist und mittlerweile bekannter Verschwörungstheoretiker. Noch mehr als dem Friedensapostel Ganser gelingt es Jebsen, Friedensaktivismus mit Hasstiraden und Sündenbock-konstruktionen zu verbinden. Was Jebsen (übrigens nur ein „Künstler-“name) interessant macht, ist, wie er Linksradikalismus mit Antisemitismus und Anti-Amerikanismus verbindet – und damit vor allem die Linkspartei in die Bredouille bringt, von denen immerhin einige Mitglieder sich immer wieder bei seinen öffentlichen Aktionen sehen lassen. Für Leute wie Jebsen ist der Begriff „Querfront“ erfunden worden, weil hier die Grenzen zwischen rechtem und linkem Extremismus, untermalt mit Verschwörungstheorien, recht fließend geworden sind. Aber das waren sie wie gesagt auch schon zu Hitlers Zeiten, und die französischen Revolutionäre sind auch irgendwie recht gute Nationalisten und Imperialisten gewesen. Was Jebsen und die Rechten eint ist eine tiefsitzende Verachtung für die Demokratie und der Glaube, dass die Mächtigen doch ohnehin alles beherrschen und „wir, das Volk“ keinerlei Macht besäßen. Es erinnert alles irgendwie an Platons Überlegung, dass die Demokratie sich doch gerne ihr eigenes Grab schaufele. Es beginnt mit einem gesunden Misstrauen an der Politik, der eigenen Kultur, den Medien und spinnt sich immer weiter…Am Ende steht nur noch Zynismus und offener Machtkampf. Wo es keine funktionierende Demokratie gibt, muss man auch nicht mehr für sie einstehen. Nackter Kampf ohne Prinzipien.


[1] http://www.spiegel.de/politik/ausland/syrien-krieg-auch-der-westen-traegt-schuld-a-1203096.html

[2] Kagan, The World America Made

[3] https://www.welt.de/politik/deutschland/plus177035264/Historiker-Daniele-Ganser-begeistert-mit-Verschwoerungen.html

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s