Verschwörungstheorie und Identitätskrise

Verschwörungstheorien sind immer schon mit dem Narzissmus verbunden, der in der heutigen Konsumgesellschaft massiv freigesetzt wird (siehe z.B. die Arbeiten von Jean Twenge und Keith Campbell). Und natürlich ist er auch Teil des zunehmenden Dranges, Recht zu haben, wie wir ihn bei der Ausbreitung der sozialen Medien in unseren Lebenswelten sehen. Dort, wo der User sozialer Medien sich im imaginären Spiegel der Öffentlichkeit weitaus wirkungsvoller seiner selbst versichert, als er es vor dem Spiegel könnte, dort geht es um das Recht haben als ein Mittel zur Generierung von Aufmerksamkeit (allgemein) und Likes (spezifisch) und damit schließlich um die Produktion einer virtuellen Selbstbestätigung: Ein Like für das eigene Ich. In einem wissenschaftlichen Paper, publiziert im European Journal of Social Psychology, argumentieren zum Beispiel Roland Imhoff und Pia Karoline Lamberty, dass der Glaube an solche Theorien eng zusammenhängt mit einem Drang nach persönlicher Einzigartigkeit Kein Wunder also, dass solche Theorien gerade im Zeitalter von Individualismus, Konsumkultur und der vagen Meinungsanarchie des Internets aufblühen.

Dies ist der entscheidende Punkt bei Verschwörungstheorien: Die Konstituierung eines virtuellen, autonomen, individuellen, freien und dennoch handlungsmächtigen Selbst inmitten einer unüberblickbaren, komplexen, von diffusen, überindividuellen Machtstukturen durchzogenen Realität. War die Arbeit am Selbst einstmals zentraler Aspekt der Existenz, wie man in der Antike, bei den Stoikern und schließlich im Christentum sehen kann, wurde diese Arbeit in der Moderne zunehmend aufgegeben. In der postmodernen Konsumgesellschaft gibt es nahezu keine Anhaltspunkte mehr, an einem Selbst zu arbeiten, von der „neoliberalen“ Optimierung des Individuums durch Fortbildungen, Fitness-Studio und strategischer Lebensplanung einmal abgesehen. Diese drei Seiten bewegen sich jedoch auf der materiellen Seite des Selbst und lassen das eigentliche, innere Ich, wo Willen, Seele und Gewissen ihr Heim haben, gänzlich außer Acht. Der Rest ist Generierung und Konsum von Mehrwert.

Wie auf der individuellen, so auch auf der soziopolitischen Ebene. Mit der Absage an großen Erzählungen, historischen Vorbildern und nationalen Traditionen durch Postmoderne, Konsumkultur, Globalisierung und nicht zuletzt auch die EU mit ihrem äußerst vagen und universell gehaltenen Wertekatalog erhält das heutige Ich nur noch wenig Unterstützung bei der Herausbildung einer stabilen Identität. Werte, die uns als grundlegend angeboten werden, sind aufgrund ihres radikal universellen Charakters wie auch ihrer Entwurzelung dem Dauerfeuer der relativistischen Kritik ausgesetzt und eignen sich gerade für unser zynisch-ironisches Zeitalter nicht mehr als stabiler Anker zur nachhaltigen Herausbildung von Identität. Dass wir aber doch nicht ganz ohne solche Identität auskommen, muss auch der radikalste Postmodernist mit Blick auf die Realitäten anerkennen. Manche versuchen, über die neuen Identitätspolitiken wieder eine Form kollektiven Ichs auszubilden, das durch die darunterliegende Struktur der negativen Freiheit jedem Vorwurf der Macht zu entgehen vermöchte. Nur, wenn das neue „Wir“ als Minderheit begriffen und ihr gegenüber ein unterdrückende Mainstream-Gesellschaft skizziert werden kann, können solche Identitätspolitiken heute erfolgreich vom Individuum akzeptiert werden. Das Kollektive, die Autorität stellt keine Bedrohung dar, wenn sie der Freiheit des Einzelnen dient – und das tut sie immer dann, wenn man den Einzelnen als Opfer des „großen Anderen“ darzustellen vermöchte.

Eine besonders symptomatische Form der Identitätsbildung für diese Krisenzeit ist daher neben den Identitätspolitiken die Verschwörungstheorie. Sie gehört zu einem Individuum, dass sich entgegen jeglicher Wahrscheinlichkeiten und Mehrheiten konstituieren möchte, ja muss; mehr noch: zu einem Individuum, dass inmitten dieses freiheitlichen Vakuums, dieser Überfülle an Wahlfreiheit und Zwanglosigkeit bei reduzierter Souveränität zur Herausbildung einer scheinbar festen Identität einen „big other“ benötigt, um einen Terminus von Jacques Lacan/Slavoj Zizek zu verwenden. Denn es ist die Vorstellung großen Anderen als imaginären Tyrannen, der alle Fäden in der Hand hält, welcher in einer hyperkomplexen, globalisierten Welt als imaginärer Garant für Ordnung dienen kann. All jene supraindividuellen Phänomene und Ereignisse, die sich nicht länger auf einzelne Personen und anhand von traditioneller Kausalitätsvorstellungen auf der Landkarte der Bedeutungen aufzeichnen lassen, werden radikal umgebogen auf eine übersteigerte Idealfigur eines souveränen Individuums.

Doch ist hier noch etwas mehr im Spiel als nur die Produktion des Anscheins von Ordnung in einer unübersichtlichen Welt, die statt personaler Macht nur noch strukturelle, diskursive und bürokratische Machtdynamiken kennt. Ja, der geheime Weltherrscher ist Ausdruck unserer anthropozentrischen und kausalen Art und Weise, die Welt zu deuten. Ohne ihn verstehen wir die Welt buchstäblich nicht mehr. Zur Zeit des Absolutismus war noch relativ eindeutig, wer für die „Beschissenheit der Dinge“ verantwortlich war. Heute hantieren wir mit Maschinen, deren Wirkungen unsichtbar sind, während wir umgeben sind von bürokratischen, finanzökonomischen und globalpolitischen Strukturen und Tendenzen, die für den Einzelnen ebenfalls weder sicht- noch greifbar sind.

Es gibt schwache Versionen dieses Anthropozentrismus – Stars, Influencer, populistische Erlöserfiguren – und starke Versionen, wie der geheime Weltherrscher, was natürlich auch eine Gruppe von Herrschern sein kann (siehe die Bilderberger-Theorien). Mehr noch als nur Ordnung jedoch ermöglicht der geheime Herrscher als imaginärer großer Anderer dem Ich, das sich diesen Herrscher vorstellt, sich als freies Subjekt zu konstituieren. Der Rahmen der Unterdrückung schafft jenem, der es erkennt, einen neuen Raum scheinbarer Freiheit. Der Paranoiker gibt sich selbst eine form von Identität, quasi ex negativo, wenn er sich den übermächtigen anderen vorstellt! Und indem er ihn scheinbar erkennt, setzt er sich auch schon frei von ihm, der doch den ganzen restlichen Welt-Raum ausfüllt; das paranoide Ich setzt sich ab, sezessioniert und wird in der Vorstellung zumindest frei. So wird der Raum gespalten zwischen dem Einzelnen, der erkannt hat, und dem Weltherrscher, der diesen Einzelnen umgibt und in seiner verschwörerischen Umzingelung eben genau diesen Raum schafft, der sich als „Selbst“ auffassen lässt; diese Konturierung vornimmt, die das Selbst in der heutigen Zeit nicht mehr von selbst herstellt. Hier findet ein Ich, das im Konsum, in der beständigen Unsicherheit und Unschärfe, im neoliberalen flow keinen Platz mehr findet, eine neue Definition seiner Selbst, eine neue Richtung, einen neuen Weg.

Besonders akut wird diese Rolle der Verschwörungstheorie in unserer Zeit – postmodern, tendenziell relativistisch, globalisiert, posttraditionell, das Zeitalter des expressiven Individualismus (C. Taylor) – in der Autorität zunehmend verschwunden, aber Macht weiterhin überall vorhanden ist. Nicht minder wichtig ist die heutige Konsumgesellschaft, in der Identität als Konsumprodukt angeboten wird, aber auch der Kontext des narzisstischen postmodernen Opferkults, in der sich der Einzelne als Opfer konstituiert und auch hieraus eine narzisstische Befriedigung erzielt. Über sechs Milliarden Menschen auf dieser Welt, und nur wenige gehören zu den Eingeweihten: Diese Struktur finden wir in Sekten, bei Fundamentalisten, aber auch bei Verschwörungstheoretikern. Hier gewinnt der Einzelne angesichts der immensen Kabale, die er erkannt hat, eine ganz neue, globale Bedeutung – in einer Zeit, die vor narzisstischen Kränkungen nur so strotzt. Nicht mehr nur die klassischen Kränkungen des Menschen, wie sie Freud formuliert hat, sondern handfeste kognitive Dissonanzen – Macht nicht mehr länger personalisiert, anthropomorph verständlich, sondern strukturell aufzufassen; die Welt des Einzelnen aufgerissen ins Globale; die Realität zunehmend virtuell, medial, und von Simulationen und Fiktionen kaum noch zu unterscheiden; Prekarität statt sozialer Sicherheit und schließlich die Hire&Fire-Mentalität des Neoliberalismus. Hier ankerlos zu sein, ist ein grausiges Schicksal, das die kognitive Dissonanz zwischen Realität und Ordnungsmustern (Individualismus, Anthropomorphismus, Kausalität, etc.) nur verstärken kann. Wie mehr noch in einer Welt, die immer noch dem Individuum huldigt – und sei es in einer Werbung, die auf den Massenmenschen abzielt.

Aus dieser Masse sich herauszuheben, herausgehoben zu werden durch den Blick des geheimen Weltenherrschers, der das Ich und seine kleine Elite an eingeweihten umzingelt, kommt einer echten Segnung gleich: einer, die dem Einzelnen ein imaginäres, scheinbar festes Selbst spendet. Aus all dem anbrandenden Verschwörenden, dass sich der Paranoiker vorstellt, dass er überall um sich herum findet, ergibt sich so etwas wie ein festes Etwas, das sich für ein Selbst nehmen lässt, besser noch: ein anscheinend freies Ich. Denn ist der geheime Weltherrscher denn kein Tyrann? Und ist der Gegner des Tyrannen nicht schon immer der Rebell gewesen? Auch daher ist die Verschwörungstheorie so zeitgemäß: Rebellion ist seit 1968 selbst nur noch Konsumprodukt, Standard in unserer verwalteten Welt, an jeder Ecke konsumierbar, während wahre Rebellion längst irrelevant geworden ist.


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