Verschwörungstheorien und negative Freiheit

Dass vernünftiges Denken zu Freiheit und Glückseligkeit führt, war nur für wenige Aufklärer keine Offensichtlichkeit; und doch gab es auch aufgeklärte Philosophen, die darauf hinwiesen, dass die Vernunft meistens doch nicht viel mehr als die Sklavin der Leidenschaft ist – wenn man diese Leidenschaften nicht vorher zähmt. Später sollte Kant die Aufklärung als die Befreiung von der selbstverschuldeten Unmündigkeit definieren und damit klar machen, dass jeder Einzelne die Pflicht habe, sich selbst mit aufzuklären.

Wer zähmt die Leidenschaften heute, wenn Schulen nur noch „Bildung“ vermitteln, Eltern mit der Rolle einer Autoritätsperson überfordert sind, und der Alltag junger Menschen primär aus Unterhaltungsprogrammen besteht, in denen sich eine ganze Menge Gewalt und narzisstische Befriedigungen befinden; während Werbung, Apps, Influencer genauso wie politische Bewegungen uns versichern, dass der einzelne sein eigener Herr und Meister ist, authentisch sein soll, „er/sie/es selbst“ und sein volles Potenzial ausschöpfen, sich erkennen und entfalten?

Der expressive Individualismus, der sich als frei von externen Autoritäten wie Staat, Kirche und Traditionen definiert, mag auf den ersten Blick wie Freiheit aussehen, doch sagt er uns erst einmal noch gar nichts über die „Freiheit zu“. Die Befreiung von religiösen Dogmen und sonstigen absoluten Wahrheiten beispielsweise hat zu einem Wuchern ganz neuer Glaubenssysteme geführt. Aus der postmodernen Verachtung von „Wahrheit“ und „Vernunft“ und der Ablehnung des repressiven Christentums entstehen weitaus repressivere Systeme – auf Basis der Einstellung, dass man eben glauben darf was man will, es ist ja „meine Meinung“, und wer einem mit „Wahrheit“ kommt begehe bereits einen Akt der willkürlichen Unterdrückung. Jeder von uns hat ein Recht auf seine Meinung und zunehmend auch auf die eigene Wahrheit. Das Internet bietet daraufhin wundervolle Nischen, wo ein jeder Bestätigung dafür finden kann. Die Möglichkeit, eine objektive, distanzierte Betrachtung der eigenen Wahrheit, vorzunehmen, schwindet im Zeitalter des Narzissmus und der virtuellen Realitäten. Lynch spricht hier von „Google-Knowing“ als der aktuell dominanten Form des „Wissens“: Eine Form, die ähnlich wie bei der persönlichen Erinnerung präreflektiv ist, passiv und fast schon naiv – sie hinterfragt nicht, sondern nimmt begierig auf, was sie für wahr erachten will. In diesem Sinne kann man daher vom Füttern der eigenen Meinung als eines der primären Konsummuster des virtuell-narzisstischen Zeitalters sprechen. Google-Knowing ist auch deswegen so fatal, weil es so einfach ist: Wir müssen nicht mal mehr Wikipedia durchlesen, die Antwort wird uns schon angezeigt, bevor wir auf den Suchbutton geklickt habe. Ein Artikel auf Spiegel Online fand sogar Befremdliches auf Facebook, immerhin ein Medium, das immer mehr Deutsche als primäre Nachrichtenquelle nutzen:

Lassen Sie uns auf die Seite von Facebook gehen und oben im Suchfeld die Frage eingeben: „Hat Hitler die Juden vergasen lassen?“ Als ich dies gestern tat, erhielt ich zwei prominent platzierte Links zu Seiten, in denen die Autoren den Nachweis zu führen versuchen, warum der Holocaust eine Erfindung sei, um den „Führer“ zu diskreditieren…In Wahrheit, so lernt man bei Facebook, sei es genau andersherum gewesen: „Es waren nämlich Juden, bolschewistische Kommissare der Sowjetunion, die ihre Feinde in dafür umgebauten Lastwagen vergasten“, heißt es in dem empfohlenen Text. „Nach dem Ende ihres gegen Deutschland entfachten Vernichtungskrieges lasteten sie ihre eigene Völkermord-Vita ganz einfach Adolf Hitler an.“ http://www.spiegel.de/politik/deutschland/netz-anarchie-wie-waer-s-mit-ein-wenig-holocaust-leugnung-a-1260088.html

Hört sich das nach Quatsch an? Ja, aber viele Leute glauben das. Ich hätte nie gedacht, dass ich persönlich Menschen kenne, die so etwas ernst nehmen, aber ich wurde letztes Jahr eines Besseren belehrt, so wie es viele Menschen dann während der Corona-Krise wurden, als selbst bekannte Persönlichkeiten wie Xavier Naidoo plötzlich von Atlantis, unterirdischen Kriegsschauplätzen zwischen Klonen und Kampfrobotern sowie einer kannibalistischen Verschwörung der Eliten faselten. Wie schon im Mittelalter gelten die Juden wieder als Kinderschlächter und Massenmörder, und sogar die alte Idee der flachen Erde erfährt während der Corona-Epidemie eine Renaissance; sogar ein spanischer Viertligist hat sich nach der Theorie benannt!

Wie G.K. Chesterton vor rund hundert Jahren bereits bemerkte: “When a man ceases to believe in God, he does not believe in nothing, he believes in anything.” Wer könnte hier repräsentativer sein als his infernal majesty himself, der als „Erz-Satanist“ berüchtigte Aleister Crowley? In seinem Hauptwerk Liber Legis berief sich Crowley auf eine geheime Wesenheit namens „Aiwass“, dessen

…zentrale Botschaft lautete: „Du hast kein Recht außer deinen Willen zu tun“, woraus Crowleys Kult des Thelema (griech: Wille) erwuchs. In dieser hedonistischen wie narzisstischen Ideenwelt gab es neben dem Menschen keine Götter, sodass der Mensch sich selbst vergöttern muss.Nach dem attraktiven Prinzip, dass nur der eigene ungezähmte Wille zähle, richtete Crowley sich in den Sphären eines ausufernden Egomanismus ein. Er scharte Anhänger um sich, führte diverse Geheimbünde und knüpfte Kontakte in ganz Europa.

Wie auch bei der Französischen Revolution führte die Zerstörung aller Schranken jedoch nicht zu einem Universum der Freiheit, sondern zur Despotie. Frei ist der Revolutionär natürlich trotzdem noch – zu tun und lassen, was er will, und den anderen zu befehlen, ihm dabei zu dienen. Crowley steigerte sich in eine Faszination mit dem Faschismus hinein, und seine Rituale als „Sexualmagier“ „arteten auch nicht selten in körperlicher Gewalt aus. Crowley hinterließ auf seinem Weg eine Spur von seelisch zerstörten, misshandelten Frauen.“ Gleichzeitig zerstörte sich das Apostel der eigenen Willensfreiheit und Selbstvergötterung durch eine zunehmende Abhängigkeit von allerlei Drogen – unter anderem Heroin – quasi selbst. http://www.sueddeutsche.de/kultur/ein-bild-und-seine-geschichte-das-grosse-tier-alias-aleister-crowley-1.3808951-2

Aus der radikalen Verneinung sämtlicher Autoritäten erwächst nicht unbedingt mehr Freiheit oder mehr Verrnunft; und sicher auch nicht ein Mehr an Wahrheit. Das erfuhren übrigens auch die Genossen auf der anderen Seite, jene Christen, die mit den Reformatoren zur Überzeugung gelangten, die Wahrheit über den Herrgott im eigenen Herzen zu finden. Seitdem gehört zur protestantischen Kirche nicht nur die Predigt, sondern auch die Absplitterung von ständig neuen Sekten, die wieder einmal die Wahrheit des Herrgott gefunden haben: Und zwar in sich drin. Wie praktisch.

Betrachtet man die Verschwörungstheoristen, die entgegen dem „Meinungsterror der Mehrheit“ andere Autoritäten gewählt haben und nun beispielsweise glauben, Deutschland sei kein souveräner Staat, die Erde sei eine Scheibe, eine geheime Weltregierung würde uns tagtäglich mit Chemtrails vergiften, 9/11 war kein Terroranschlag, eine außerirdische Reptiloidenrasse beherrsche die Welt, oder auch die CIA, sieht man, wie gefährlich es sein kann, wenn das Individuum etablierte Autoritäten wie Tradition, Brauch, Moral, Religion hinter sich lässt, und dabei meint, keine Autoritäten zu besitzen, während es insgeheim den versteckten Herrschern der heutigen Zeit folgt; wenn das Individuum heute sich scheinbar autonome Meinungen bildet, ohne zu wissen, wie man vernünftig und objektiv wählt; ohne zu ahnen, wie sich eine vernünftige Entscheidung von purer Wunscherfüllung unter der Ägide narzisstischer Triebe, ressentimentgeladener Frustrationen, Geltungssucht oder Marketing-Versprechen unterscheidet.

Man mag Verschwörungstheoretiker belächeln, dennoch: SIE SIND UNTER UNS!!! Laut eines Spiegel-Artikels gibt es „in vielen westlichen Industrieländern….zwischen 50 und 60 Prozent der Bevölkerung [die] mindestens an eine Verschwörungstheorie glauben.“

https://www.spiegel.de/netzwelt/web/9-11-in-zwoelf-phasen-in-die-verschwoerungsgalaxie-a-1286272.html

Es mag sie auch schon sehr lange geben, aber in unserem Zeitalter triumphieren sie über die Ideale der Aufklärung. Narzissmus und die Ökonomie des Internets zerstören die Mündigkeit des Einzelnen. Angesichts des Erfolgs von Verschwörungstheorien – etwa in Form all der Bücher des Kopp-Verlags – sprach sueddeutsche.de bereits von einer ernsthaften Bedrohung für die Demokratie und sogar einer „epistemische[n] Krise der westlichen Welt.“

http://www.sueddeutsche.de/kultur/verschwoerungstheorien-verschwoerungstheorien-bedrohen-die-demokratie-1.3842296

Ich persönlich kenne Leute, bei dem es mir im schlimmsten Traum niemals eingefallen wäre, gerade diese Menschen für solche Hohlköpfe zu halten. Gut, an die Hohlerde glauben sie nicht, an die flache Erde auch nicht, wie es etwa der US-Basketballstar Kyrie Irving und scheinbar auch NBA-Ikone Shaquille O’Neal ganz offen tun – aber sie glauben wider allen Fakten, Argumenten und der Logik an Behauptungen, die vollkommen unbewiesen sind, und das allein aufgrund ein, zwei Youtube-Videos. Das heißt, diese Leute in meinem persönlichen Bekanntenkreis haben noch nicht mal eines der vielen konspirativen Bücher gelesen, die sich seit einigen Jahren so großer Beliebtheit erfreuen. Bei ihnen wie bei sehr vielen Anhänger dieser immer wieder selben Geschichtchen scheint auch eine Form negativer Freiheit bzw. Autoritätsverweigerung eine Rolle zu spielen. Medien, Politik, Schule sind alle Teil des Systems, Youtube „nicht“, auch wenn es zum weltgrößten Konzern gehört, der mehr Macht besitzt als andere Gebilde jemals zuvor. Es kommt eben auch immer darauf an, wem man Macht zuspricht und wen man als das Gegenteil dessen ansieht. Wie Irving zu seinem Glauben daran erklärte, dass die Erde KEINE Kugel, sondern flach sei: „Viele Dinge, von denen mein Bildungssystem behauptet, sie seien real, haben sich als komplett falsch erwiesen. Ich habe nichts dagegen, mit meinen Gedanken gegen den Strom zu schwimmen.“

http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/scheibenwelt-was-wir-von-flacherdlern-lernen-koennen-a-1162461.html

Das Subjekt des narzisstischen Zeitalters will auf alle Fälle autonom sein, oder sich das zumindest über sich einbilden: Da kann eine Verschwörungstheorie schon mal eine geeignete Visitenkarte darstellen. Auf der einen Seite Fakten, Beweise und einhellige Expertenmeinungen; auf der anderen eine Behauptung, gestützt auf ein billiges Youtube-Video. Man glaubt Letzterem und schwimmt bequem gegen den Strom. Verschwörungstheorien sind auch ein Symptom des expressiven Individualismus im Zeitalter der sozialen Medien und der „Radikalisierungsmaschine“ (Zeynep Zufekci) Youtube.

Bei irgendwelchen Leuten, die man nicht kennt, schüttelt man einfach den Kopf und denkt sich „Vollidiot“. Betroffen macht so eine komplette Verweigerung und Ablehnung aller Prinzipien von Vernunft, Logik, Fakten und Denken dann, wenn man die Leute persönlich kennt – wie ich zum Beispiel. Meistens falle ich aus allen Wolken, wenn ich feststellen muss, dass Menschen meines erweiterten Bekanntenkreises an Verschwörungstheorien glauben, weil sie sonst eigentlich einen recht vernünftigen Eindruck machen. Sie sind weder dumm, noch irgendwie hasserfüllt, ressentimentsgeladen, etc.

Es gibt da natürlich Abstufungen. Dass die eher linken, anti-amerikanistischen Freunde meinerseits zum Beispiel der Meinung sind, dass 9/11 ein Inside-Job ist, wundert mich nur wenig, diese Theorie hält sich hartnäckig gerade in antiamerikanistischen und auch antisemitischen Kreisen. Der Schweizer „Historiker“ Daniele Ganser etwa verkauft einen Haufen Bücher, die sich immer nur darum drehen, dass die USA selbst hinter 9/11 stecken und sowieso nichts anderes wollen als Krieg und Öl; sogar hinter dem Krieg in der Ukraine sollen die Amis stecken. Dabei ignoriert er zahlreiche Fakten, die sein einfaches Bild stören, und tut damit das, was der typische Konsument des narzisstischen Zeitalters eben auch tut: Er blendet aus, was ihm nicht ins Weltbild passt. Die These, dass die USA damals aufgrund des knapper werdenden weltweiten Ölvorrats den Irakkrieg angezettelt hätten, kann angesichts der darauffolgenden Ölschwemme nicht mehr gehalten werden. Sein Argumente, weshalb nicht Al-Qaida hinter den Anschlägen auf die Twin Towers stecken könne, sind ebenfalls längst durch wissenschaftliche Studien und DNA-Vergleiche widerlegt.

https://www.swissinfo.ch/ger/wirtschaft/-wie-daniele-ganser-spekulationen-verschwoerungstheorie/43245898

Ganz davon abgesehen dass die in so vielen Fällen inkompetente und tolpatschige Regierung George W. Bushs wohl nicht in der Lage gewesen wäre, eine Verschwörung solchen Ausmaßes zu stemmen, ohne dass irgendjemand einen Fehler macht, etwas ausplaudert, etc. Denn das meiste, was sie sonst vorhatte, ging ja auch krachend schief, von Jagdausflügen des Vizepräsidenten und Bushs sprachlichen Verkünstelungen gar nicht zu sprechen. Der Wissenschaftler Holm Gero Hümmler hat sich in einem anschaulichen Buch über Verschwörungstheorien dennoch die Mühe gemacht, Laien zu erklären, weshalb die Argumente von Ganser und anderen prominenten 9/11-Zweiflern wie Charlee Sheen, Xavier Naidoo, Ex-Bundesminister Andreas von Bülow, etc. nicht stichhaltig und teilweise sogar in sich widersprüchlich sind. Dennoch, die Bestseller schreibt nicht Hümmler, sondern Ganser, dessen neuestes Werk (2020) sich mit dem Spiegel Bestseller-Aufkleber zieren darf. Wenn es um Antiamerikanismus geht, hat der Spiegel auf einmal nichts mehr gegen Verschwörungstheorien.

Anders ist es dagegen, wenn nette, freundliche, intelligente Menschen glauben, dass die Bilderberger, die Juden oder gar eine außerirdische Rasse von Reptilienmenschen seit Jahrhunderten, wenn nicht Jahrtausenden die Erde beherrschen. Das klingt dann schon verdächtig stark nach schlechten Hollywood-Filmen, gemischt mit tiefliegenden Ressentiments. Auch solche Menschen kenne ich. Und ich kann bis jetzt noch nicht in meinen Schädel reinkriegen, wie man an so etwas wie Chemtrails oder Reptiloiden auch nur ansatzweise glauben kann, während man trotzdem im Alltag weiterhin die Grundlagen der Naturwissenschaft zumindest implizit akzeptiert. Studien zufolge glauben derzeit bis zu vier Prozent der US-Amerikaner beispielsweise, dass außerirdischen Reptilienwesen, zu denen angeblich Hillary Clinton und, warum auch immer, Queen Elizabeth II. gehören sollen, die Erde beherrschen.

http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/menschen/chemtrails-reptiloide-eine-ex-verschwoerungstheoretikerin-berichtet-15267921.html

Donald Trump ist unter anderem auch deswegen Präsident geworden, weil er es verstand, die Verschwörungsgläubigen aus ihrer politischen Apathie herauszuholen, indem er auf geschickte Weise ihre Zweifel an der offiziellen Darstellung von Realität ansprach; von der längst widerlegten Behauptung, Barack Obama sei nicht in den USA geboren (und damit auch kein legitimer Präsident) bis hin zur QAnon-Bewegung, die in Deutschland während Corona eine ganz neue Querfront zwischen links und rechts aufmacht.

http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/menschen/chemtrails-reptiloide-eine-ex-verschwoerungstheoretikerin-berichtet-15267921.html

Laut Hümmler hielten 2016 schon 30-40% der US-Amerikaner Chemtrail-Behauptungen für zumindest in Teilen wahr. Nimmt man noch die Leugnung der Evolution oder des Klimawandels dazu – beides vielleicht nicht klassische Verschwörungstheorien, aber Ansichtsweisen, die wider besseren Wissens und völlig konträr zu dem stehen, was die Wissenschaften belegen können, ergibt sich eine ernsthafte epistemische Krise, in der sich unsere Gesellschaft befindet:

In Deutschland sind demnach 16 Prozent nicht davon überzeugt, dass der Klimawandel menschgemacht ist. In Großbritannien sind es zwölf, in Frankreich sechs und in Norwegen vier Prozent…Eine Umfrage der Organisation Wissenschaft im Dialog kommt für Deutschland sogar zu noch höheren Zahlen: Demnach trauen knapp 30 Prozent den Aussagen von Forschern zum Klimawandel nicht, weitere 30 Prozent sind sich nicht sicher…Dabei sind mehr als 99 Prozent aller Klimaforscher davon überzeugt, dass die Erderwärmung stattfindet und dass sie menschgemacht ist. https://www.welt.de/wissenschaft/plus181233204/Klimawandel-Wieso-glauben-Millionen-Menschen-nicht-an-den-Klimawandel.html

Epistemisch ist diese Krise deswegen, weil, so Lynch, wir als Gesellschaft immer weniger in der Lage sind, uns darauf zu einigen, welche Informationen als Fakten und Beweise gelten.

Es ist eben einfach ganz praktisch: Man kann die Früchte der Moderne genießen, den Wohlstand, der uns Industrialisierung, Kapitalismus und wissenschaftlich-technischer Fortschritt gebracht haben, und dennoch all das verneinen, auf dem diese Dinge beruhen; man kann genießen und gleichzeitig auf „die da oben“ schimpfen. Nur dass die da oben eben die Juden oder die Reptilien-Aliens sind. Da tritt dann eben nochmal die zusätzliche narzisstische Befriedigung dazu, es auch ohne viel Aufwand besser zu wissen als alle andere.

In der Tat sind die Anhänger solcher Theorien scheinbar recht stolz darauf, anders zu denken als die Masse: Insofern haben wir es auch hier mit einer Form von expressivem Individualismus zu tun; einem, der auch sehr wohl in unser Konsumzeitalter passt. Man shoppt quasi nach Theorien und Alleinstellungsmerkmalen, nach modischen Accessoires, die es einem erlauben, noch interessanter zu wirken – auch sich selbst gegenüber. Das eigene Ich täuscht man hierbei am allermeisten. Je mehr Gegenargumente auf den Einzelnen einprasseln, desto mehr hält er sich an seiner Illusion der Autonomie fest – ich habe das kürzlich wieder einmal beobachten können, als ich auf Verschwörungstheoreriker traf, die glaubten, das Zigarettenrauchen GESUND SEI und uns vor den schädlichen Auswirkungen der Chemtrails schützen würden.

Dazu spielt der generelle diffuse Relativismus eine Rolle: Viele Menschen in den Kreisen, in denen ich mich bewege, sind der Meinung, dass all diese Dinge, die wir im Westen so hoch schätzen – Wahrheit, Vernunft, Freiheit, Individualismus, Konsum – kulturell relativ sind. Wären wir woanders geboren, würden wir doch auch etwas anderes glauben und es für richtig halten. Aus diesem relativistischen „default setting“, welches in der westlichen Welt die Postmodernisten und Achtundsechziger eingestellt haben, entsteht eine tiefe Abneigung gegen alle „großen Erzählungen“, die wir in der Schule, den Medien oder von der Politik hören; ganz zu schweigen von der Wissenschaft. Eine der Bilderberger-Gläubigen, die ich kenne, sagt sogar ganz offen, dass das alles hier doch bloß „Propaganda“ sei, wie in Nordkorea und Saudi-Arabien auch. Nur sind die meisten Leute eben zu blöd, das zu erkennen. Wir werden durch Schule und Medien manipuliert. Beweise dafür hat sie keine, sie weiß aber, dass es sich so verhält.

Dieser Relativismus ist natürlich nicht – haha – absolut: Die eigene Meinung ist natürlich gar nicht kulturell bedingt, sondern die einzig wahre. Nicht nur bei Verschwörungstheoretikern lässt sich beobachten, dass der in der westlichen Welt dominante Relativismus eigentlich nur dazu dient, noch absolutere Wahrheiten aufzustellen. Was den Skeptikern, die ich kenne, dabei jedoch vollkommen abgeht, ist auch nur das grundlegendste Verständnis darüber, wie Wahrheit, wie Wissen zustandekommt. Der akademische 9/11-Paranoiker hat zumindest meistens von Foucault gehört, irgendwelche seiner Epigonen rezipiert, und sieht Wissen eben als diskursiv konstruiert an; nun, damit kann man zumindest arbeiten. Der krude Verschwörungstheoretiker, wie ich ihn kenne, ist nicht dumm, hat aber so gut wie nie irgendein qualitativ hochwertiges Buch über Geschichte, Literatur, Kultur gelesen und sich auch sonst nie mit „Geisteswissenschaftlichem“ beschäftigt. Meistens sind das Ingenieure, Programmierer, Handwerker, schlau und belesen in technischen Texten, ansonsten aber ohne Wissen über Geschichte, Politik oder unsere Kultur. Sie wissen allerdings, dass alles, was uns gesagt wird, sowieso falsch ist – es sei denn, und hier tritt die „negative Freiheit“ wieder auf die Bühne – es sei denn, das Gesagte entstammt einer nichtautoritären Quelle. In diesen Fällen ist das meistens Youtube. Und dann erzählen sie mir von zwei, drei Videos, die quasi im Schnelldurchlauf die ganze Menschheitsgeschichte erzählen; und ich erzähle ihnen dann die Geschichte, wie sie sich mir im Laufe vieler Jahre der Lektüre und der wissenschaftlichen Arbeit als Student und Doktorand (Amerikanistik und Geschichte) erschlossen hat. Das nehmen sie mir dann nicht ab. Also frage ich sie, weshalb sie lieber den Youtube-Videos glauben und sie erklären mir, weil das schlüssig ist für sie, Sinn ergibt, und eben keine Propaganda ist. Ich frage sie dann, wo ihre Quellen sind, wo die Argumente der Historiker; ich erkläre ihnen die wissenschaftliche Methode, Quellenkunde, peer reviewing, etc.; und versuche aufzuzeigen, dass die historiographischen Werke beispielsweise, auf welche ich mich berufe, ganz klar angeben, weshalb sie dies oder jenes behaupten; auf welche Faktenlage, welche Theorien, welche Argumentationen, welche Quellen und Funde auch sie ihre Behauptungen gründen – was man bei anonymen Youtube-Videos eben auch nicht hat. Und dann frage ich meine Gesprächspartner, weshalb sie diese Bücher – die sie ohnehin auch niemals lesen werden – trotzdem nicht vertrauenswürdig finden. Die Antwort ist einfach: Weil das Teil der Staatspropaganda ist oder von Bill Gates gesteuert wird.

So einfach ist das: Man muss nichts lesen, zwei Videos reichen und man weiß alles, was man über Geschichte und Politik wissen muss. Auch ganz ohne jahrelange Forschung, Reflexion, Prüfung. Das Zeitalter des individuellen Strebens nach Vervollkommnung, nach Weisheit ist vorbei: Im konsumistischen Zeitalter lässt sich darauf verzichten. Es reicht die Simulation von Wissen. Dazu passt das Resultat einer Studie des „Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen“, derzufolge „mehr als jeder fünfte Viertklässer in Deutschland“ die Mindeststandards der Rechtschreibung nicht erfülle. Mehr noch:

Lehrer gäben inzwischen sogar die Rückmeldung, dass Schüler Quellentexte oder literarische Texte nicht mehr verstehen. Das ziehe sich bis ins Studium, wo wissenschaftliche Texte nicht mehr verstanden würden und Studierende nicht mehr in der Lage seien, argumentative Texte zu verfassen. https://www.morgenpost.de/web-wissen/article217014145/Leseschwaeche-wegen-WhatsApp-und-SMS-Das-sagt-ein-Experte.html

Wo diese Fähigkeit nicht mehr gegeben ist, geht die Möglichkeit verloren, in Zusammenhängen zu denken, selbstständig zu denken, zu verstehen anstatt bloß zu wissen, objektiv zu denken. Dazu macht sich der Unwille bemerkbar, Bücher zu lesen oder sich mit irgendetwas Kulturellem zu beschäftigen. Die gesellschaftliche Abkehr von den Geisteswissenschaften hat mit dazu beigetragen, dass heute Verschwörungstheorien auf dem Vormarsch sind: Die Kenntnisse über das Zustandekommen von Wissen, über die großen Zusammenhänge, über menschliches Denken, sowie die Fähigkeit, sich in andere Menschen und Kulturen einzudenken – es sind genau diese Aspekte, die uns heute zunehmend abgehen. Gerade den Personen, die in irgendeiner Form Einfluss auf den Diskurs haben.

Jahrzehntelang haben sich die westlichen Gesellschaften auf dem Gedanken ausgeruht, dass der Mensch von Natur aus vernünftig ist und nach Mündigkeit strebt. Das ist der Grundgedanke unserer Demokratie: Der Mensch wird sich vernünftig verhalten, gerade wenn er frei ist. Nun stellen wir fest: In seiner Freiheit, zu denken wie er will, denkt der Mensch nicht immer vernünftig, sondern wählt oft das Unvernünftige, auch das Selbstzerstörerische (Trump, Brexit…). Wie der Erfolg von Verschwörungstheorien allgemein wie auch spezifisch im Wahlkampf aufzeigen, entscheiden Menschen nicht einfach nur rational über das, was sie für wahr halten, sondern aufgrund anderer, zum Beispiel emotionaler Faktoren. Es geht hier mehr um Glauben. Das war früher in der BRD nicht so ein Problem, wo es nur drei Fernsehsender gab und kein Internet: Die Informationen, denen der Einzelne ausgesetzt war, waren überschaubar und in der Tat von gesellschaftlich einigermaßen etablierten Experten vorgekaut. Jetzt haben wir sehr viel mehr Möglichkeiten und wir stellen fest, dass Leute, die wir sonst immer für solide und vernünftig gehalten haben, plötzlich an den größten Quatsch glauben – wie etwa die geplante Islamisierung Deutschlands, oder eben Reptiloiden. Was bei all dem fehlt, ist die Fähigkeit, die eigene Denkweise, den eigenen Glauben zu begründen: Ja, jeder darf denken, was und wie er will – aber er muss es sich eben auch begründen, weshalb er gerade dies glaubt und nicht das andere, was Experten, Wissenschaftler und der gesellschaftliche Konsens sagen.

Entscheidet man sich als Anhänger solcher Theorien, in denen etwas von der Hohlerde gefaselt wird, oder der Erde als Scheibe, denn wirklich für die „objektiv“ überzeugende Wahrheit? Wägt man hier richtig ab zwischen den einzelnen Argumenten und Fakten? Oder wählt das Besserwissen, der Trotz, der Narzissmus, wählt man hier die Fantasie als „Wahrheit“, die einem am wohlsten tut? Und sei es nur durch die Wohltat des Rechthabens, noch eines dieser heute so wertvoll gewordenen Konsumprodukte?

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