Negative Freiheit vs. Technologien des Selbst

Wir wollen unsere Freiheit, ohne uns mit irgendeiner Form von Macht oder Autorität identifizieren zu müssen, die diese Freiheit erst ermöglicht. Auch dies ist negative Freiheit: „Ich bin ich“, ganz ohne konstruktiven Beitrag von Staat, Gesetzen, Konventionen; auch ganz ohne Gewalt übrigens: Wir wollen unseren Wohlstand und unsere Rechte ganz ohne Opfer, Zwang oder Diskriminierung. Solange wir uns dessen in unserem westlichen Diskursraum versichern können, ist alles gut. Die Ausnahmen werden natürlich mittels ehrlicher Entrüstung und virtueller Proteste bekämpft, ohne dass sich wirklich viel ändert.

Und so genießen wir ganz selbstverständlich unsere Wahlfreiheit im Supermarkt, aber wir möchten nicht, dass wirtschaftliche Mächte daran verdienen oder sich die Rohstoffe dafür in armen Drittländern holen. Wir lieben es, Serien schauen, mögen aber den Produzenten kein Geld für ihre Arbeit geben, weil sie eben das Establishment repräsentieren – als würde niemand davon profitieren, dass wir unsere Serien auf kinox.to schauen. Wir sind gegen die GEMA und wollen lieber auf YouTube schauen, oder den üblichen Streaming-Seiten, damit diese Geld verdienen und nicht die eigentlichen Künstler. Wir wollen Geltung haben in der Welt – Türken, Chinesen, Ungarn, Polen, Italiener etc. sollen auf uns hören – aber bitte ohne Sanktionen, Militär oder sonst irgendeine Form von Gewaltanwendung.

Gleichzeitig bedeutet alles, was irgendetwas von uns fordert, eine Einschränkung – eben weil im negativen Freiheitskonzept der Einzelne alleine, für sich steht: unfähig, zu erkennen, dass die eigene Pflicht Teil eines viel größeren, freien Ganzen ist; dass die eigene Abgabe, die Forderung an sich selbst – langfristig gesehen zum gesamten Nutzen der gesellschaftlichen Freiheit ist. Dass Freiheit darin besteht, die von der unseren abweichende Meinung meines Nachbarn zu respektieren und ihr Gehör zu verschaffen, und nicht darin, unsere Meinung durchzusetzen. Die zunehmende Unfähigkeit, in Regierung und Parlament Repräsentanten des eigenen Willens, der eigenen Person zu sehen, zugunsten eines äußerst infantilen Bildes von „denen da oben“ – auch das ist Teil dieses Freiheitskonzeptes, das sich ideal in die narzisstischen Trends unserer Zeit einfügt.

Der Fokus auf die „Freiheit von“ passt zu einer Gesellschaft, die Autoritäten und Traditionen begraben hat und sich auf die Wahlfreiheit des Konsums konzentriert: Die Freiheit, zu tun, was ich will. Doch wenn die „Freiheit zu“ fehlt, die Fähigkeit, etwas zu tun, dann wird uns das nicht weiterhelfen. So können wir beispielsweise weiter die Schule als Unterdrückung erleben, aber ohne sie sind wir für sehr viele Dinge im Leben nicht fähig. Ich bereue bis heute, dass ich die Sprachen nicht spreche, die ich in der Schule hätte lernen können, und die mir die Möglichkeit gegeben hätten, ganz neue Kulturen kennenzulernen und mein Leben innerlich wie äußerlich zu bereichern. Stattdessen war ich aktiver Schulschwänzer und empfand gerade das als eine Art von Rebellion – die Resultate dagegen empfinde ich jetzt als massiven Freiheitsverlust. Die Schule mag ein banales Beispiel für dieses Phänomen sein, aber die sozialen Probleme, die Gewaltvorfälle, die wiederkehrenden Messerstechereien, die betroffenmachenden Leistungsauswertungen zeigen, dass hier nicht mehr alles rosig aussieht. Wir könnten auch von der Tradition sprechen, der Moral, der Identifikation mit der eigenen Kultur oder der Religion –ebenfalls Dinge, die zu sehr mit Pflichten behaftet sind, um als nicht einschränkend empfunden zu werden; zu sehr auch mit konkretem, partikularem Gehalt behaftet, um als nicht diskriminierend empfunden zu werden.

Der Verlust ist dabei nicht nur die Freiheit, sondern auch der Reichtum eines inneren Lebens, dass sich an Werten und Fähigkeiten orientiert, die sich nicht messen und nicht konsumieren lassen, und doch langfristig gesehen Glückseligkeit ausmachen. Solch langfristiges Glück entspricht in etwa der Befriedigung durch gesunde, nicht von Glutamat et al. kontaminierte Nahrung, die nachhaltig sättigt und stärkt anstatt nur pure Kicks zu versprechen und uns dann hungriger, leerer und sogar müder zurücklässt, bereit für den nächsten Konsum. David Foster Wallace sprach vor über dreißig Jahren anhand des Fernsehens von „special treats“, die in einer Gesellschaft ohne verbindliche Moral und Tradition die neue Herrschaft übernehmen – im Namen der individuellen Freiheit und im Verbund mit dem narzisstischen Lustprinzip:

Television’s greatest minute-by-minute appeal is that it engages without demanding. One can rest while undergoing stimulation. Receive without giving. In this respect, television resembles certain other things one might call Special Treats (e.g., candy, liquor), i.e. treats that are basically fine and fun in small amounts but bad for us in large amounts and really bad for us if consumed in the massive regular amounts reserved for nutritive staples.

Wallace, „E Unibus Pluram”, 37-8

Was Not tut ist eine moralische, existenzialistische Diätologie, die sich an der individuellen Nachhaltigkeit orientiert und dem Einzelnen in seiner Wahlfreiheit dabei hilft, jene Entscheidungen zu treffen, die ein nachhaltig freies und zufriedenes Leben ermöglichen. Keine neuen Verbote oder Dogmen, aber eine Lehre, die das Individuum dazu ermächtigt, Prioritäten zu setzen und Lebensziele zu entwerfen, eigene Lebensprogramme zu erstellen, ein moralisches Fitness-Workout aufzubauen, ihn zu befähigen, sich langfristig zu orientieren – und dies in einer Welt, die sich dem Heranzüchten von narzisstischen Trieben als Schmiermittel des Konsums verschrieben hat. „Freiheit zu“ statt „Freiheit von“: Eine Freiheit, die sich am Können orientiert und nicht an der Bewegungsfreiheit; deren erstes Kriterium nicht darin besteht, sich scheinbar nichts sagen zu lassen und alles, was nach Autorität aussieht – Staat, Kirche, Moral, Parteien – zu verlachen oder bekämpfen.

In einer solchen Welt reicht die Betonung der „Freiheit von“ nicht aus: Freiheit erfordert hier individuelle Souveränität. Wie der Theologe Hans Küng schreibt:

Sind in der gegenwärtigen Konsumgesellschaft nicht die Bequemlichkeits- und Verwöhnungs-haltungen und Süchte aller Arten…die spezifischen Verhaltensstörungen? Und geht es heute nur um die Wiedergewinnung der Genuß- und Leistungsfähigkeit und nicht vielmehr um die Wiedergewinnung eines echten Lebenssinns und Lebenszwecks?…[N]icht mehr die Verdrängung von Sexualität und Schuld ist die charakteristische Neurose unserer Zeit, sondern Orientierungslosigkeit, Normenlosigkeit, Bedeutungslosigkeit, Sinnlosigkeit, Leere und damit die Verdrängung von Moralität und Religiosität: Immer mehr Psychotherapeuten verschiedenste Richtung beklagen heute ‚Das Überwuchern des Lustprinzips bei gleichzeitiger Vernachlässigung und Verdrängung geistiger und religiöser Prinzipien (E. Wiesenhütter).‘

Was man von radikal-individualistischer Seite einen gesunden Egoismus genannt hat, erweist sich in einer solchen vom Lustprinzip getragenen Gesellschaft nicht selten als ein narzisstischer Trieb, der ohne Bezug auf eigene Grenzen und vertrauensvollen Rückgriff auf Autoritäten Gefahr läuft, seine eigene Freiheit zu zerstören.

Grenzen, Regeln, Autoritäten sind unabdingbar für unsere Freiheit. Das mag für einige ein Klischee sein, für andere ist es tatsächlich eine wenn auch paradoxe Wahrheit. Und so sieht es in unserem täglichen Handeln und Reden übrigens auch oft aus, obwohl wir uns das vielleicht gar nicht mehr selbst vor Augen halten. Es braucht da schon die Lektüre von Klassikern der Weltliteratur um uns das moralische Vakuum aufzuzeigen, in dem wir uns mittlerweile bewegen. Ist es nicht manchmal erstaunlich, wie in diesen alten Büchern Charaktere ihr Handeln von moralischen Regeln bestimmen lassen? Wie sie darüber reflektieren, ob es richtig oder falsch ist, dies oder jenes zu tun? Wie solche Fragen für sie wirklich existenziell sind, etwas, das sie bis in den Schlaf hinein verfolgt? Nichts, was sich mit Unterhaltung und den Rationalisierungshäppchen im Internet betäuben lassen könnte.

Für uns wirken solche literarischen Szenen fremd, wie etwas, über dessen Überwindung wir heute sehr froh sind. Irgendwie ermüdend. Bis man irgendwann vielleicht feststellt: Diese moralischen Regeln und Überlegungen, sie sind nicht das Gefängnis, für das wir sie in unserer automatischen Perspektive (Stichwort: negative Freiheit) halten; sie sind Orientierungshilfen, die die einzelne Person dabei unterstützen, richtige Entscheidungen zu treffen, die über das hinausgehen, was spontan in der aktuellen Situation geboten scheint; über das, was sich als erster Impuls in uns regt und vielleicht doch nur Begehren, Narzissmus, Egoismus, etc. ist; über das, was man uns vielleicht von außen einflüstert.

Das Gegenteil von „Infantilismus“ wäre also, ein selbstverantworteter Erwachsener zu sein, mündig im Sinne Kants, also aus der selbstverschuldeten Unaufgeklärtheit herausgewachsen. Oder, wie Pascal Bruckner erläutert:

It means agreeing to certain sacrifices, giving up exorbitant claims…discovering that obstacles are not the negation but the necessary condition of freedom which, if it never encounters any hindrance, is only a phantom, a vain whim since it exists as such only through the equal freedom of the others founded in the law. It means recognizing that one is never entirely one’s own man, that we owe something to the others which shakes our claim to hegemony…becoming adult…means training oneself about limits.

Dabei ist Verantwortung nicht einfach nur der nervige Pflichtteil, den man halt mitmachen muss: Verantwortung ist die Grundlage für unseren Freiheit und auch für unseren Spaß. Auch hier müssen wir uns von überkommenen, viel zu eindimensionalen Vorstellungen befreien: Nur weil wir oft so mal gar keine Lust auf unseren Pflichtteil haben, heißt das noch lange nicht, dass dieser das Gegenteil von Freiheit darstellt. Wallace selbst wurde nicht müde, darauf hinzuweisen, dass wirklicher Spaß, wirkliches Glück – Glück also, das nicht in sofortiger Befriedigung besteht, nur um dann wie bei einem Energydrink sofort wieder abzuflauen– oft darin liegt, sich gegen die sofortige Befriedigung zu entscheiden und stattdessen für das Glück zu arbeiten; es sich zu verdienen. Glück ist dabei nicht so sehr der Lohn, als vielmehr das, was während des Prozesses geschieht.

Genau dies macht das Glück echt: Nicht der Alkohol im Gegensatz zu den Drogen, sondern ein Leben, das ausgerichtet ist auf das Glück und es sich selbst und autonom erarbeitet.

In der heutigen Zeit des am Konsum orientierten hedonistischen Individualismus wird Freiheit jedoch als Gegensatz zu Verantwortung, zu Grenzen und auch zu Tradition verstanden. Das Problem dabei ist daher nicht so sehr der Individualismus an sich, sondern die Überforderung, die er hervorruft; oder, besser gesagt: die dadurch entsteht, dass wir den Individualismus unterschätzt haben, dass wir nicht in dem Maße Verantwortung  übernehmen, wie es unsere Freiheit heute erfordert; dass wir, wie die Beispiele oben gezeigt haben, als Gesellschaft immer mehr Schwierigkeiten damit haben, uns einzuschränken.

Die Tatsache, dass sehr viele Menschen in Deutschland für den Schutz der Umwelt sind, ihr privates Konsumverhalten dann jedoch eher umweltschädigend auslegen zugunsten der eigenen Bequemlichkeit und des Komforts, ist nur ein Indikator. Ebenso sind es jene Menschen, die lieber auf Schutz durch Kondome verzichten, und die eigene Gesundheit sowie die ihrer Sexualpartner aufs Spiel setzen, weil sie noch ein bischen mehr kurzfristigen Lustgewinn genießen möchten. Der Tagesspiegel beschrieb den besorgniserregenden Trend hin zu Präparaten, die vor einer AIDS-Infektion schützen können (aber nicht vor anderen Krankheiten) mit den Erfahrungen des Berliner Homosexuellen Mario:

Mario Vogt hingegen ist über die Entwicklungen nicht wirklich glücklich. Er gehört zu denjenigen, denen es schwerer fällt, Sexualpartner zu finden. Weil die Toleranzrate gegenüber Kondomen nun immer schneller abnimmt, wie er beobachtet. „Viele signalisieren Interesse, aber gehen wortlos weg, wenn Kondome gezückt werden.“…Was er nicht versteht, ist der Absolutismus vieler Prepper: Wieso sie nicht trotzdem ein Kondom akzeptieren, wenn sie spüren, dass der Sexualpartner es wünscht. „Dann heißt es immer, wir seien Moralapostel und hätten keinen Respekt.

https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/queerspiegel/prep-bei-schwulen-maennern-eine-pille-die-bei-hiv-alles-aendert/24412134.html

Vor dem Virus wird übrigens nicht geschützt. Nur vor dem Ausbruch der Krankheit. Das Virus verteilt sich so problemlos weiter CHECK. Gleichzeitig steigt weltweit, aber auch in Deutschland, die Zahl derer, die sich mit sexuell übertragbaren Krankheiten angesteckt haben. Man könnte sich schützen, aber immer weniger Menschen sind in der Lage, für den Schutz auf ein bisschen Lustgewinn zu verzichten. Die Last trägt man nicht alleine: 2016 etwa, so die Süddeutsche, starben „rund 200 000“ Babys aufgrund einer Syphilis-Infektion der Mutter kurz vor oder nach der Geburt. Wir kennen das Risiko und gehen trotzdem, wie es in einer anderen Studie heißt, sorglos mit der Gefahr um.

Dass wir überhaupt heutzutage so viel Lust konsumieren, dass wir als Gesellschaft nicht nur ein ausgeprägtes Suchtproblem bezüglich klassischer Rauschmittel haben, sondern auch von neuen Phänomenen wie Internet, Pornografie und HBO-Serien, spricht Bände. Im Zeitalter des Individualismus scheint weniger die klassischen Mächte Staat, Kirche und Tradition die problematischen Autoritäten zu sein, als vielmehr Sucht und vielleicht auch Orientierungslosigkeit. Ich muss da nur an den krassen Fall eines Jugendlichen denken, der aufgrund eines nicht mehr funktionsfähigen WLANs die Bude seiner Urgroßmutter zertrümmert hat. Laut Polizei war die Aussicht auf ein Wochenende ohne Internet nicht mehr ertragbar für den Täter.

Die offene Gesellschaft und die Demokratie setzen die Mündigkeit des einzelnen Bürgers voraus. Doch nicht nur solche Suchtverhaltensweisen oder die oben skizzierte Allergie gegenüber Autoritäten weist auf ein verbreitetes Problem mit der Mündigkeit hin. Wenn großangelegte Studien ergeben, dass allein in Deutschland mehr als jede vierte Frau in der Schwangerschaft Alkohol trinkt und damit dem eigenen Kind großen gesundheitlichen Schaden zufügt, darf man sich durchaus fragen, inwiefern wir wirklich eine mündige Gesellschaft sind. Dass Alkohol für Schwangere und besonders deren ungeborene Kinder schädlich ist, dürfte sich ja mittlerweile herumgesprochen haben. Aber das galt auch für das Rauchen, und trotzdem wurden ich, oder etwa meine Frau, jahrelang direktem Passivrauch in geschlossenen Räumen ausgesetzt, und auf unsere Beschwerden re: Krebs et al. nur befriedigt belächelt. Ebenfalls bereits angesprochen haben wir die weitverbreitete Bereitschaft von Menschen, für ein paar lustige Apps ihre persönlichsten Daten denjenigen zu geben, die heute tatsächlich die Mächtigsten sind. Es gibt noch viel mehr solcher Beispiele und ich werde noch auf sie eingehen. Etwa die verschiedenen Challenges, die sich online verbreiten, und in denen Menschen selbstzerstörerische, ja, absurd dumme Dinge tun und sich dabei filmen (Bird-Box-Challenge, Tide Pod Challenge z.B.),

Tatsächlich geht es bei der ganzen Geschichte nicht nur um Tradition, sondern um Autorität an sich: Das Individuum unserer Zeit, das sich selbst als fundamental ungebunden versteht, akzeptiert keine Autorität mehr, die es nicht selbst wählt, das heißt, wünscht – und lässt durch die Hintertür dann doch wieder Autoritäten ein, die besser darin sind, sich die Maske des „freien Willens“ aufzusetzen: Das gilt ganz offensichtlich von der Konsumkultur, es gilt aber auch für den Fundamentalismus. Wir lassen uns von etablierten Autoritäten immer weniger sagen, und vertrauen dann automatisch all jenen, denen der Nimbus des Anti-Establishments anhaftet. Dabei sind wir vor allem Opfer des Aufklärungsdiskurses des 18. Jahrhunderts, der automatisch davon ausging, dass der Mensch vernunftbegabt ist und seine Vernunft nur dann nicht nutzt, wenn König und Kirche ihn darin beeinträchtigen. Man muss nur mal einem herkömmlichen Bürger erzählen, dass man gerne in die Kirche geht, und schon bekommt man selbst von enorm geschichtsuninteressierten Personen ganze verbale historische Epen rezitiert über die Befreiung des Menschen von allem, was ihn jemals beeinträchtigt und zurückgehalten hat, von all jenen Fesseln, die irgendwie in solchen Geschichten immer in der Hand des Papstes zusammenzulaufen scheinen.

Für Kulturwissenschaftler sind solche Narrative natürlich nichts Überraschendes: Jede Identität, zumindest in der westlichen Kultur, beruht auf einer Dichotomie zwischen dem Ich und dem Anderen, der In- und der Out-Group, dem, was man sein will, und dem, was man bloß niemals sein will – aber dem man immer noch so allerhand in die Schuhe schieben möchte. Die Kirche, aber immer wieder auch der Staat, oder gleich der Westen, spielen in diesen Identitätsnarrativen des ausgehenden 20. und eingehenden 21. Jahrhunderts die Rolle des Oberschurken: Des Anderen, über den man sich ex negativo sozusagen definiert: Ich bin das, was DER DA nicht ist. Wo Kirche, Staat & Westen also Tradition, Moral, Religion und Autorität darstellen; Regeln, Familiensinn, Ehe, Sparsamkeit, etc., da bin ich: Frei, ungebunden, unbeschränkt von Dogmen, emanzipiert vom Glauben an Pflichten und moralisch bindenden Grundsätzen.

Was in solchen Geschichten, die sich Menschen in Deutschland heute also selbst/gegenseitig erzählen, passiert, ist die Übertragung all dessen, was im heute dominanten gesellschaftlichen Diskurs für Negativ gehalten wird – Unterdrückung, Dogmatismus, Frauenfeindlichkeit, Einschränkung der Wahrheit, Hate Speech, etc. – auf die traditionelle Figur des Anderen: Und für uns nachaufgeklärte Individualisten kann dies eben nur die Kirche sein; für uns Kinder des Holocaust kann dies eben nur Deutschland sein; für uns Nachgeborene des Kolonialismus kann dies eben nur der Westen sein. Nur so lässt es sich hier noch mit einem reinen Gewissen leben: Wir wollen nicht mehr länger dazugehören. Schuld sind immer noch die anderen, nur sitzen sie halt in unserem Boot.

Wen wir dadurch aber durch die Hintertür wieder hereinlassen, sind die tatsächlichen Autoritäten der heutigen Zeit: jene globalen Konzerne, deren Produkte uns Freiheit versprechen, sie uns aber nehmen. Der Philosophieprofessor Michael P. Lynch weist in dieser Sache auf den Unterschied zwischen „Freiheit“ und „Autonomie“ hin:

You may „freely“ click on the Buy button in the heat of the moment…without that decision reflecting what really matters to you in the long run. Decisons like that might be „free“ but they are not fully autonomous. Someone who makes a fully autonomous decision, in contrast, is committed to that decision, she owns it. Were she to reflect on the matter, she would endorse the decision as reflecting her deepest values.

Eine Gesellschaft von Individuen, die sich bei ihren Handlungen keine grundlegenden Gedanken über deren Zusammenhang mit ihren eigenen Werten macht, die vielleicht keine eigenen, jederzeit gültigen Werte mehr besitzt, wäre demnach nicht autonom.

Um heute Widerstand zu leisten gegen jene Autoritäten, die uns im Namen der Freiheit Genuss geben und uns damit dem Begehren unterwerfen, müssten wir jene Traditionen wiederfinden, mit denen sich authentische, souveräne Lebensweisen wiederherstellen lassen. Traditionen, die Körper und Geist vereinen und dem einzelnen auferlegen, zum Gestalter statt zum Genießer seiner Handlungen zu werden. Wir müssten also unsere moralischen wie spirituellen Traditionen wiederentdecken.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s