Foucault und Rousseau: Kurzer Epilog

Unser Ideal der Freiheit ist übrigens nicht zuletzt auch ein Produkt unserer Lehrpläne (von Lektüren wie Brave New World und 1984 zu einem Geschichtsunterricht, der eine gerade Linie von Unterdrückung zur Freiheit zieht) und Kinoprogramme. „We don’t need no education“ – wer dies mitsingt, hat sich das Englisch zumeist nicht selbst beigebracht, sondern profitiert von einer disziplinarischen „Freiheit zu“. Und wer „We don’t need no thought control“ – mitsingt, tut das in einer Konformität, die angesichts des Themas von Pink Floyds Konzeptalbum The Wall ein wenig erschauern lässt.

Die Gesellschaft als Unterdrückungssystem, das ist auch eine narzisstische Fantasie, der sich Rousseau und nach ihm noch zahllose andere Menschen hingegeben hatten – natürlich gerade zur damaligen Zeit nicht zu Unrecht, wenn man Gesellschaften wie die des europäischen Absolutismus in Betracht zieht. Doch auch nach dem Absolutismus waren überall auf der Feld, auch in Europa, Ohnmacht und Unterdrückung an der Tagesordnung. Doch auch wenn es natürlich auch heute noch Machteliten gibt, auch wenn heute Lord Actons Dictum von der Macht, die immer korrumpiert, gilt, so leben wir doch heute in Europa in einer Gesellschaft, in welcher der Einzelne mehr Rechte und Wohlstand genießen kann als jemals zuvor. Und ironischerweise sind es heute die Mächte, die uns die Fantasie des Widerstands gegen die Unterdrücker verkaufen, und damit noch mächtiger werden.

Die Fantasie der Rebellion gegen die Unterdrückung ist für uns heute zunehmend ein Konsumprodukt. Eine ideologische Fantasie war sie bereits bei den Revolutionen von 1776 und 1789, wenn auch mit einer gewissen politischen Basis. Wir Post-Revolutionäre von heute beschränken uns aufs digitale Besserwissen und konsumieren die Revolution, die nun tatsächlich „televized“ wird: Lord of the Rings, Star Wars, Matrix: Das Imperium muss immer bekämpft werden, das ist der Standard, auf den wir uns einigen können. Unsere Epen zelebieren immer noch das Ideal des Aufstands der Gerechten: und wir bemerken nicht, dass der Aufstand längst stattgefunden hat. Was kommt danach? Bei Star Wars ist es wie bei uns auch die pure Ideenlosigkeit: Dasselbe in Hochgrün. Das Imperium schlägt einmal mehr zurück. Viel interessanter wäre dagegen gewesen, zu sehen, was die Rebellen tun, sobald sie einmal an der Macht sind. Werden sie an der Aufgabe zerbrechen, zu regieren, nachdem sie zuvor nur dagegen waren? Werden sie jenseits des Kampfs gegen das Imperium Identität stiften können, und damit Gesellschaft, Frieden? Das wäre interessant gewesen, interessant für uns heute – aber auch ernüchternd. Luke Skywalker als Jedi-Schuldirektor, der sich mit Behörden und Helikoptereltern herumschlagen muss; Han Solo als braver Geschäftsmann, Prinzessin Leia als Karrierepolitikerin und Latte-Macchiato-Mutter, Chewbacca als Honorarkonsul, etc. Nur: wer will sich das vorstellen? Was GEWINNEN wir dabei?

Wir, die wir mit solchen Epen und Grundnarrativen aufgewachsen sind, wir halten gerne an dieser Fantasie fest. In meiner Doktorarbeit habe ich darüber geforscht, wie nötig eine Demokratie, die auf negativen Freiheitsvorstellungen beruht, solche Imaginationen der Unterdrückung möglich hat – erst recht, wenn sie einen Großteil ihrer gemeinschaftlichen Identität von dieser Freiheitsvorstellung erhält, wie das ganz deutlich bei der US-amerikanischen Gesellschaft der Fall ist.

Es befriedigt uns, wenn wir uns selbstherrlich eine unterdrückende Macht vorstellen, die uns das Paradies hier auf Erden vorenthält, es setzt uns automatisch ins Recht, ohne dass wir noch viel tun müssen, außer auf „die da oben“ [insertname] zu schimpfen. Und das Beste daran ist, dass wir sogar unsere Lust an der Gewalt ausüben können, ohne uns moralisch hinterfragen zu müssen: Es ist ja für einen guten Zweck. So zeigte es sich im Sommer 2017 in Hamburg, wo aus angeblichen politischen Protesten Akte der Kriminalität, des Vandalismus und Raubs wurden, all das umgeben von einer einzigen großen Party:

„Während teilweise hochprofessionell agierende Grüppchen von schwarz Vermummten Feuer legten, in Geschäfte einbrachen, Steine aus dem Asphalt der Straße Schulterblatt brachen, sie anschließend auf Polizisten warfen, die am Rande des Schanzenviertels zusammengezogen worden waren, feierten in den Nebenstraßen des Viertels Tausende vorwiegend junge Menschen; lachten, juxten, tranken, saßen im Freien zusammen, als wäre das alles hier einfach nur eine sehr, sehr laue Sommernacht.“ Quelle: Welt Online

Statt Zivilcourage haben wir nun ein Happening für Narzissten und Selfie-Hipster. Was bereits seit Längerem prophezeit wurde – die Ablösung des Bürgers durch den Konsumenten – zeigt sich hier eindeutig. Konsumiert wird Erlebnis, Gewalt, Adrenalin – es wird geprügelt und zerstört, dass der Staat am Ende aufräumt und bezahlt ist ja sowieso klar. Noch viel besser ist das Happening natürlich, wenn man die moralische Erhabenheit des rechtmäßigen Widerstands gleich mit konsumieren kann.

Die heute gerade im linken und akademischen Umkreis dominante, stark nach altlinks verschobene Foucault-Rezeption ist auch der Tatsache geschuldet, dass er mit „Disziplinarmacht“ neben Schulen auch Gefängnisse und Polizei meinte, eher negativ behaftete Institutionen also. Durch die Wahl der Beispiele wird aus der Produktion des modernen Menschen, dem die Liebe zur Freiheit quasi anerzogen wird, eine Disziplinierung und damit eine typisch rousseauistische Entfremdung von Außen. Foucaults zentrale Einsicht – dass es die Macht ist, die das moderne Individuum überhaupt erst in seiner Individualität, in seiner Freiheitsliebe und seiner Sorge um Authentizität hervorbringt – verkehrt sich bei dieser Rezeption in ihr Gegenteil. Weshalb? Eben weil die linken Rezipienten Foucaults ihre konstituierende Fantasie der Macht als Unterückungsapparat nicht aufgeben wollen. Foucaults Einsicht, dass es kein Außerhalb der Macht geben kann, wird à la Rousseau & Marx umgedeutet. Die Rebellion hört auf, ein Produkt der Macht zu sein, und wird wieder ein Ideal, mit dem man die gesellschaftlichen Verhältnisse umkehren kann – ironischerweise jene Verhältnisse, die uns als freiheitsliebende Individuen überhaupt erst hervorgebracht hat.

Peter Sloterdijk weist ebenfalls auf diese Fehllektüre der linken Foucault-Fanatiker hin:

„Es sind nicht die Gefängnisse und die Orte unterdrückerischer Überwachung, sondern die oft strengen Schulen und Hochschulen der Neuzeit, daneben auch die Werkstätte der Handwerker und die Ateliers der Künstler, in denen die wesentliche Human-Orthopädie der Moderne praktiziert wird, sprich die Formung der Jugend nach den Maßstäben christlich-humanistischer Disziplin…Absurd wäre es jedoch, den Begriff der Disziplinierung im allgemeinen auf die pönitentiären, repressiven und überwachungsstaatlichen Bedeutungen festzulegen, die Foucault in den Schriften seiner mittleren Periode mit gezielter Übertreibung hervorkehrte.“

Sloterdijk erweitert Foucault, indem er sich auf den Aspekt der Übung konzentriert. Statt Befreiung geht es bei ihm um die Souveränität des Menschen; um den Menschen als übendes, trainierendes Subjekt. Damit weist er auf eine Möglichkeit hin, den Gegensatz von Freiheit und Autorität, Freiheit und Regeln aufzulösen.

Gerade wir aus den Generationen XYZ sind verliebt in das Rebellentum – doch kann sich Freiheit nicht im bloßen Dagegen-Sein erschöpfen, sondern bezeichnet noch viel mehr. Wie beispielsweise der Tübinger Philosoph Otfried Höffe anmerkt: „In einem lebbaren und erlebbaren Sinn ist daher in der Regel nur derjenige frei, der unter der Freiheit mehr als eine bloße Willkürfreiheit versteht.“ (Höffe, Kritik). Er erwähnt dabei sowohl das Freiwerden von „dominanten Regeln“ als auch „inneren Begierden.“ Das Bild der tapferen Rebellen gegen den Tyrannen ist heute ein beliebtes, narzisstisch geprägtes Konsumprodukt geworden – innerhalb einer Welt, in der es keinen Tyrannen mehr gibt, in der wir alle Teile der Macht sind, und jene, die es noch mehr sind, kein Gesicht, keinen Namen mehr haben. Es hilft jedoch nichts, das wir meinen, der Konsum, die Befriedigung, die völlige Entschränkung unserer Psyche durch Drogen, das lustbehaftete Sich-Gehen-Lassen würde uns individueller und freier machen – Resultat unser allzu einfachen Gegenüberstellung von Freiheit mit Gesetz, Mainstream, Kultur. Tatsächlich geschieht in dieser Trotzreaktion das Gegenteil, die Entselbstung des sich auf seine Triebe reduzierten Menschen und damit den Verlust von Bewusstsein, Seele und Willen, jener Hort wahrer Innerlichkeit und damit eigentlicher Freiheit. Es gab Philosophen wie Deleuze und Guattari, die dies befürworteten. Ich bezweifle, dass sie damit Recht hatten. Damit berufe ich mich übrigens auf den von beiden so geschätzten Friedrich Nietzsche:

„Umgekehrt sind es die schwachen, ihrer selber nicht mächtigen Charaktere, welche die Gebundenheit des Stils hassen: sie fühlen, dass, wenn ihnen dieser bitterböse Zwang auferlegt würde, sie unter ihm gemein werden müssten: sie werden Sklaven, sobald sie dienen, sie hassen das Dienen. Solche Geister…sind immer darauf aus, sich selber und ihre Umgebungen als freie Natur – wild, willkürlich, phantastisch, unordentlich, überraschend – zu gestalten oder auszudeuten: und sie thun wohl daran, weil sie nur so sich selber wohlthun! Denn Eins ist Noth: dass der Mensch seine Zufriedenheit mit sich erreiche…Wer  mit sich unzufrieden ist, ist fortwährend bereit, sich dafür zu rächen.“ (Nietzsche, Die Fröhliche Wissenschaft 530-1)

Laut Nietzsche sind es also gerade die schwachen Persönlichkeiten, die mit jeder Art von Autorität nicht klar kommen und das Ideal der absoluten Freiheit zelebrieren.

Gerade die Linke lässt nur ungern von dem Bild der Macht als tyrannisches Unterdrückungsinstrument ab. Der Kapitalismus heutiger Zeit passt allerdings leider nicht mehr ganz in das Schema, weil er nämlich die Freiheitsrhetorik der Linken übernommen hat und den Menschen genau das gibt, was sie – wie es schien – immer wollten, nämlich Wahlfreiheit, Meinungsfreiheit, Befriedigung, Beglückung – Brot und Spiele. Also wirft man ihm nun vor, den Menschen nicht die Freiheit zu nehmen, aber sie dazu zu zwingen, mit Freiheit zu unterdrücken. Depression, Burnout, permanente Überforderung, Prekarität, Risikogesellschaft, etc. sind die entsprechenden Schlagworte. Dahinter verbergen sich konkrete Probleme, aber es wäre falsch, diese allein dem „Kapitalismus“ anzulasten. Dahinter verbirgt sich noch viel mehr.

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