Foucault – gegen den Strich

Einen Hinweis darauf, dass Macht und Freiheit nicht unbedingt unvereinbare Gegensätze seien, gab der poststrukturalistische französische Philosoph Michel Foucault. Die Aufklärung beispielsweise, so Foucault, gab uns nicht nur die Freiheit durch bahnbrechende Konzepte wie Vernunft oder Säkularismus, Rechtsstaatlichkeit und politische Repräsentation: sie erfand auch die Disziplinen, und damit meinte der Forscher mit soziologischem Background zum Beispiel: Moderne Gesetzgebung, gesellschaftliche Normen, das Schulsystem, die nationale Bürgerarmee, Beamtentum und Bürokratie, das Gesundheitswesen.

Das freie Subjekt wird in Foucaults Interpretation nicht einfach befreit durch einen Freiheitskampf gegen absolute Monarchien und staatliche Mächte, sondern durch eine Vielzahl von Institutionen, Praktiken und Diskursen überhaupt erst als frei hervorgebracht, hervorgebracht, zur Freiheit befähigt und geradezu verurteilt. In der Moderne wird das individuelle Subjekt produziert und dazu diszipliniert, sich selbst zu führen und zu regieren, immer mehr selbst auf sich einzuwirken und „Sorge“ um sich zu tragen. Wer dies nicht kann, so Foucault, wird ausgeschlossen in Krankenhäuser, Sanatorien, Irrenanstalten und Gefängnissen.

Zur Zeit der europäischen Revolutionen, die den Bürger vom Absolutismus befreiten, begannen daher auch die Disziplinarmächte zu wuchern: Schulen, Krankenhäuser, Irrenanstalten, die Armee, bürokratische Ämter und Strukturen, polizeiliche Verordnungen sowie ganze gesellschaftliche Diskurse arbeiteten daran, das menschliche Subjekt „berechenbarer“ und selbstverantwortlicher zu machen, es als Individuum zu formen und zu zur Selbstregulation hin zu regulieren. Anders als zum Beispiel die Marxisten verstand Foucault Macht dabei nicht rein negativ, als Unterdrückungsinstanz, sondern als etwas Produzierendes, eine positive Kraft (im außermoralischen Sinne und im Gegensatz zu älteren Typen der Macht, die auf Verboten aufgebaut waren). Die Macht bringt beständig das autonome, individuelle Subjekt hervor. Macht kommt daher auch in seinem Werk nicht irgendwelchen Individuen und Eliten zu, sondern sie ist bei ihm strukturell, eine strategische Situation: Macht äußert sich in Institutionen, in Konzepten, in Diskursen, darin, wie eine bestimmte Epoche Phänomene versteht, reguliert und umsetzt.

Das Spannende an Foucaults Analysen ist, dass sie gerade um diesen scheinbaren Widerspruch kreisen: Wie gelingt es einer Macht, autonome Wesen zu produzieren, die von der Macht bedingt und abhängig und dennoch frei sind, im Sinne von: in der Lage, individuell und selbstverantwortlich zu handeln? Entgegen unseres Alltags-Rousseauismus, welcher immer nur dann Macht sieht, wenn er nach oben blickt, und die Freiheit dann als das Gegenteil davon wahrnimmt, betont Foucault, dass Macht und Freiheit immer schon ineinander gefügt sind und sich ständig neu hervorbringen. Wir werden von der Macht, die uns umgibt, ständig als freie Wesen hervorgebracht und zur Selbstverantwortlichkeit und Mündigkeit gezwungen.

Es kommt im Übrigen nicht von Ungefähr, dass Foucault diese These unter anderem mit einer Abhandlung über Sexualität vorstellt. Was ihm hier im Grunde gelingt ist nichts anderes als die Widerlegung der Repressionstheorie von Sigmund Freud: eben jene These die im 20. Jahrhundert nahezu jedem Aktivisten, Revolutionär und bürgerlichem Nonkonformisten die Inspiration geliefert hat. Freuds und Rousseaus Theorien gestalteten eine Dichotomie zwischen Gesellschaft/Autorität einerseits, und authentischem Individuum andererseits; dahinter lag für viele seiner Leser (nicht für Freud selbst!) das Versprechen, dass der Einzelne durch Rebellion zu seinem authentischen Ich zurückkehren könne. Freud bildet daher die Basis für die existenzialistische Bewegung wie auch für deren Nachfolger, die Achtundsechziger, für die Avantgardisten wie auch für die Hippies. Foucault dagegen deutet an, dass bereits diese Bewegungen Machteffekte sind, auch wenn er selbst nur schlecht die Konsequenzen aus dieser Erkenntnis gezogen hat. Um es mit einem Aphorismus Kafkas auszudrücken: „Das Tier entwindet dem Herrn die Peitsche und peitscht sich selbst, um Herr zu werden und weiß nicht, daß das nur eine Phantasie ist, erzeugt durch einen neuen Knoten im Peitschenriemen des Herrn.“

Wobei die eigentliche Erkenntnis darin besteht, dass auch das Bild von der Peitsche eigentlich falsch ist.

Dies bedeutet auch, dass sich zum Beispiel die Gender-Theorie streng genommen nicht an Foucault ausrichten kann, wie sie es über Judith Butler zum Beispiel tut: Denn, wer Foucault konsequent ernst nimmt, muss erkennen, dass nicht nur die sexuelle Revolution, sondern auch die heutige Gender-Theorie keine Befreiung von der Macht, sondern nur eine neue Form, eine neue Strategie der Macht darstellt. Sie mag nicht mehr patriarchal sein, aber Macht ist es immer noch. Auch der Einzelne, der sich ein neues Geschlecht auswählt, wird regiert, ist sogar nach der Foucaultschen Theorie ein Effekt der Macht. Es gibt, folgt man Foucault, einfach kein Außen mehr.

Wie Peter Sloterdijk die Foucaultsche „Wende“ auf den Punkt bringt:

Er war ins Freie getreten und bereit geworden, etwas wahrzunehmen, was für eine in französischen Schematismen konditionierte Intelligenz strikt unsichtbar ist: die Tatsache, daß die Menschen in ihren Ansprüchen an Freiheit und Selbstbestimmung durch die Disziplinen, die Regime und die Macht-Spiele nicht unterdrückt, sondern ermöglicht werden. Die Macht ist kein behindernder Zusatz zu einem ursprünglich freien Können, sie ist für das Können in allen Spielarten konstitutiv. Sie bildet überall das Erdgeschoß, über dem ein freies Subjekt einzieht…In der gelassenen Härte eines Zivilisationstrainers erklärte Foucault: ‚Natürlich konnte man die Individuen nicht befreien, ohne sie zu dressieren.‘

Tatsächlich waren es auch solche von Foucault noch viel zu negativ beschriebenen Disziplinen, die unseren Vorvätern ein erhebliches Maß an Freiheit gegeben, diese überhaupt zur Freiheit befähigt haben. Blickt man heute auf die disziplinarische Tradition zurück, ist man schockiert über ihre Auswüchse, doch was würde man in der Zukunft von unseren heutigen Disziplinlosigkeiten sagen, unser regellosen, pragmatischen Moral des „anything goes“, des „Warum nicht?“ – eine Moral, die auch genug Todesopfer kennt, die wir jedoch nur als übliche Kollateralschäden abtun, wenn wir sie überhaupt richtig wahrnehmen. Es gab zwar gute Gründe, auf Traditionen, auf religiöse Wahrheiten, auf Disziplinen zu verzichten, aber sind wir dadurch wirklich freier, glücklicher geworden? Was unsere heutige Zeit in Westeuropa charakterisiert sind nicht so sehr die Gewalttaten der Autoritäten, sondern die Gewalttaten gegen Autoritäten; die Gewalt von Schüler gegen Mitschüler oder Schulpersonal, von geplanten wie spontanen Attacken von Menschen auf Polizisten, Sanitäter, Feuerwehrleute und Bahnpersonal. Und so sind all die Aktivitäten und Demonstrationen gegen Polizeigewalt in den USA angesichts solcher Vorfälle wie in Ferguson drigend notwendig; aber wenn alleine in Chicago um den Unabhängigkeitstag 2017 über Hundert Schießereien stattfanden, die 15 Todesopfer forderten, ist der aufrechte Kampf gegen die Autorität nicht alleine ausreichend im Kampf für den Frieden und die Gerechtigkeit.

Zum Anderen ist hier das Leiden des Individuums an der eigenen Freiheit zu nennen: Sei es nun mit den Symptomen der Sucht, des Radikalismus, oder der Depression, egal, wie sich dieses Leiden äußert, es verhindert, dass wir heute inmitten von ungekanntem Wohlstand und soziopolitischer Freiheit die Früchte dieser Saat ernten können. Was haben wir falsch verstanden in unserem Weg zur Freiheit, zum Wohlstand, zum Glück des Einzelnen?

Vielleicht, dass sich Freiheit nicht allen in der äußeren, sozio-politischen Freiheit erschöpft. Der russische Schriftsteller F.M. Dostojewski erwähnte zum Beispiel die Unfreiheit durchs Geld: Wo Moral früher gelehrt hat, „Tue dies nicht!“, „Tue das nicht!“, da fiel es schwer, sich dem Begehren restlos zu unterwerfen. Dieses eher dogmatisch-negative Moralsystem wurde spätestens im 19. Jahrhundert als leeres Verbot enthüllt und deklassiert; an der Speerspitze die von Rousseau trunkenen Romantiker. Aber hatten sie Unrecht? Diese Moral WAR leer, weil man im 19. Jahrhundert bereits zunehmend die psychologische Einsicht vergaß, die einen moralisch-religiösen Trainer wie Jesus zweitausend Jahre zuvor dazu veranlasst hatte, von Sünden wie dem Begehren zu sprechen. Bei Jesus war es nicht darum gegangen, zu verbieten, sondern zu ermächtigen. Anders als so mancher Prophet im Alten Testament ging er dabei nicht dogmatisch vor, sondern therapeutisch: indem er den Einzelnen eine Art Trainingsprogramm gab, dass dieser in eigener Entscheidung und Freiheit durchzuführen hatte. Entscheidend waren nicht die Regeln, sondern der individuelle Glaube daran; nicht, dass man die Regeln befolgte, sondern dass man sie befolgen WOLLTE. Damit gelang ihm, vor rund zweitausend Jahren bereits, zwischen externem Dogma und individueller Beliebigkeit einen Kompromiss zu finden: Freiheit ja, Autorität: Ja. Doof nur, dass auf seinen Lehren dann wieder eine hierarchische Struktur aufgebaut war, die zweitausend Jahre lang daran mitwirkte, Freiheit einzuschränken, noch vor der fies-dogmatischen Wende im neunzehnten Jahrhundert. Dennoch: Die Saat war gesät, und aus der Lehre der Kirche heraus konnte sie paradoxerweise erstaunlich gut gedeihen.

Foucaults strukturelles Konzept von Macht wurde sehr schnell von ganz weit links travestiert, wodurch die Macht innerhalb des allgemeinen gesellschaftlichen Diskursgemurmels wieder zum repressiv-bösen Anderen wurde: keine Struktur mehr, die uns hervorbringt, produziert, sondern etwas, das uns behindert, unterdrückt, diskriminiert, und das daher im Namen der allgemeinen oder individuellen Beglückung überwundern werden muss: Back to Rousseau also und seinem weitaus befriedigenderen Gegensatz von Macht vs. Freiheit. In gewisser, nämlich politischer Weise traf das durchaus zu, denn die Geschichte seit 1789 zeigt deutlich, dass die Freiheit des Einzelnen sehr wohl im hartnäckigen politischen Kampf gewonnen werden musste. Ignoriert wird dabei aber, dass die Freiheit, die Individualität des Einzelnen nicht nur durch Revolutionen und Reformen GEGEN die Autorität zukam, sondern auch durch eine Vielzahl an Strukturen, Diskursen, Institutionen und schließlich auch Disziplinen, die von der Autorität überhaupt erst hervorgebracht worden waren, und von denen die Schule noch als bestes Beispiel fungieren kann; ermächtigte sie doch noch jeden Revolutionär dazu, die marxistische Dialektik einigermaßen zu verstehen, und mehr oder weniger verständliche Pamphlete zu verfassen und an die Leute zu bringen. Überhaupt, die Schule: Unser Ideal der Freiheit ist nicht zuletzt auch ein Produkt unserer Lehrpläne (von Lektüren wie Brave New World und 1984 zu einem Geschichtsunterricht, der eine gerade Linie von Unterdrückung zur Freiheit zieht) und Kinoprogramme. „We don’t need no education“ – wer dies mitsingt, hat sich das Englisch zumeist nicht selbst beigebracht, sondern profitiert von einer disziplinarischen „Freiheit zu“. Und wer „We don’t need no thought control“ – mitsingt, tut das in einer Konformität, die angesichts des Themas von Pink Floyds Konzeptalbum The Wall ein wenig erschauern lässt.

In seinem Werk Political Order and Political Decay erläutert der US-amerikanische Politologe Francis Fukuyama, dass es überhaupt erst stabile Institutionen gewesen waren, die das Erscheinen von modernen Demokratien und Rechtsstaaten ermöglichten. Jene Institutionen mussten jedoch durch einen starken Staat relativ geschützt werden. Gesellschaften dagegen, die relativ schnell in der Moderne demokratisiert wurden, ohne zuvor stabile Institutionen auszubilden, leiden mitunter bis heute an Instabilität, Clan-Wirtschaft und damit einhergehend deutlichen Defiziten in der Durchsetzung von demokratischen Prozeduren und Bürgerrechten:

Key to these different outcomes was the sequence by which different countries reformed their bureaucracies relative to the moment they opened up their political systems to wider democratic contestations. Those countries that created strong bureaucracies while they were still authoritarian, like Prussia, created enduring autonomous institutions that survived subsequent changes of regime into the present. On the other hand, countries that democratized before a strong state qas in place, such as the Unired States, greece, and Italy, created clientelistic systens than then had to be reformed. The United States succeeded i this; Greece did not; and Italy as only partly successful.

Daher waren es die eher konservativen britischen und US-amerikanischen Revolutionen, die auf bestehenden Institutionen und Traditionen aufbauten und diese zu bewahren suchten, die erfolgreicher waren im Errichten eines Reichs der Freiheit als ihre französischen und russischen Konterparts. Der Historiker Thomas Weber bringt in seiner Analyse der gescheiterten Münchner Räterepublik auch die weitreichenden Reformen im britischen Empire aus dem Jahr 1783 ins Spiel, die weit mehr zur Demokratisierung beitrugen als es jede offene Revolution vermocht hätte.

Auch wenn Fukuyama dieses historische Modell nicht als Blaupause für zukünftiges nation-building ansieht, wird er doch nicht müde, zu betonen, dass es stabile, unabhängige Institutionen und einen starken Rechtsstaat braucht, um die individuellen Rechte des Individuums ausreichend zu schützen: „It is only the state, with its judicial and enforcement power, that can make elites conform to the same rules that everyone else is required to follow.“ In seiner umfangreichen Studie distanziert sich Fukuyama dabei auch vom Rousseaustisch-neoliberalen Glauben des isolierten Individuums.

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