Rousseau III, oder: Die Negative Freiheit kapituliert

Mit Rousseau begann der Mythos des radikalen Individualismus: der Mensch beginnt das Spiel des Lebens aus sich selbst heraus, unabhängig, und so soll er auch leben. Diese Annahme war unbewiesen, beruhte sogar auf einer simplen Projektion, aber gerade das machte ihre Wirkmächtigkeit aus. Schließlich glaubten selbst die scheinbaren Kämpfer der Vernunft – die französischen Revolutionäre – an diese reine Fiktion. Kein Gott mehr, keine Tradition, keine Regeln. Noch heute sind es Anarchisten und Libertäre, Romantiker, Hippies und Hipster, die sich diesem Wunschtraum des radikal vereinzelten, radikal autonomen Individuums hingeben, aber auch gesamtgesellschaftlich wird dieses Konzept im Großen und Ganzen mittlerweile unhinterfragt akzeptiert. „Wir sind alle Individuen!“ „Ich nicht!“ – so brachten Monty Python in ihrem Film Life of Brian das Grundparadox auf den Punkt. Ich persönlich muss immer an den Sixties-Song „Make Your Own Kind of Music“ von Cass Elliot denken. Der Refrain fordert auf: „Make your own kind of music, make your own special song, even if nobody else sings along,” und verkörpert damit perfekt das Ideal Rousseaus und der Achtundsechziger: Jeder soll das eigene Lied singen, auch wenn niemand mitsingt. Implizit wird jedoch angedeutet: eigentlich wäre es ja doch schön, wenn andere mitsingen. Aber strenggenommen geht das ja nicht: weil jeder ja seinen EIGENEN Song singen SOLL. Wenn anderen meinen Song mitsingen, wäre das jener Konformismus, den die Achtundsechziger ja eigentlich nicht haben wollten. Davon einmal abgesehen haben Millionen Menschen Cass Elliots Song gesungen statt ihren eigenen, die Sängerin verdiente ihr Geld daran, und das war auch der Sinn des Ganzen gewesen.

Der US-amerikanische Philosoph Michael Sandel benennt das bei Rousseau vorgestaltete  autonome Individuums „unencumbered self“ und findet dieses beispielsweise auch in der neoklassischen und „neoliberalen“ Wirtschaftstheorie wirkmächtig. Nicht nur der moderne Anarchist und Aktivist, nicht nur der heutige Konsument sieht sich in seinem ganzen Wesen, seiner ganzen Authentizität als autonom von der ihn umgebenden Gesellschaft an: Auch der Ökonom geht von diesem Bild des radikal freien, ursprünglichen, nur sich selbst verantwortlichen Einzelnen aus. So gilt für den modernen Konsumenten dasselbe wie für den Aktivisten und den neoliberalen Kapitalisten: „Das Individuum wird für sich selbst zur eigenen Norm“ (Luc Ferry), und das bedeutet: Die Gesellschaft ebenso wie der Staat hat nicht mehr die moralische Autorität, diesem Individuum noch etwas zu verbieten. Aktivisten wie Kapitalisten treffen sich in ihrem Kampf gegen staatliche Intervention und Verbotskultur.

Was die Vorstellung des radikal authentischen Individuums in ihrer Radikalität vernachlässigt ist der grundlegend soziale Aspekt des Individuums; ein Aspekt, der bereits vor der Geburt eintritt: Seit seinem Aufenthalt im Bauch der Mutter ist der Mensch von Bindungen abhängig, und nach der Geburt ist er es natürlich noch viel mehr. Sprache, Kultur, Gesellschaft gestalten das Individuum mit: Sie sind nicht äußerlich, sondern schon immer tief damit verbunden. Selbst wenn wir radikal individuell und autonom sein wollen: Wir KÖNNEN es gar nicht sein. Gesellschaft und Gene prägen uns mehr, als wir akzeptieren wollen. Die Spitze der Ironie ist, dass es gerade die negative Freiheitsvorstellung unserer Gesellschaft ist, die im Einzelnen den Wunsch nach radikaler Autonomie von eben dieser Gesellschaft nährt, und dabei doch wiederum nur neue Konformitäten erzeugt.

Die Literaturwissenschaftlerin N. Katherine Hayles beispielsweise analysiert David Foster Wallaces Roman Infinite Jest genau anhand des Spannungsfeldes zwischen dem radikal autonom vorgestellten Ich einerseits und seiner unentrinnbaren Bindung an die Welt andererseits. Sie identifiziert das Problem ähnlich wie Sandel als eine Art „illusion of autonomy“, eine Ideologie, welche die gesamte Gesellschaft unserer Zeit durchziehe:

„The culprit is no single person, family or even nation, but rather an ideology that celebrates an autonomous, independent subject who is free to engage in the pursuit of happiness, a subject who has the right to grab what pleasure he can without regard for the cost of that pursuit to others.“ (N. Katherine Hayles, “The Illusion of Autonomy and the Fact of Recursivity”)

Neben Familie leisten auch Erziehung und Kultur, leistet die Gesellschaft jeden Tag ihren Beitrag zur Gestaltung des „freien“ Individuums, das ohne solche Bindungen gar nicht existieren könnte. Pascal Bruckner, implizit auf den deutschen Philosophen G.W.H. Hegel zurückgehend, bringt dazu auch phänomenologische Aspekte ins Spiel, wenn er den Grund für die eigentümlichen Schuldgefühle und paranoiden Vorstellungen Rousseaus sucht – frei nach Jean-Paul Sartres „Die Hölle, das sind die Anderen“:

„Others prevent me from enjoying myself in all quietude, that’s the problem: their cold gaze, their acerbic comments that dissociate me from my own existence…Rousseau discovers in a more terrible way the hell of modern man: I am indebted to the others, all the others, before whom I must give an accounting. Even if our ‘true self is not entirely complete in us,’ even if one never manages, in this life, ‘really to be oneself without the concord of the other,’ the latter is first of all the one who talks about me without my knowledge, who objectifies me and by so doing, locks up me in an image. It is an intolerably arbitrary condition thus to be removed from oneself, to be defamed and trammeled, and that there should be so great a distance between one’s sense of oneself and the sense that others have of you.” (Pascal Bruckner, The Temptation of Innocence)

Hegel und andere Philosophen haben bereits herausgearbeitet, dass es überhaupt erst dieser Blick des anderen ist, der unser Bewusstsein von uns selbst und damit unsere Individualität – unsere Freiheit – hervorbringt. Erst durch den Blick des Anderen werde ich mir selbst als Objekt in der Welt bewusst, bewusst in meiner konkreten Existenz. Der erste Schritt in Richtung Autonomie ist die Erkenntnis der Abhängigkeit durch den Anderen.

Für Rousseau ist der Andere dagegen immer schon eine potenzielle Bedrohung unserer Freiheit. Im Gegensatz zum Schweizer Philosophen jedoch unterstrich Hegel die konstruktive Rolle, die der Andere darin spielt, den natürlichen Narzissmus des Individuums zu durchbrechen. Für Hegel ist es eben nicht die Abwesenheit des Anderen, und damit auch von Kultur und Gesellschaft, die zur Freiheit des Einzelnen führt, sondern deren Anwesenheit! Durch die Spannungen und Konflikte mit dem Anderen gelangt das Individuum überhaupt erst zu einem reflektierten Bewusstsein über sich selbst und damit Schritt für Schritt auch zu einer POSITIVEN Form der Freiheit: Einer Freiheit, die der Souveränität gleicht und das Können beinhaltet. Der Rousseauist verbirgt sich wie sein Vorbild am Fuße der Berge, einsam in einer Hütte, der Hegelianer lernt dagegen, mit anderen gemeinsam Berge zu besteigen. Am Ende steht für Hegel daher nicht mehr die Entfremdung von der Gesellschaft, sondern die Fähigkeit, sich in einem modernen Rechtsstaat durch Gesetze und Institutionen repräsentiert zu sehen; die Fähigkeit also, die kleinen egoistischen Wünsche zugunsten größerer Perspektiven, welche die Mitmenschen einschließen, aufzugeben.

Aus diesem Blickwinkel betrachtet ist die Demokratie nicht ein Freifahrtschein oder eine Blumenwiese, auf der alle Wünsche erfüllt werden. Im Februar 2016 beispielsweise waren in Berlin überall Sticker mit „Die Demokratie ist in Gefahr“ zu sehen – weil der Senat überlegte, Notunterkünfte für Flüchtlinge auf dem Tempelhofer Feld zu bauen. Die Radfahrer und Spaßsportler vom umliegenden Hipster-Viertel wollten den Freiraum direkt neben ihrem gentrifizierten und angesagten Schiller-Kiez nicht mit den frisch angekommenen Flüchtlingen oder Wohnungssuchenden teilen, und gingen nun auf die Barrikaden; gleichzeitig wurden Zwangsenteignungen von Wohnungsbesitzern nicht als Angriff auf Freiheit und Demokratie betrachtet, sondern als legitimes Mittel im Kampf um Wohnraum.

Unsere Demokratie ist also nicht nur das Durchsetzen der eigenen Wünsche – wie sie zum Beispiel die G20-Aktivisten in Hamburg verstehen wollten – sondern auch das Eingeständnis, dass zu jedem Recht auch die Pflicht gehört, dieses Recht all jenen zuteilwerden zu lassen, die anderer Meinung sind als ich. In einer Gemeinschaft kann ich nur dann meine Rechte einsetzen, wenn sich auch die anderen daran halten. Unsere Demokratie, das sind wir, genauso, wie wir auch der demokratische Staat sind, genauso wie wir uns selbst bestehlen, wenn wir Steuern hinterziehen. Unsere Demokratie ist also mehr als nur Wahl, und vielmehr als „Ich wähle und bekomme dann, was ich will.“ Unsere Demokratie ist die Teilnahme an einem kompromissorientierten System.

Die Freiheit ist immer schon sozial; immer schon verknüpft mit dem Anderen als selbst-bewusstes Subjekt, dessen Blick uns aus unserer natürlichen Selbstbezogenheit und unserem naiv-fröhlichen Infantilismus befreit. Es ist demnach der Blick des Anderen und meine Interaktion mit ihm als freiem Subjekt, der mich überhaupt erst ebenfalls zu einem freien Subjekt macht. Bei Rousseau bestand sein Infantilismus darin, dass er glauben wollte, seine natürlichen Triebe wären moralisch rein, authentisch, gut, und er könne sich ihnen hemmungslos hingeben: von der maßlosen Onanie bis hin zum Verlassen seiner Kinder. Kein Wunder, dass er in den Blicken der Anderen irgendwann nur noch Vorwürfe und schließlich finstere Machenschaften sehen wollte.

Rousseau wollte sich einreden, seine Meinung über sich sei die einzige Wahrheit, die einzige Autorität, die für den Einzelnen, also für ihn zähle – auch dies etwas, was wir heute nicht nur bei freien Radikalen vorfinden, sondern dass fröhlich durch den gesamten gesellschaftlichen Diskurs geistert: „Was zählt ist, wie du darüber denkst“; das geht sogar bis in die Uni-Hörsäle, wo die Wahrheit eines literarischen Textes nunmehr, wie ich von ca. achtzig Prozent meiner Kommilitonen hören konnte, das sei, was man eben selbst als Leser darüber denke.

Gerade hier zeigt sich Rousseaus Bedeutung für uns: Wie in seinen Bekenntnissen durchexerziert, ist das moderne Individuum vor allem sich selbst verantwortlich, sein eigener Gesetzgeber. Wir lassen uns heute nicht mehr so einfach von irgendwem etwas sagen, nicht von der Moral, nicht von der Tradition, auch nicht von Eltern, Politikern, garantiert auch nicht von der Kirche: Und selbst von Experten immer weniger. Die Moderne lässt sich definieren als jene Epoche, in der die eigene Einschätzung über jegliche externe Autorität und althergebrachte Tradition triumphiert. 1968 verstärkte diesen Trend ungemein, und die Entwicklungen gerade in der digitalen Welt seit den 1990ern heben das Phänomen noch einmal auf ein ganz neues, bis dato unbekanntes Level. Die von den sozialen Medien und Apps neu ins Spiel gebrachten Filterblasen tun ihr Übriges, um eine zunehmend atomisierte und narzisstisch durchgeprägte Gesellschaft zu erschaffen, in der Widerspruch nicht mehr akzeptiert wird: Wir sehen das an der Epidemie des Online-Hasses genauso wie in den bereits angesprochenen, um sich greifenden Attacken auf Autoritätspersonen. Wie es in in einem Artikel heißt, in dem auch auf ein Buch des Soziologen Andreas Reckwitz Bezug genommen wird:

„Individualisierung, Differenzierung und Fragmentierung sind spätmoderne Phänomene. Durch die auf Personalisierung angelegten digitalen Geschäftsmodelle werden sie algorithmisch kontinuierlich „optimiert“. Das Ergebnis dieses Prozesses ist eine „Gesellschaft der Singularitäten“…in der sich das Allgemeine, der demokratisch notwendige Gemeinsinn verflüchtigt. Viele Bürger finden nicht mehr als Öffentlichkeit zusammen, sondern existieren nur noch isoliert voneinander, in Gestalt spezieller Communities und in geschlossenen Echo-Kammern des Internets. Das hat epistemische Konsequenzen. Dem „User“ vergeht buchstäblich Hören und Sehen. Er nimmt nicht mehr selbst wahr, sondern nur noch durch Filterblasen. Gefunden wird lediglich, was dem Suchenden gefällt. Das ist der sichere Weg vom Logos zurück zum Mythos. Die Singularisierung verringert damit auch die Aussichten auf allseitig vernünftig geführte Entscheidungsprozesse.“(http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/abstimmung-im-eu-parlament-demokratie-braucht-urheberrecht-15781003.html)

Ich kenne zum Beispiel Akademiker, die lieber auf ihrer eigenen, oft nicht einmal auf Fakten beruhenden Meinung beharren, anstatt sich von Klimaexperten, Physikern oder Auslandskorrespondenten ihre eigene Meinung beeinflussen zu lassen; die eigentlich links sind, aber zum Beispiel nicht an den Klimawandel glauben oder an einen Krieg in der Ukraine, an das Leiden in Venezuela oder an die westliche Medizin. Und wie der Fall Rousseau zeigt, ist das Resultat – aber auch die Motivation – nur rhetorisch am Ideal der Aufrichtigkeit gebunden. Ist das Individuum erst einmal sein eigener Herrscher und nur sich selbst zur ultimativen Rechenschaft verpflichtet, kann die radikale Selbstbezogenheit selbst noch aus dem Verstand eine Waffe und ein Mittel zur Wunscherfüllung machen. Dies bezeugen nicht zuletzt Rousseaus Schriften selbst, die ihm dazu dienen, sich selbst ins Recht zu setzen, die eigenen Schuldgefühle sowie die Meinungen der Welt über Bord zu werfen. Die eigenen Kinder hat er abgegeben? Seine gefühlvolle Erziehungsschrift Emile setzt ihn als herrlichen und verständnisvollen Erzieher zurück ins Recht. Gerade auf diese Weise erweist er sich als Vater des modernen Individuums, das es als sein Recht betrachtet, zu tun und lassen, was ihm Spaß macht, und all dies auch noch als Freiheit, rebellische Geste oder authentischer Selbstausdruck verklärt, selbst wenn das Resultat das Gegenteil ist. Aber wer kann heute schon sagen, was frei ist und was nicht, wenn letztlich immer nur der Einzelne selbst seine Meinung bilden darf?

Wenn der Einzelne sein eigener Herrscher geworden ist, dann, so macht Rousseaus Beispiel klar, wartet am Ende nicht das Paradies, sondern die Hölle. Denn die menschliche Natur ist viel komplexer, als es unsere Schulweisheit vermuten lässt, und Selbiges gilt für die Freiheit. Malcolm Muggeridge sieht daher in Rousseau, “who insisted that men can only be free when they do what they like, and that doing what they like is conducive to their individual and collective happiness, peace and security” einen Gegenpart zum russischen Schriftsteller F.M. Dostojewski, dessen psychologische Erkenntnisse über den Menschen er folgendermaßen zusammenfasst: “when men are dominated by their own desires, they fall into the most terrible of all servitudes.“

Ähnliches hatte sich übrigens schon Ende der sechziger Jahre inmitten der Hippiekultur Kaliforniens beobachten lassen – etwa durch die Journalistin Joan Didion, die in ihrem Essay „Slouching Towards Bethlehem“ eine Generation porträtierte, die auf der Suche nach absoluter Selbsterfüllung jenseits von Autorität und Konvention zunehmend ihre Freiheit verliert. Sie beschrieb Jugendliche, die von zuhause davongerannt waren, weil ihnen die Pflichten zu viel geworden waren oder die Eltern ihnen zu viele Vorschriften gemacht hatten; Kids, die in San Francisco drogenabhängig wurden und sogar ihrem ungeplanten Nachwuchs Acid gaben, um sie irgendwie „zu befreien“: Eine orientierungslose Generation, die mechanisch von Happening zu Happening, unkonventionellem Sex und Drogenexperimenten, Seancen und ganz einfach Nichtstun driftete. Für Didion, die diese Kultur hautnah dokumentierte, bezeichnet 1968 daher keine Befreiung, sondern ein handfestes soziales Problem, hervorgerufen durch eine kulturelle Krise:

At some point between 1945 and 1967 we had somehow neglected to tell these children the rules of the game we happened to be playing. Maybe we had stopped believing in the rules ourselves, maybe we were having a failure of nerve about the game…

Sie macht diese Krise vor allem an einem Fehler von “Charakter” und “Respekt vor sich selbst” fest:

…people with self-respect have the courage of their mistakes. They know the price of things…exhibit a certain toughness, a kind of moral nerve; they display what was once called character…character – the willingness to accept responsibility for one’s own life – is the source from which self-respect springs…self-respect used to be instilled in the young by a discipline, and the sense that one lives by doing things one does not particularly want to do…That kind of self-respect is a discipline, a habit of mind that can never be faked but can be developed, trained, coaxed forth. (Didion, “Slouching Towards Bethlehem”)

Dass der radikale Individualismus durchaus Probleme im politischen Bereich bringen könnte, dass war auch Rousseau in seinen lichten Momenten bewusst geworden. Kaum hatte er mit der Gesellschaft und der Kirche abgeschlossen, überlegte er, wie er dieses radikal freie Individuum in einem idealen Staat integrieren könne. So frei ein Individuum auch sei, ein moderner Staat, das wusste auch Rousseau, war dennoch irgendwie nötig. So kam er schließlich auf den „Volkswillen:“ Seiner Theorie nach verkörpert die Gemeinschaft den Willen des Volkes – und so frei der Einzelne auch ist, er darf sich diesem Willen nicht entgegenstellen. Im Staat hat der Einzelne der Gemeinschaft seine radikale Freiheit quasi überwiesen – und ein solcher Staat darf, um zu funktionieren, keinen Widerspruch mehr zulassen. In seiner politischen Philosophie landete Rousseau dann genauso bei der Verklärung von Tyrannei und Unterwerfung wie später seine praktischen Nachfolger von 1789 bis 1815 oder den verschiedenen sozialistischen Imperien, die ebenfalls im Namen des Volks-/Arbeiterwillens regierten und dabei ebendiesem Volk seine Rechte verweigerten. Das Gerede vom VolksWILLEN dient dabei lediglich der Umgehung des Widerspruchs von Freiheit einerseits und Zwang andererseits. Wenn das Gemeinwesen anders tickt als ich, so Rousseau, dann nur, weil mir nicht klar war, dass ich genau das wollte, was sie auch will und wofür sie sich jetzt entschieden hat. Am Ende von Rousseaus radikalem Individualismus steht die Unterwerfung unter den totalen Staat. Konservative Kritiker wie Irving Babbitt wiesen zu Recht darauf hin, dass hier das Christentum mit seinem Konzept der persönlichen Freiheit des Einzelnen – gegründet auf seiner Gottesebenbildlichkeit und seinem Gewissen, sowie seiner Trennung von weltlicher und religiöser Sphäre – weitaus freiheitlicher war als dieser Philosoph, der schließlich sogar eine Zivilreligion für seinen idealen Staat entwarf und dabei vorschlug, jeden zu verbannen oder gar zu exekutieren, der nicht daran glaube.

Das Beispiel Rousseaus zeigt uns, dass im Zeitalter des radikalen Individualismus nicht nur Depression als Krankheitsbild, sondern auch Paranoia und Narzissmus als Verhaltensweisen begünstigt werden können. Wer die Freiheit als „Freiheit von“ versteht, verwechselt sie als Ermächtigung, seinen eigenen Launen nachzugehen, selbst wenn diese eigenen Launen oftmals wiederum von außen kommen. Und wir ahnen, wie gerade dieser Narzissmus in der heutigen Konsum- und Mediengesellschaft ökonomisch verwertbar gemacht wird. Facebook und all die anderen kurioserweise als „sozial“ bezeichneten Medien, die es uns erlauben, unsere Persönlichkeit zu externalisieren, optimieren, mit Photoshop und Instagram aufzuhübschen und sie schließlich gemeinsam mit vielen anderen zustimmenden Besuchern anzugaffen und zu bestätigen, sind nur die deutlichsten Beispiele unserer Zeit, die mit dieser Mischung aus künstlicher Selbstidealisierung und Sucht nach Bestätigung ideal ins Schema des Narzissmus passt (Selfie-Culture). Dass man dies dann auch noch als „sozial“ bezeichnen will, setzt dem ganzen Trara noch die Narrenkrone auf.

Die große Frage, mit der wir es also heutzutage zu tun haben, lautet: Was geht verloren, wenn wir Freiheit einfach nur als „Freiheit VON“ etwas oder jemandem definieren? Was ist mit der „Freiheit ZU“ etwas? Wie können wir uns ZU etwas befreien? Wie können wir in einer Welt, die mit Autoritäten abgeschlossen hat, einer Welt von Individualisten, die sich nicht mehr einfach so etwas sagen lassen, noch Autoritäten rehabilitieren, um unsere Freiheit zu bewahren? Oder, um mit einem Charakter aus Infinite Jest zu fragen:

‚Always with you this freedom! For your walled-up country, always to shout ‚Freedom! Freedom!‘ as if it were obvious to all people what it wants to mean, this word. But look: it is not so simple as that. Your freedom is the freedom-from: no one tells your precious individual U.S.A. selves what they must do. It is this meaning only, this freedom from constraint and forced duress…But what of the freedom-to? Not just free-from. Not all compulsion comes from without. You pretend you do not see this. What of freedom-to. How for the person to freely choose? How to choose any but a child’s greedy choices if there is no loving-filled father to guide, inform, teach the person how to choose? How is there freedom to choose if one does not learn how to choose?‘ (David Foster Wallace, Infinite Jest)

Woher wissen wir, was wir wählen sollen, was wir mit unserer Freiheit anfangen sollen? Wer sagt es uns? Wer es tut, der besitzt jedenfalls eine ungeheure Macht über uns.

Dieses negative Konzept von Freiheit vereinigt linke Rebellen mit libertären Anarcho-Kapitalisten, Krypto-Utopisten mit Konsumenten und Hipstern: Das Individuum darf selbst entscheiden, was es will, so das Ideal, das wir bei radikalkapitalistischen One-Man-Think-Tanks wie Milton Friedman genauso finden wie bei antikapitalistischen Linken oder natürlich auch der Riege der Politisch-Korrekten Identitätspolitiken.

Das Paradox folgt natürlich sofort: Das Individuum kann sich auch GEGEN die Freiheit entscheiden, nämlich falls es nicht weiß, wie es richtig wählen soll, oder falls es einen (mitunter selbstzerstörerischen) Hass auf die Freiheit, die freie Gesellschaft oder sich selbst entwickelt hat, kurz: wenn das Individuum eben nicht immer vom Verstand geleitet wird. Als Beispiele seien hier nur pauschal Drogen, Sekten, antihumanistische Ideologien, nationalistische Gruppierungen oder überhaupt der religiöse Fundamentalismus zu nennen. Anstatt also blind jegliche Grenzen zu sprengen, sollten wir als Nächstes überlegen, welche Grenzen, welche Autoritäten, welche Einschränkungen Freiheit überhaupt erst möglich machen.


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