11. Rousseau II

Die Freiheitsvorstellung des jungen Rousseau, die so prägend werden sollte, war wie die unsere negativ: Freiheit ist demnach, nicht das zu tun, was Staat, Macht, Gesellschaft und Tradition von uns verlangen. Diese Vorstellung ist für uns jeglicher alles überragende Wert, der übrigbleibt, wenn wir alles abziehen, das wir bequemerweise über Bord geworfen haben: Nation, Tradition, Werte und Moral. Freiheit bedeutet darin primär: absolute Wahl- und Handlungsfreiheit, Meinungs- und Redefreiheit. Etwas bildlicher vorgestellt: Ich bin frei, solange mir niemand sagt, was zu tun ist, und mich in meiner Handlungs- und Meinungsfreiheit einschränkt. Wo dies geschieht, geht die Authentizität verloren. Und authentisch ist für Rousseau wie für uns Romantiker, erst recht seit den 1960er Jahren, das Gegenteil von Regeln und Konventionen. Auch das ist typisch modern: Vor Rousseau wusste man, dass sich Freiheit und Regeln, Authentizität und Konventionen nicht ausschließen, ja, dass Regeln, Grenzen und Konventionen sogar Freiheit und Authentizität erst ermöglichten. Das klingt für uns alle schon sehr komisch – und zeigt eben, wie sehr wir Kinder dieser Vorstellung sind.

David Foster Wallace war nicht der einzige, der darauf hingewiesen hat, dass sich diese Hoffnungen nicht erfüllt haben, ja, dass das Individuum durch diese Art von Freiheit nicht glücklicher geworden ist, und auch nicht unbedingt freier – im Gegenteil. Noch dazu hat sich die Konsumindustrie dieser Freiheitsvorstellung bemächtigt und verkauft sie uns jetzt als das allergrößte Werbeversprechen oder als Argument, unser Privatleben durch unsere technischen Helfer ausspionieren zu lassen.

Allenthalben denkt man noch viel zu naiv über die menschliche Natur und ihre größte Leistung, das individuelle Bewusstsein. In der Tat: Die Art und Weise, wie wir heute als Kinder der ersten irdischen Wohlstandsgesellschaft etablierte Autoritäten über Bord werfen und dabei vernachlässigen, was Jahrtausende lang als Tradition aufgebaut wurde, zeugt von einer gewissen Unverantwortlichkeit – oder einem fehlenden Gespür dafür, was wichtig ist im Leben. Regeln, Gesetze, Normen sind für uns Dinge, die eben da sind und denen man folgen muss, wirkliche, prägende Gültigkeit für uns haben sie nicht. Wir kommen zuerst, und das ohne jegliche innere, moralische Verpflichtung gegenüber der Gemeinschaft, der Tradition, der Moral, der Nachwelt oder der Anderen. Dies ist die Konsequenz aus einer Kultur, welche die klassische liberale Erziehung aufgegeben hat und im reichen Fundus der Vergangenheit nicht viel mehr sieht als im besten Falle irrelevanten, im schlechtesten Fall rassistisch-kolonialistischen Plunder.

Dies scheint ein typisches Symptom für eine Generation zu sein, die mit einer Fülle an Gütern aufwächst, welche sich scheinbar nach Verbrauch wieder wie magisch in unseren Händen sich befinden; einer Generation, die lernt, Kritik am Lebenswandel als unterdrückend und politisch unkorrekt zu brandmarken und mit einem Shitstorm zu bestrafen. Welche die Spiritualität ablehnt und dennoch an merkwürdig vielen psychischen Problemen leidet. Welche die Rationalität hochhält und als erste solche Phänomene wie „Fake News“ und „Hate Speech“ kennt. Die in der Verehrung des Augenblicklichen jede Geschichte und jede Kontinuität, jeden langfristigen Entwurf einer Persönlichkeit aufgibt zugunsten augenblicklicher Erfüllung jeden Wunsches. Der Psychoanalytiker Rollo May sah bereits in den 1970ern ein Symptom für diese Krise der Freiheit:

„Psychotherapy in all its branches is a response to the loss on a vast scale of people’s inner mooring posts. It is symptomatic of the breakdown of freedom in our culture, the bankruptcy of our culturally inherited ways of dealing with our freedom and destiny. It is, thus, not by accident that Freud’s work came at a time when personal inner freedom was becoming all but lost in the maelstrom of modernity.“

Es gibt durchaus gute Gründe, im Namen der Freiheit auf Tradition, Moral, Konvention und sogar auf die Religion zurückzugreifen, ohne gleich wieder in die Falle der Unterdrückung tappen zu müssen. Mehr noch: All diese Aspekte können uns behilflich sein, die heutigen Formen von Unfreiheit und Abhängigkeit zu reduzieren. Allerdings gilt es, dafür den Akzent weg von dem negativen Verständnis der Freiheit hin zu einer anderen Vorstellung von Freiheit zu verschieben: dem der persönlichen Souveränität, der Freiheit als Projekt, der positiven „Freiheit zu“. Dies bedeutet auch, den Beginn des Freiheitsverlustes nicht automatisch nach „draußen“, in die Gesellschaft, zu legen, sondern nach innen, in den Einzelnen selbst.

Paradoxerweise scheiterte Rousseau, der mit seinen Bekenntnissen den Grundstein für die moderne Bekenntniskultur legte, an dieser Bewegung. Indem er sich scheinbar der Welt als ein authentisches Individuum präsentierte, verlegte er den Grund für seinen Freiheitsverlust radikal nach draußen, in die verkommene Gesellschaft. Das Herz, seine Leidenschaften – also seine Wunschvorstellungen (er hält sich mehr an seine Träume denn an Fakten in seinen Theorien) und Wünsche – zählten alleine für ihn, kritische Selbstbetrachtung galt ihm als Entfremdung vom natürlichen Ideal. Damit legte er den Grundstein für die modernen Kulturverfallstheorien, von den Romantikern über Spengler bis zu Freud.

Dass Rousseau dazu noch, anders als sein christlicher Vorgänger Augustinus – dessen Ideal eines der schonungslosen Offenheit gegenüber einem Gott war, den man einfach nicht anlügen konnte – gehörig flunkerte, und dass er in seinen Texten manische narzisstische und paranoide Züge preisgibt, macht vor allem seine Bekenntnisse zu einer Art vorgenommenem Psychogramm für den radikalen Individualismus unser Zeit. Auch bei ihm finden wir als Resultat dieser übersteigerten, individualistischen Freiheitsvorstellung die Flucht in die Paranoia als einzige Möglichkeit, seine Theorie von seiner prinzipiellen Autonomie aufrechtzuerhalten. Wer in sich selbst alleine den Grundstein der Freiheit als Zustand sieht, muss sich irgendwann wundern, wo sie denn bleibt, die Freiheit; und wer der Gesellschaft prinzipiell alle Schuld gibt, der muss irgendwann eine Verschwörung in der Gesellschaft annehmen, um sein Selbst- und Freiheitsbild aufrechterhalten zu können. Die Fantasie der Unterdrückung ist notwendig für den, der sich als radikal autonom und individuell bezeichnet, der sich für unvergleichlich hält auf der Welt. Die Repression lauert überall, sogar in seinem arg verdünnten Bekanntenkreis. Wie er einmal in einem Brief schrieb:

„Ich wünsche, daß meine Freunde meine Freunde sind und nicht meine Herren: daß sie mich beraten, doch nicht versuchen, mich zu beherrschen, daß sie jeden Anspruch auf mein Herz haben, doch keinen auf meine Freiheit.“


Er verdächtigte die Enzyklopädisten Holbach, Diderot und Grimm, seiner Lebenspartnerin heimlich Geld zuzustecken und ihn um seine Ruhe und Abgeschiedenheit beneiden zu würden. Eine seiner wenigen Gönnerinnen, Madame d’Epinay, ließ ihn jahrelang auf ihrem Grundbesitz unbehelligt leben. Als die schwerkranke Madame ihn bittet, sie zur Kur in die Schweiz zu begleiten, lehnt er ab. Seine Freunde raten ihm zur Zusage. Er antwortet: „Sagen Sie mir, Grimm, warum alle meine Freunde erklären, ich sollte Madame d’Epinay begleiten? Habe ich unrecht, oder sind sie alle verhext?…Meine ergebenen Freunde…[scheinen] die Absicht zu haben, mich zu Tode zu quälen.“ (Durant). Schließlich nahm er eben jene Madame auf in seine Hasslitaneien, und ihr Geschenk, ihn bei sich wohnen zu lassen, bezeichnete er offen als eine Form von Sklaverei. Er ist frei geboren, doch überall ist er in Ketten. Später floh er nach England, wo ihm der Philosoph David Hume Asyl anbot – doch auch der skeptische Philosoph musste einsehen, dass das ein Fehler war, als Rousseau ihn später öffentlich zum Haupttäter der zahlreichen Verschwörungen gegen ihn erklärte. Für den radikalen Individualisten spielt sein Ich die Hauptrolle in der Welt.

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Rousseaus absoluter Individualismus brauchte eine einsame Insel, um zu atmen. Ohne diese kreuzten sich nur seine Wege mit anderen Individuen, und da diese eben nicht Jean-Jacques waren endete das schlecht für seine Vorstellungen. Die Anderen wollten nun einmal nicht seinem „Herzen“ folgen. Seine Verachtung für Reflexion ebenso wie sein Hang zur Wunschträumerei machte Selbstkritik von seiner Seite aus unmöglich. So blieb ihm nur, allen anderen vorzuwerfen, sie würden ihn korrumpieren und/oder ihm seine Freiheit stehlen wollen. Der radikale Individualist kann die Freiheit der Anderen nur schlecht in sein Weltbild übernehmen, denn ihre Wege befinden sich eben nicht auf anderen Inseln, sondern leider auf der seinen. So wird aus der Bewegung der Anderen eine Bedrohung seiner Freiheit. Auch das macht seine Bekenntnisse zu einer so spannenden Lektüre: Wohl bei keinem anderen Philosophen vermengen sich massive Schuldgefühle und Verdrängungsnöte mit einer narzisstischen Vorstellung von Freiheit, um schließlich in einer Verschwörungstheorie zu enden, welche all jene Schuldgefühle aufnimmt, die dem eigenen Ideal des ursprünglich guten Menschen im Wege stehen. Es muss uns daher nicht wundern, dass es Verschwörungstheorien waren, die letztlich dann die Französische Revolution entfachten.

Rousseau schrieb die Bekenntnisse mit dem Ziel, sich selbst gegenüber der Welt ins Recht zu setzen – jener Welt, deren Urteil über sich selbst er radikal ablehnte. Dabei steigerte er sich bisweilen in eine nahezu krankhafte Paranoia, einen regelrechten Verfolgungswahn hinein – symptomatisches Resultat eines Individuums, das meint, von der Welt völlig abgetrennt zu sein, und das doch nicht von ihr loskommen kann. Denn er war von zahlreichen Schuldgefühlen geplagt. Manche Lüge gibt er zu, ebenso das jugendliche Faulenzen und bisweilen exzessive Masturbieren, auch der gelegentliche Exhibitionismus-Voyeurismus; aber dass er seine eigenen Kinder aus Egoismus ins Waisenhaus gegeben hat, erwähnt der gefeierte Autor des Pädagogik-Bestsellers Emile nicht. Gleichzeitig geht er vom radikal Guten im Menschen – und damit in sich – aus. Kann man ein epochales philosophisches Werk aus dem Wunsch heraus schreiben, die eigenen Schuldgefühle mit Visionen der eigenen Schuldlosigkeit zu übertünchen? Im Grunde ist er, so wirkt sein Text, ein gutes, ja, hervorragendes Wesen, und für sein Scheitern nicht selbst verantwortlich.

Die Durants sind daher nicht die einzigen, die Rousseaus Philosophie aus seinem Hass auf die Gesellschaft, die ihm den Erfolg nicht gönnte, erklären. Um diesen Glauben an sein ursprünglich gutes Gewissen aufrechtzuerhalten, überträgt er all seine Schuld an die Gesellschaft: jene erhält am Ende sogar die Hauptschuld an seinem Misserfolg als Philosoph. Aus dem eigenen Schuldgefühl befreite sich Rousseau durch eine Kulturverfallstheorie, die den Bedürfnissen von Millionen moderner Menschen entgegenkam. Von Rousseau erbten wir nicht nur den Kult der Authentizität, das Konzept der negativen Freiheit, sondern auch die politische Ideologie als ein Instrument hin zu einem guten Gewissen.

Sein Konzept der negativen Freiheit würzte er mit dem Ideal der Authentizität, das er jedoch nur im Individuum selbst vorfand: Die Kultur, die Gesellschaft sind von Anfang an bereits korrumpiert, nur das Individuum selbst, im GEGENSATZ dazu, kann authentisch sein. Ist es authentisch, so bringt es automatisch Frieden, Brüderlichkeit, Gleichheit und Solidarität hervor. Nicht einmal die von ihm inspirierten Revolutionäre mit ihren zahlreichen Massakern konnten die Anziehungskraft dieser Denkform mindern. Rousseau hielt so sehr an dieser Vorstellung fest, dass er selbst gar nicht merkte, wie er in seinen Bekenntnissen flunkerte; oder besser, diese Vorstellung ermöglichte ihm, sich in den Augen der Welt ins Recht zu setzen und in einem besseren Licht darzustellen, als die Welt ihn wahrnahm. Die Bekenntnisse sind eine einzige Rechtfertigungsschrift, wie auch seine Philosophie weniger Erklärung als Methode ist: Eine Methode hin zu einem guten Gewissen; eine Denkweise, an deren Ende nicht die Erklärung, das Wissen steht, sondern die gewollte Illusion.[1] Philosophie als eine Methode zur Wunscherfüllung. In zahlreichen Schriften gesteht Rousseau recht freimütig, dass er Vernunft und Fakten in den Wind schlägt um sich rein seiner Fantasie hinzugeben. Auch hier waren die Romantiker seine Erben – die romantische Melancholie ist ein Symptom dafür, dass die neugewonnene Welt der Fantasie leider niemals der umgebenden Realität entsprechen möchte. Heute ist das prägende Symptom unseres Rousseauismus jenes Ressentiment, mit dem wir all jene überschütten, die unseren subjektiven Befindlichkeiten bezüglich unserer Identität nicht die entsprechende Würdigung zukommen lassen.

Bereits bei Rousseau kompliziert sich das Bild des authentischen Individuums, das auch im scheinbar aufrichtigsten Geständnis sich selbst und der Welt gegenüber nicht so ehrlich ist, wie es behauptet. Es scheint, über diesem so einfachen Ding wie dem „Ich“ liege ein Schatten. Er suchte die „Wahrheit“ einzig in sich selbst – in Wirklichkeit jedoch verwechselte er Wahrheit mit der subjektiven Meinung. Und weil seine Meinung über sich nicht mit der Meinung anderer übereinstimmte, glaubte er sich verfolgt von übelwollenden Konkurrenten und verfiel in Größenwahn und Paranoia. Wer damit beginnt, die Gesellschaft von Anfang an als ein Verrat am natürlichen, authentischen Individuum und seiner ursprünglichen Freiheit zu sehen; wer Freiheit also radikal negativ versteht, sieht automatisch alle Ursachen für das eigene Leiden oder die eigene Unfreiheit außer sich, aber nicht in sich.

Tatsächlich war es gerade die Vorstellung, dass um ihn herum eine Verschwörung stattfinde, die seinen narzisstisch übersteigerten Glauben an die eigene Authentizität und Rechtschaffenheit aufrechterhielt, und ihm einen Grund für die eigene Misere und Erfolglosigkeit liefern konnte. Jene kognitive Dissonanz, die wir heute an Verschwörungstheoretikern beobachten können, findet sich bereits bei ihm: Wo die Welt nicht mehr in Übereinstimmung mit der eigenen Meinung über sie und uns zu bringen ist, da füllt man diese Lücke meist durch eine Theorie aus, die gerade aufgrund ihrer Unglaubwürdigkeit an Kraft gewinnt.  Erst recht muss das dort geschehen, wo das Individuum automatisch sich ins Recht setzt, glaubt, auf Selbstkritik verzichten zu können, und sich daran gewöhnt hat, die Welt durch die Brille von Wunschfantasien zu erblicken. Rousseaus einsame Träumereien haben seine Entsprechung in unseren virtuellen Welten, in denen wir uns zunehmend aufhalten.

Bei Rousseau entwickelte sich eine narzisstisch geprägte Paranoia aus einem übersteigerten radikalen Individualismus heraus. Er akzeptierte nur seine eigene Meinung. Da es ihm jedoch zunehmend unverständlich wurde, weshalb die Menschen eine andere, und vor allem eine negativere Meinung von ihm hegten (was auch damit zusammenhing, dass er zum Beispiel seine Kinder einfach im Stich gelassen hatte)  landete er schließlich in der Überzeugung, man wolle ihn und seine Karriere ruinieren. Wer sich selbst mit der Wahrheit gleichsetzt, hat es schwerer, die Meinungen anderer Leute und besonders ihre Kritik zu akzeptieren. Diese Einsicht trifft vor allem heute, in Zeiten eines übersteigerten Individualismus mit zunehmenden narzisstischen Symptomen zu.


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