10. Ursprünge: Über Rousseau I

Auf Autorität, Tradition, Grenzen und Regeln verzichten zu können, das glaubte der junge Jean-Jacques Rousseau, auf den sich alle radikalen Freiheitsapologeten, Revolutionäre und Progressive von damals bis heute berufen. Der Schweizer Philosoph steht wie kein anderer für den radikalen Subjektivismus, wie er gerade in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts dann zumindest im Westen zur vollen Geltung kam. Er steht aber auch für den Beginn des Totalitären – das macht ihn so interessant, so wichtig auch für unsere Zeit.

Rousseaus Revolution bestand in dem radikalen Glauben an die natürliche Unschuld des Menschen – ein Glaube, der das bis dato herrschende christliche Menschenbild komplett umdrehte. Der Mensch kommt, dieser Denkweise zufolge, nicht mehr durch die Erbsünde geprägt auf die Welt, sondern ist erst einmal von Natur aus gut und unberührt: Nur die Gesellschaft – also Staat, Kirche, Autoritäten, Moral, Dogmen etc. – machen aus manchen Wesen dieser Gattung eben bösartige Personen.

Klar, schon mit der Renaissance und dann spätestens in der Aufklärung nahm die philosophische, rationalistische und auch naturwissenschaftliche Kritik am blinden Dogmenglauben und der passiven Autoritätshörigkeit des Christlichen sprunghaft zu: Traditionen wie Konventionen wurden zunehmend hinterfragt, während gleichzeitig die Naturrechte als Gegenstück zur sozialen Rolle des Menschen hervorgebracht wurden: Wenn sämtliche Rechte des Menschen bereits bei seiner Geburt vorhanden sind, hat ihm die Gesellschaft nicht mehr allzu viel zu befehlen. Im Gegenteil: Wenn der Mensch von Natur aus gut ist, dann kann es ja nur die Gesellschaft sein und ihre staatlich-kirchlichen Autoritäten, die für alles Böse verantwortlich sind. Man ahnt, welche Seite unserer heutigen politischen Grabenkämpfe am meisten von Rousseau geprägt ist.

Politische Philosophen wie John Locke behandelten zeitlebens die Frage, wie man Naturrechte mit dem sozialen Wesen des Menschen produktiv verknüpfen kann. Rousseau war jedoch am erfolgreichsten darin, aus dieser Denkweise den radikalen Schluss zu ziehen, dass der Einzelne aus sich, aus seiner Natur heraus, frei ist und der Gesellschaft erst einmal gar nichts schulde – auf ihn beriefen sich die französischen Revolutionäre ebenso wie die Romantiker, und noch die Hippies, Psychoanalytiker nach 1968 und wir selbst stehen in seinem Bann. Tradition, Konvention, Autorität sind nicht mehr die notwendigen Zügel, die den Menschen zur Vervollkommnung und zum zivilisierten Verhalten bringen, sondern ein künstliches Gefängnis: Was in der Idee der Naturrechte bereits angelegt war, wird von Rousseau kompromisslos vollzogen. An sich ist der Mensch gut: Wenn er trotzdem Mist baut, liegt es allein an den gesellschaftlichen Verhältnissen. Hier wird die tragische Vision (Thomas Sowell) des Konservativen durch die optimistische des Proto-Romantikers ersetzt: Das Paradies ist möglich, und wenn es nicht eintritt, liegt das nicht mehr an der menschlichen Natur, sondern an der Gesellschaft. Marxistische Revolutionäre zogen später daraus den Schluss, dass man alles eliminieren müsse, was nicht ins Paradies gehört (Kapitalisten, Bourgeoise, Bauern, „Faschisten“), damit sich das Paradies nun endlich einstelle.

Für den frühen Rousseau, und nach ihm die Romantiker, war die Gesellschaft daher der Hauptgrund allen Übels in der Welt. „Der Mensch ist frei geboren und überall ist er in Ketten,“ so schrieb er etwas polemisch in einem seiner Hauptwerke. In Ketten liege der Mensch, weil die Gesellschaft mit ihrer künstlichen Kultur ihm Fesseln – Normen! – auferlege, Regeln und Konventionen, die es zu befolgen gelte. Schaffe man, so Rousseau, alles ab, was gesellschaftlich und kulturell ist, schaffe man Regeln und Kontrollen ab und nehme man den Menschen in seinem Urzustand – „so, wie er ist“ – dann würde in dieser vollkommenen Freiheit auch Brüderlichkeit und Frieden erwachsen.

Mit Rousseau als dem wohl einflussreichsten Denker des 18. Jahrhunderts (Will Durant) begann auf diese Weise der moderne Kult des Individuums. Nicht mehr länger ist die Orientierung am Gemeinwesen – „Konformität“ – ein Ausdruck der Tugend: Wer tugendhaft, wer authentisch sein will, solle nun seinem Herzen folgen, seiner Erfahrung, und nicht mehr länger Konvention oder dem Verstand. Die Wahrheit liegt für den Schweizer Philosophen und seine Adepten nicht mehr in der Tradition, sie liegt im Herzen des Einzelnen. Der oberste Wert des neuen Moralkatalogs ist nun die eigene Authentizität, die gegen eine künstliche, entfremdende Gesellschaft ins Feld geführt wird.

Mit Rousseau wurde also ein Weltbild wirkmächtig, welches das Individuum scharf von der Gesellschaft abgrenzt und dessen Freiheit negativ definiert. Das Individuum ist absolut autonom und die Basiseinheit der Welt – der Gesellschaft nichts schuldig, allerdings durch diese von seiner eigenen Natur entfremdet. Indem sie als Bedrohung für das authentische Individuum dargestellt wird – von überall her droht Entfremdung – kann dieses Individuum Rousseaus Ideale der absoluten Freiheit und Tugend kombinieren. Wo man in der Freisetzung der Leidenschaften vorher noch eine große Gefahr gesehen hat, da erblickt Rousseau nun das Gegenteil, nämlich einen Segen: Folge deinem Herzen und deinen Wünschen, und die Welt wird wieder gut.

Ich erwähne Rousseau nicht nur deswegen, weil er sozusagen der Urvater des modernen Individualismus ist, sondern auch, weil er gleichzeitig dessen Pathologien verkörpert. Denn aus Rousseaus übersteigertem Kult des freien, natürlich guten Einzelnen, entstehen bei ihm schon bald Paranoia, Narzissmus und Hass. Sosehr er auch an seine Freiheit glaubt, so sehr muss er selbst feststellen, dass er immer wieder in einem Netz aus Bindungen, Regeln und Konventionen verstrickt ist. Anstatt jedoch anzuerkennen, dass er nicht so autonom ist, wie er glaubt, erklärt er sich dies durch zunehmende Paranoia: Die Gesellschaft ist schuld (Entfremdung) und seine Freunde sind aus, ihn zu vernichten, darauf laufen seine autobiographischen Bekenntnisse und seine Briefe zunehmend aus. Laut seinem System kann es auch nicht anders sein. Genau dieselbe Logik finden wir in nahezu allen linken totalitären Systemen: Das vermehrte Ausbleiben des von der Ideologie vorhergesagten Paradieses wird der Existenz einer Verschwörung durch den (Klassen-)Feind erklärt, der als eine solche existenzielle Bedrohung wie Ungeziefer ausgerottet werden muss (Stalin, Mao, Pol Pot fallen hier als erste ein). In gewisser Weise müssen wir aber auch an die heutige Zeit des überbordenden Hasses in der westlichen Welt denken: Inmitten eines historisch bisher so nie vorgekommenen breiten Wohlstands, inmitten der längsten Friedensperiode, die Europa jemals erlebt hat, erblüht der Hass, erblühen extreme Ideologien – auch wir sollten angesichts der Freiheit, des Wohlstands, des Friedens, den wir vererbt bekommen haben und den es so niemals gab, doch eigentlich, verdammt nochmal glücklich sein. Und wir sind es nicht. Wer ist Schuld? Der Kapitalismus, der uns entfremdet (Marxisten), der Neoliberalismus, der uns überfordert (Attac, Alain Ehrenberg), das Patriarchat (Feminismus, Gender-Theorie), der Rassismus, die USA, oder irgendeine Verschwörung Deiner Wahl. Das Ressentiment ist ein Nebenprodukt der modernen Ideologien. Und an Rousseau können wir den Mechanismus hervorragend ablesen: Ein von Schuldkomplexen geplagter junger Mann steigert sich in eine Fantasie des möglichen Paradieses, eine übersteigerte Vision des guten Menschen hinein, setzt sich selbst dann in den Mittelpunkt dieser Fantasie, und verfolgt mit zunehmendem Hass all jene, die dieser Fantasie im Wege stehen.

Angetrieben wird diese Paranoia dabei vom selben Motor wie Rousseaus Philosophie: Dem teilweise schon extremen Drang, sich selbst ins Recht zu setzen. Dass der Mensch von Natur aus gut ist, diese These versucht der streitsame Einsame in seinen berühmten Bekenntnissen an sich selbst zu beweisen: Das gelingt ihm dadurch, dass er alle seine Schandtaten letztlich Anderen oder gar der Gesellschaft in die Schuhe schiebt, seine Fehlschläge einer Verschwörung der philosophes um Diderot und Voltaire zuschreibt, und sich selbst auf narzisstische Weise verherrlicht: „Ich bin nicht wie einer von denen geschaffen, die ich gesehen habe; ich wage sogar zu glauben, daß ich nicht wie einer der Lebenden gebildet bin.“ Doch in denselben Bekenntnissen wird der Grundfehler in seiner Philosophie deutlich: Da er anders ist und doch immer authentisch, doch immer aufrichtig, können bei Meinungsverschiedenheiten nur böswillige Menschen Schuld sein, niemals er selbst. „Dies hier ist das einzige genau nach der Natur und seiner ganzen Wahrheit gemalte Menschenbildnis, das es gibt und wahrscheinlich jemals geben wird,“ schreibt er in seinen Bekenntnissen – und doch flunkert er auch dort, nur will er es selbst nicht wahrhaben. Die Schattenseiten seines Kults des Individuums ist ein zunehmender Hass auf alle, die sein Herz und seine Meinungen nicht so schätzen, wie er es will; Hass auf jene, die der Verwirklichung seiner fantastischen Visionen im Weg stehen. Der radikale Individualist kommt nicht damit zurecht, dass die anderen eben selbst individuell sind und dass sie ihn nicht so sehen, wie er sich wahrzunehmen pflegt. Schon vor der Französischen Revolution wird daher am Beispiel Rousseaus deutlich, wie ein übersteigerter Kult um die individuelle Freiheit in das Gegenteil, nämlich die Tyrannei durch solche Individuen, umkippen kann.

Der moderne Anarchismus wie der Kommunismus sind Erben Rousseaus, ebenso wie sein radikaler Subjektivismus eine ganz neue Ära in Literatur und Kunst eingeläutet hat. Lasst alle Regeln, Grenzen und Kontrollen fahren – das Produkt wird Frieden auf Erden sein. Streift alle Konventionen ab und ihr findet zu euch selbst: Das Produkt dieser Subtraktion wird ein echter, natürlicher, besserer Mensch sein, friedvoll, brüderlich und egalitär gesinnt. Was der einzelne denkt und fühlt, ist wahr, was die Gesellschaft ihm dagegenhält, ist falsch, künstlich, repressiv. Nach Rousseau wird sich jeder linke Revolutionär auf diese Thesen berufen, die moderne Kunst ohnehin. Von Natur aus ist der Mensch (ist Rousseau) gut, nur Gesetze, Regeln verderben ihn. Folgt eurem Herzen und setzt Eure Triebe frei! Auf diese revolutionäre Weise wurde Rousseau – auch wenn er in späteren Schriften ganz andere Ansichten vertrat – der Urvater der antiautoritären Bewegungen. „Hör auf dein Herz“, „Sei du selbst“, „Träume nicht dein Leben, Lebe deinen Traum“, das allein schon sind zugegebenermaßen banale Rousseauismen, die vor ihm so gar nicht denkbar gewesen wären.

Nicht nur die Romantiker, nicht nur die Existenzialisten, nicht nur die Avantgarde, auch die Hippies, die Punks und natürlich die grünen und esoterischen Bewegungen unserer Zeit können wir pauschal zu den Erben Rousseaus zählen. Sicher, die wenigsten von uns werden mit seinem Namen wirklich etwas Konkretes verknüpfen können. Vielleicht sollten wir hier auf die Sigmund Freud-Rezeption der Achtundsechziger verweisen – Marcuse et al. Der Mensch wird durch Kultur und Gesellschaft entfremdet, seine natürlichen Triebe werden unterdrückt und durch soziale Konventionen diszipliniert. Das Resultat sind nicht nur angepasste Menschen, sondern (Spieß-)Bürger mit allerlei psychischen Problemen. Die beiden entscheidenden Erzählungen bei Rousseau, die Entfremdung durch Kultur/Gesellschaft einerseits, und die Repressionsthese – Unterdrückung des Einzelnen durch die Macht – wurde durch die pseudo-Freudianische Vermittlung von Marcuse und Kollegen zum entscheidenden Impetus für die Bewegung der Achtundsechziger und schließlich zu einem effektiven Diskurs im Zeitalter des Konsums. Auch wenn man dabei vielleicht vergessen hat, dass Freud keineswegs den Menschen in irgendeiner Form für von Natur aus „gut“ hielt. Eher schon für pervers. Aber das ist auch echt okay.

Was wir bei Rousseau mit als erstes in ihrer explosiven Sprengkraft beobachten können ist die Idee der negativen Freiheit als ideologischer Motor: Der Glaube, Freiheit bestünde darin, frei von Regeln, Normen, Gesetzen und Autoritäten zu sein. Diese Vorstellung ist „negativ“, weil sie frei VON etwas sein will. Sie selbst hat keinen Inhalt: Sie will nicht Freiheit zu etwas sein, sondern nur von etwas. In diesem Sinne ist der von Rousseau enorm beeinflusste Romantiker immer schon auf den Bürgerlichen angewiesen gewesen, denn er widersprach in jeder Handlung, jeder neuen modischen Extravaganz dem Spießbürger. Wären wir alle Romantiker oder alle Anhänger Rousseaus, würde das Ganze nicht funktionieren. Kein Wunder also, dass Rousseau es sich auch wiederholt mit seinen Freunden verscherzte und gerade jene, die ihm helfen wollten, verdächtigte, ihn „unterdrücken zu wollen“. Der radikale Individualist braucht die Vorstellung einer Unterdrückung, sei es nun durch Gewalt oder Konformität. Das gilt ebenso für den Punk, den Hipster, den Existenzialisten, etc. Diese nonkonformen Lebensentwürfe brauchen den despotischen Anderen, die gewaltsame Autorität, die Idee der gesellschaftlichen Macht, das Bild der monolithischen Mehrheit, von dem oder der sie sich abheben.

Die Freiheit, NICHT das zu tun, was man nicht will, wird von dem frühen Rousseau betont; ein eindimensionales Verständnis von Freiheit, wie wir im Weiteren sehen werden, und ein sehr modernes. Vor Rousseau, zum Beispiel bei Aristoteles, hieß es noch, dass die absolute Freiheit wie die absolute Demokratie zum Ende der Freiheit führe: Wenn das Volk herrsche, ist das eine Anarchie, die nur in die Tyrannei führen kann, so nahm Aristoteles die Französische Revolution vorweg. Später in seinem Werdegang teilte Rousseau den Vorbehalt gegenüber Anarchie und sogar Demokratie, und er warnte:

Menschen, die an Herren gewöhnt sind, werden die Herrschaft nicht aufhören lassen…Indem sie Freiheit als Zügellosigkeit ohne Ketten mißverstehen, werden sie durch die Revolution in die Hände von Verführern geliefert, die ihre Ketten nur noch schwerer machen werden.

Was aber auch seine größten Verehrer nicht davon abhielt, die Revolution in Frankreich in Gang zu setzen.

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