9. Die Freiheit frisst ihre Kinder

Wahrheit und Freiheit, Individualität und Souveränität: All diese werden heute nicht mehr primär durch die Zensur eingeschränkt, nicht mehr durch Despoten und Monopolisten, sondern durch ein nie dagewesenes Übermaß an narzisstisch orientierter Unterhaltung, an Konsum, an verwirrender Wahlfreiheit, an nicht zu überblickender Komplexität, an einem information overload, der dem Individuum gar nicht mehr richtig ermöglicht, sich sinnvoll, ausgewogen und multiperspektivisch zu informieren. Man muss uns das Internet nicht abschalten – wir finden auch so unsere Filterblase. Man muss uns das Wählen oder sonstige politische Partizipation nicht verbieten – wir sitzen auch so lieber auf der Couch und schauen Netflix. Man muss uns das gute Leben nicht vorenthalten – wir stopfen uns schon von selbst mit allerlei Giften und ungesundem Fastfood voll. Engagement gegen den Klimawandel? Ich brauche nur ein paar Headlines und ein paar Klicks, schon bin ich Experte und Aktivist*inX. Etc. Man muss schließlich, wie der französische Soziologe Alain Ehrenberg in mehreren Studien erforscht hat, dem Einzelnen gar nicht mehr den eigenen Lebensweg versperren – soll er oder sie nur gehen, er wird schon bald nicht mehr wissen, wohin, und am Ende da droht ihm oder ihr das Leiden am eigenen Scheitern: Depression, Orientierungslosigkeit, Gefühle der Unzulänglichkeit und die Angst vor dem Scheitern als Schattenseite des modernen Individualismus. Der Chefarzt einer Spezialklinik in Bad Waldsee kann genau von solchen Fällen berichten, Jugendlichen, die vom gesellschaftlichen Leistungsdruck gepaart mit dem Anspruch, „möglichst individuell und erfolgreich zu sein“, überfordert sind. (https://www.welt.de/vermischtes/plus192345935/Psychische-Krankheiten-Generation-Z-und-Y-haben-Zukunftsangst.html)

Für die Achtundsechziger galten noch die von Theodor Adorno ausformulierte „autoritäre Persönlichkeit“, das Sartresche „mauvaise foi“, das Pseudofreudsche Über-Ich und die von Hannah Arendt leider nur auf magerer Faktenbasis postulierte „Banalität des Bösen“ westlicher Bürokratie als Endgegner. Hieraus nahm man sich die ideologische und emotionale Kraft, um gegen Staat, Kirche und Gesellschaft zu kämpfen und sich gleichzeitig allen Normen zu entziehen, die der freien Beglückung des Einzelnen im Wege standen. Wo das Verbot der ideologische Gegner ist, wird aus dem Genuss geradezu eine moralische Verpflichtung. Doch die Hippies haben den Kapitalismus unterschätzt, der nun eben offen die Rhetorik der Achtundsechziger übernommen hat und uns alle zur Selbstbeglückung verpflichtet.

Mit Autoritäten hatte man in Deutschland immer schon ein Problem – vielleicht auch ein sprachliches. Arnold Angenendt weist beispielsweise darauf hin, dass das Französische und das Englische etwa zwischen „Willkürgewalt“ und „Schutzgewalt“ unterscheiden, ähnlich der lateinischen Differenz zwischen violentia und potestas/auctoritas – eine Unterscheidung, die wir im Deutschen nicht haben, so Angenendt. Gewalt ist immer schon Gewalt, ob nun vom Staat oder dem Schläger nebenan.

Prägend für die Achtundsechziger-Generation und ihre antiautoritären Erben die Experimente von Stanley Milgram oder Philip Zimbardo über die scheinbare Leichtigkeit, mit der aus normalen Menschen brutale Sadisten wurden – es brauchte nichts anderes als ein autoritäres System. Wer Autorität hört, der denkt sogleich an diese Experimente und weiß, wie gefährlich es ist, wenn sich Menschen einem System unterwerfen. Auch wenn es bis heute Kritik an diesen Experimenten gibt, stehen sie in der breiten Öffentlichkeit noch heute als prägnante Beispiele für die Gefahr, die von Autorität ausgeht. Milgram hat seine Experimente wohl zum Teil „frisiert“ und Zimbardo gefährlich viel Einfluss auf das Verhalten der Wärter genommen. Doch auch wenn man, wie der Neurowssenschaftler und Biologe Robert Sapolsky etwa, alle Kritikpunkte in Betracht zieht, kommt auch er zu dem Schluss, „dass bei entsprechendem Zwang zu Konformität und Gehorsam ein weit höherer Prozentsatz ganz gewöhnlicher Menschen als vermutet nachgeben und schreckliche Handlungen begehen würde.“

Ist die Autorität also weiterhin DER Gegner schlechthin? Sapolsky erwähnt immerhin eine Wiederholung des Experiments in Großbritannien im Jahre 2001, wo statt einem sadistischen Machtapparat der Wärter stattdessen zunächst eine kooperative Kommune gegründet wurde, bis daraus dann schließlich mehrere Gefangene und ein Wärter ein repressives, drakonisches Herrschaftssystem gebildet haben: Weniger ein Abbild der Bundesrepublik vor 1968, als vielmehr eine Wiederholung der französischen Revolution.

Denker wie Zizek, Ehrenberg oder auch Strenger gehen jedoch einen Schritt weiter und sehen in der heutigen Zeit, die nahezu alle alten Autoritäten erfolgreich abgestreift hat, nicht mehr die Autorität als Grundproblem, sondern den Individualismus – ein Individualismus innerhalb einer Gesellschaft, die keine grundlegende Orientierung mehr bietet, nun, da Moral relativ und eine Sache der eigenen Einstellung geworden ist, Tradition in ihrer Konventionalität erkannt ist und ignoriert wird, und die Selbstverwirklichung den Grundwert des Lebens darstellt:

„Die alte Frage »Was darf ich tun?« ist abgelöst worden von der neuen Frage »Wozu bin ich fähig, was kann ich tun?“. Dadurch sehen sich die Menschen heute mit einer neuen Quelle des Leidens konfrontiert: ihrer Unfähigkeit, die Freiheitsspielräume und Wahlmöglichkeiten für ein gelingendes Leben zu nutzen. Die Ausbreitung einer neuen Sprache des Leidens über narzisstische Persönlichkeitsstörungen und depressive Erkrankungen ist die Folge,“

wie es in der Beschreibung zu Alain Ehrenbergs Das Unbehagen in der Gesellschaft heißt. Gerade für den französischen Soziologen ist das freigewordene, autonome Individuum ein Wesen, das an sich und dieser scheinbar grenzenlosen Freiheit leidet und daran zugrunde geht. Dort, wo die Autonomie am höchsten bemessen wird, da findet sich auch „das erschöpfte Selbst“, so die Kernthese von Ehrenbergs erstem Bestseller. Statt „Gehorsam und Diszplin“ ist es nun paradoxerweise unsere eigene Autonomie – die eben eine gewisse Souveränität, Initiative und Handlungsfreudigkeit voraussetzt – an der wir scheitern. Der Befehl zu Genießen, die Forderung, jederzeit Eigeninitiative zu zeigen und sein Leben selbst zu gestalten, führt innerhalb dieser gesellschaftlichen Orientierungslosigkeit zu Krankheitsbildern wie der Depression. Aber wenn das wirklich so ist, dann liegt die Gefahr der Unfreiheit nicht mehr länger in der externen Autorität „da oben“, sondern zu einem großen Teil auch in uns selbst; und dann sind es vielleicht irreführende Vorstellungen von Freiheit, die diese heutigen Formen von Unfreiheit begünstigen.

Ich persönlich finde gerade folgende Nachrichtenmeldung symptomatisch für den Wandel von Milgram zu Ehrenberg, und damit auch von einer freiheitlichen Rebellion gegen das System zu einer freiheitlichen Unterwerfung unter das System:

„Die 16-jährige Schülerin aus dem Landkreis Fürstenfeldbruck hat Anzeige erstattet, nachdem sie im Januar dieses Jahres Opfer von lebensbedrohlichen Stromschlägen wurde…Ein zunächst unbekannter Täter steht im Verdacht, seit 2014 in bislang etwa 120 Fällen potenzielle Opfer aus ganz Deutschland per E-Mail angeschrieben zu haben, die auf einer Online-Plattform nach einem Nebenjob gesucht hatten. Er gab sich dabei als Arzt einer bekannten Universität aus und stellte finanzielle Vergütungen für die Teilnahme an einem angeblichen Forschungsexperiment mit Strom in Aussicht…Die arglosen Teilnehmerinnen wies der Täter via Internet an, Apparaturen zusammenzustellen und sich mittels dieser selbst Stromstöße zu versetzen. Anzeige aber erstattete erst die Schülerin aus dem Landkreis Fürstenfeldbruck.“ (https://www.welt.de/regionales/bayern/article175572644/Stromschlag-Experimente-Lebensgefaehrlicher-Nebenjob-fuer-junge-Damen.html)

In den 1960ern bestand das Problem mit der Autorität noch darin, dass sich Menschen in brutale Sadisten verwandeln konnten, wenn man ihnen Autorität gab. Das heißt, komplett unüberwachte, unkontrollierte Autorität abgetrannt von jeglichem größeren sozialen Kontext. Heute scheinen es Menschen selbst zu sein – nicht nur Jugendliche! – die sich auf Anweisung selbst die Stromschläge erteilen – und dabei wahrscheinlich auch noch ihre persönlichen Daten herschenken.

Das Problem ist nicht so sehr der Individualismus, sondern seine äußerst eingeschränkte und verkümmerte Form, in der wir ihn heute antreffe. Wo sich Individualismus tatsächlich im Konsum von Glück vergeudet, im Überschreiten von Grenzen, in der Selbsterfüllung, ja, in der reinen Wahlfreiheit, dort geht die Tendenz dahin, im persönlichen Leben wie im Konsum das auszuwählen, was einem passt, was einen am besten anspricht, also: am erfolgreichsten jene Mächte unserer Persönlichkeit erreicht, die mit der Lust verbunden sind und bereits entscheiden, bevor sich die kritische Reflexion überhaupt erst eingestellt hat. Ebenso stirbt die Meinungsfreiheit nicht an der Zensur, sie wird auf dem freien Markt der Meinungen einfach von sich einander widersprechenden Wahrheiten überschwemmt und hinweggespült.

Dass wir überhaupt die Autorität über Bord geworfen haben ist auch das Resultat eines „negativen“ Freiheitskonzeptes, welches davon ausgeht, Freiheit sei nichts anderes als die Freiheit VON Grenzen, Regeln, Restriktionen, Autoritäten. „Negativ“ ist hier nicht wertend gemeint, sondern soll einfach nur ausdrücken, dass dieses Konzept aufgrund einer Subtraktionsleistung, eines Abziehens von einem positiv gedeuteten Gegenbegriff stammt und von diesem konturiert wird: Negative Freiheit definiert sich primär im Gegensatz zu einer aktuell herrschenden oder vorgestellten Autorität. Das war früher mal der König oder die Kirche, mittlerweile ist es aber nahezu alles, was einem irgendwie vorschreibt, wie man etwas zu tun habe: Das reicht von Politikern, die nicht einfach jeden Menschen ungefiltert und unregistriert in Deutschland leben lassen möchten, über „Kopftuchskeptiker“ bis zu Moralaposteln, die betonen, früher hätte es so was wie störende Jugendliche und laute Musik in S-Bahnen nie gegeben. Auch solchen Kritikern schallt zumeist kollektive Empörung entgegen: Es soll doch jeder so leben, wie er möchte – und bitte auch ohne Kruzifix im Schulzimmer oder Gerichtssaal. Wie der konservative Denker Irving Babbitt die Sache definiert hat: „To be modern has meant practically to be increasingly positive and criticial, to refuse to receive anything on an authority „anterior, exterior, and superior.” Modernes Denken ist subjektorientiert – der Einzelne gibt sich seine Werte, nur hier ist die Wahrheit zu finden, nur hier Authentizität, nur hier Freiheit. Der Philosoph Charles Taylor sieht hier die Grundlagen des modernen Selbst: Im romantischen Expressivismus, demzufolge unsere Triebe und Gefühle die Quellen von Wahrheit, Glück und Authentizität darstellt und damit die einzige wirklich legitime Form der Autorität ist. Folge deinem Herzen, Sei, wie du bist, bleibe dir treu, träume nicht dein Leben, lebe deinen Traum: Von den Romantikern führt dieses Ideal über die Hippies bis zu den Ratgebern der heutigen Zeit.

Ein solches negatives Freiheitskonzept verfolgten im Grunde und ursprünglich – späteren Egalitarismen zum Trotz – bereits die französischen Revolutionäre von 1789 – von denen natürlich einige dann am eigenen Körper erleben durften, was passiert, wenn man alle Grenzen und Regeln beseitigt – diese Revolution fraß bekanntlich „ihre eigenen Kinder“; auch die Revolutionäre bekämpften mithilfe dieser Idee nicht nur König und Adel, sondern zunehmend auch alles andere, was irgendwie mit Autorität zu tun hatte: Von der Kirche bis zur Moral. Kein Wunder daher, dass die Gegner des modernen Individualismus seit 1789 immer auch wieder versuchen, Kirche, Moral, Tradition, wenn nicht sogar den König als Alternativen wiederaufleben zu lassen.

Doch richtig besehen ist das Problem nicht die Freiheit an sich, oder der Individualismus an sich. Beides sind hervorragende Dinge, die uns ein Maß an Wohlstand, Sicherheit und Frieden gebracht haben, wie es die Welt kange nicht gesehen hat. Das Problem ist viel eher, dass wir beide, Freiheit und Individualität, primär negativ definieren, und damit immer weniger in der Lage sind, sie auf Dauer aufrechtzuerhalten. Unsere Freiheit frisst ihre Kinder, genauso wie die Revolution, die sie inspirierte. Wenn wir noch kurz in der historischen Analogie verweilen wollen, dann sollten wir als Gegenbeispiele dazu die englische und amerikanische Revolutionen erwähnen, die vom Grundsatz her konservativ waren und durch den Versuch, etwas zu bewahren, auch etwas neues hervorbrachten, das von Dauer war.



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