8. These: Grenzenlosigkeit als Gefahr für die Freiheit

Grenzen sind da, um überschritten zu werden, man will „seine Grenzen kennenlernen“: Dazu passt auch, dass man etablierte Autoritäten heutzutage nicht mehr einfach anerkennt, dass man sich sogar gegen diese Autoritäten definiert und damit selbst Herr seines Schicksals sein möchte. Das ist nicht nur das vielzitierte Erbe von 1968, das ist die Basis unseres modernen Individualismus. Schon vor den Achtundsechzigern interpretierte man beispielsweise Sigmund Freuds Arbeiten auf diese Weise um – wer so eine verinnerlichte gesellschaftliche Autorität wie das Über-Ich im menschlichen Unbewussten entdeckte, wird sicher gewollt haben, dass man diese Autorität überwindet. Die Achtundsechziger bauten ihre Revolution auf den durch Herbert Marcuse et al. umgedeuteten Freud auf: Was unsere ureigensten Triebe unterdrückt, muss schlecht sein. Aus Freud wurde posthum ein Rousseauist! Für die Achtundsechziger entdeckte Freud den Vater, die Kirche, die Tradition und den Staat in uns – und wir konnten sie alle bekämpfen, indem wir uns besonders grenzen- und hemmungslos betätigten. Repression, Verdrängung und die Kontrolle von Trieben – alles schlecht.

Doch sogar noch vor Freuds bahnbrechenden Studien konnte ein konservativer Kulturkritiker wie Matthew Arnold eine solch negative Konzeption von Freiheit im allgemeinen Diskurs seiner Zeit (so gegen Ende der viktorianischen Ära in Großbritannien) kritisieren. Ganz besonders problematisch war für ihn beispielsweise, dass Freiheit zu einem Endzweck geworden war, zu etwas, das man begehrte ohne letzte Begründung dafür, weshalb oder wofür man sie eigentlich begehrte; ohne zu wissen, was man damit anstellen wolle. Schon im neunzehnten Jahrhundert, so wird aus Arnolds Kritik deutlich, sah man Freiheit zunehmend als die Fähigkeit, zu tun, was einem beliebe:

„In our common notions and talk about  freedom, we eminently show our idolatry of machinery. Our prevalent notion is…that it is a most happy and important thing for man merely to be able to do as he likes…On what he is do do when he is thus free…we do not lay so much stress.“

Wie er andeutet, definierten seine Zeitgenossen das Glück ähnlich: Das zu tun, wonach einem der Sinn steht. Lustgewinn ohne Einschränkung; deutlich ein Geist, den zuerst die Romantiker und dann die sonst sehr spießigen Utilitarier aus der Flasche gelassen hatten.

An sich klingt dieser Zustand erst einmal nicht allzu problematisch, würden wir jedoch dabei nicht all die Autoritäten übersehen, die wir ungesehen hineinlassen, während wir uns rebellisch gegenüber den sichtbaren Autoritäten wie Staat, Grenzen, Moral, Gesetze etc. auflehnen; Autoritäten, die sich uns gerade im Namen der Freiheit anbiedern: Autoritäten der Werbung, des Konsums und heute auch der Big Data; ganz zu schweigen von den populistischen Parteien der heutigen Tage.

Nicht zuletzt übersehen wir aber auch, dass wir die von uns so hochgehaltene Freiheit auf diese Weise missverstehen. Wie der US-amerikanische Philosoph Michael Novak beispielsweise über dieses Erbe schreibt:

„Many people seem to associate liberty with instinct, and specifically, animal instinct. Others associate liberty with lack of constraint…A third step is taken by others, who suggest that liberty consists in getting free of mind, self-consciousness, reason…Liberty is thereby reduced to a preference for pursuing pleasures and avoiding pains.“

Nicht jeder Zwang ist ein Gesetz, nicht jeder Zwang kommt von außen; und nicht jede Grenze ist einschränkend.

Libertäre genauso wie Anarchisten, Rebellen, Progressive, Hedonisten und Individualisten begehen hier denselben Fehler: Sie meinen, das Außen beschränkt und das Innere wird frei, wenn es weniger Grenzen gibt. Dazwischen stecken wir, gemäßigt und doch ebenso peinlich darauf bedacht, dass niemand – weder Internetgesetze noch irgendwelchen Moralaposteln – irgendeine Macht zukommt, unsere Freiheit, zu tun was wir wollen, einzuschränken.

Doch so einfach ist es nicht. Und sollten sich ein paar anthropologisch orientierte Außerirdische mal für einen Tag die Mühe machen und sich die deutsche Gesellschaft ansehen, werden sie sehr schnell mehr Beispiele für Konformität als für Originalität und wirklich authentische Individualität finden. Oft scheint das Ideal des Individualismus tatsächlich nicht viel mehr zu sein als eine Ausrede dafür, sich von moralischen Fesseln, sozialen Konventionen und traditionellen Lebensweisen zu lösen und dafür ganz einem von den Konsumindustrien verordneten Lustprinzip hinzugeben – und damit Autoritäten, die unter dem Deckmantel des Individualismus arbeiten. Dann sind wir eben dadurch individualistisch, dass wir Shisha rauchen, oder den derzeit angesagten Gin trinken, Stoffhosen tragen sowie zunehmend auch Bärte jeglicher Couleur.

Wenn man sich den heutigen Konsumenten anschaut, sieht man als Folge seiner „freien“ Entscheidungen nicht selten Übergewicht oder andere Formen von Gesundheitsproblemen, die Abhängigkeit von legalen oder illegalen Suchtmitteln, einen übermäßigen Konsum von junk food und junk TV sowie das Phänomen, dass immer mehr Aspekte des täglichen Lebens für manche Menschen zu einem Suchtfaktor werden, vom Sex bis zum Internet, und manchmal perverserweise sogar die Arbeit. Betrachtet man die oftmals rechthaberische Diskussions-, Beleidigungs- und Hetzkultur in sozialen Medien, und glaubt man den Umfragen, laut denen immer weniger Bürger Vertrauen in die Politik haben, bekommt man in der Tat sogar den Eindruck, dass nicht alles „gesund“ ist innerhalb dieser Gesellschaft, die einen ungeheuren Wohlstand kombiniert mit einer Moral der Selbsterfüllung und die vom Ideal der Lusterfüllung angetrieben wird. Nicht umsonst hat sich das Wirtschaftssystem auf den Konsum und damit das „immer mehr“ spezialisiert: Ein Konsum, der nicht der Befriedigung an sich dient, sondern der Hervorbringung neuer Wünsche und Begehrlichkeiten. Am eindrucksvollsten lässt sich das wohl an jenen großen US-Fernsehserien betrachten, die mit ihren Cliffhangern ihre Zuschauer bis zum exzessiven binge-watching fesseln und Neueinsteiger dazu bringen, schon mal ein oder zwei Tage lang nichts anderes mehr zu tun als eine Episode nach der anderen anzuschauen, wenn’s sein muss auch im Halbschlaf oder doppelter Geschwindigkeit. Man mag all das im Überschwang der eigenen Gefühle mal „Rock’n Roll“ oder „YOLO“ nennen, aber insgesamt könnte man den Eindruck gewinnen, gerade die Millennials-Generationen, aber auch die sie umgebende Kultur, seien durch einen Mangel an Mäßigung, Disziplin und Autorität gekennzeichnet. Die bereits angesprochenen, sich dramatisch häufenden Attacken auf Autoritätspersonen jeglicher Art – Polizisten, Feuerwehrleute, Rettungskräfte, Krankenhauspersonal, Beamte, Bürgermeister – sprechen ebenso eine eindeutige Sprache wie die nach diesen Fällen oft zu Wort kommenden Fachleute, die ebenfalls mit eindringlichen Worten darauf hinweisen, dass sich hier ein sehr bedenkliches, zunehmend brutales Phänomen ausbreitet und Dimensionen annimmt, die durchaus zur Bedrohung für die Fundamente unserer Gesellschaft werden könnten.

Was unsere Kultur heutzutage ausmacht, ist daher nicht mehr das Verbot, sondern die grenzenlose Erlaubnis – und in einer Welt, die es geschafft hat, ein ganzes Wirtschaftssystem auf die nahezu unbeschränkte Generierung von Lust und Appetit aufzubauen, steckt daher genau in diesem Fehlen von Einschränkungen die eigentliche Gefahr: In einer Unterwerfung durch ein System also, dass die narzisstischen Triebe des Einzelnen anspricht und ihn in neue Bereich der Entmündigung führt. Wo früher das Verbot, die Tradition, das Dogma, die Moral regierten – und wogegen die Achtundsechziger nicht zu Unrecht revoltierten – herrscht heute die Überfülle, aber eine Überfülle des Überflusses, des Unmaßes und des Begehrens. Zeitgenössische Intellektuelle wie Slavoj Zizek oder Pascal Bruckner sprechen daher schon von einem Befehl, zu genießen: Begehren und Lustgewinn sind jene Werte, auf die unsere Gesellschaften ausgerichtet sind: Sowohl die Wirtschaft als auch der politische Diskurs, sowohl die individuellen Lebensziele wie auch die Ideologien unserer Akademiker. Unsere Identitäten, kollektive wie individuelle, sind bereits um das Glück herum zentriert. Der Psychoanalytiker Carlo Strenger spottet, dass mit dem Endes des kollektiven Glaubens an die Erbsünde nun eben kein freier, glückseliger Zustand den Westen erfasst hat, sondern lediglich neue, säkulare Sünden erfunden worden sind: Der Einzelne fürchtet sich nun nicht mehr vor der eigenen religiösen Sündhaftigkeit: Seine Sünden liegen im „Übergewicht, mangelnde Fitness und möglicherweise ein Herzinfarkt.“ Auch die heutige Welt kennt Normen und autonome Individuen, die sich unbedingt diesen  Normen gemäß verhalten möchten. Doch zumindest aus genetischer Sicht liegt natürlich auch hier ein Fall von Erbsünde vor, dem man sich als moderner Mensch nicht so ganz entziehen kann.

Bruckner zitiert mit dem französischen Vorkriegsromancier André Gide einen Vordenker des heutigen Glücks- und Befriedigungskultes: „A sum of happiness is due each creature…If any part of it is refused me, I have been robbed.” Mit der Freiheit ist selbstverständlich auch das Glück ein Menschenrecht geworden – unsere Menschenrechtserklärungen und Verfassungen bestätigen es uns. Die Situationisten von 1968 nahmen daher die heutige Glückskultur vorweg, als sie riefen: „We want nothing to do with a world in which a guarantee that you won’t starve to death is exchanged for the certainty that you’ll die of boredom.” Wir wollen nicht essen, wir wollen den Spaß – für die Elterngeneration, die den Zweiten Weltkrieg mitgemacht hatte, definitive ein Shocker, für uns heute zumindest emotional nachvollziehbar – zumindest dann, wenn man uns für einige Tage das Entertainment und Internet abstellt.

Doch wo Glück nichts mehr ist, was sich durch lebenslanges Streben einstellt, sondern etwas, das die Gesellschaft einem SCHULDET, da bleibt das wirklich erfüllende Erlebnis, das man mit Glück verbindet, meist fern. Es ist dann nicht viel mehr als eine Pflichterfüllung, die man zur Kenntnis nimmt, während man weiter säuerlich darüber sinnt, dass man sich mehr erhofft habe. Die Beglückung als gesellschaftliche Forderung hat als ihre Schattenseite nicht nur den „Befehl, zu genießen“, sondern auch den Zynismus, das Ressentiment und die Depression. So sind es gerade jene Gesellschaften, die einen bis dato ungesehenen Wohlstand angehäuft haben, die auch mit Depressionen und anderen psychischen Krankheiten zu kämpfen haben. Für die einen ist das Ausbleiben der großen Beglückung ein Zeichen der eigenen Unzulänglichkeit, für die anderen ein Grund zur Frustration und der Suche nach einem Sündenbock – nicht nur Bruckner bemerkt, dass es jene dem Glück am meisten verschriebenen Gesellschaften sind, die am lautesten vom Leiden reden und dabei immer wieder neue Quellen dieser nicht auszurottenden Abscheulichkeit ausmachen. Ganz genauso wie ja auch die Intoleranz seltsamerweise besonders in jenen Gesellschaften zu wuchern scheint, die sich der Toleranz ganz besonders widmen: Hier wimmelt es nur so von Islamisten und Faschisten, und auch die #MeToo-Peiniger scheinen alle eher dem liberalen bis linken Lager zuzugehören.





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