7. Negative Freiheit: Erste Betrachtungen

Nicht nur US-Amerikaner, auch wir Europäer haben zumeist ein allzu negatives Bild von der Autorität. Das Wort allein klingt irgendwie negativ für unsere Ohren, ähnlich wie jene „Grenzen“, die es nicht erst seit der Ära der Globalisierung auszumerzen gilt und die, glaubt man den endlosen Versprechungen der Kultur- und Konsumindustrie, nur dazu da sind, um überschritten zu werden. In einem Facebook-Post zum Thema „Flüchtlinge“ fand ich einmal den Satz: „Man kann um die Freiheit keinen Zaun bauen, dann ist die Freiheit futsch.“ Darunter befanden sich eine ganze Menge Likes aus meinem größeren, zumeist akademisierten Umfeld. „Anarchy is love“ lese und höre ich auch immer wieder, wenn ich mit Freunden in Berlin unterwegs bin. Aber was ist Freiheit ohne Zaun, ohne Grenzen, ohne jegliche Autorität? Ist das dann nicht Beliebigkeit? Indifferenz? Und wie lange dauert es, bis sich innerhalb eines Territoriums ohne Grenze und Autorität die erste neue Machtinstanz aufbaut?

Betrachten wir die Geschichte der Menschheit, dauert das gar nicht lange: Hier gab es nie „pure“ Räume der Freiheit, jedes Verschwinden von Macht wurde durch das Auftreten einer neuen Macht begünstigt. Den wirklich machtlosen politischen Zustand gibt es eigentlich gar nicht, das ist auch eine logische Unmöglichkeit – machtlos sind in der Anarchie nur Menschen, aber nie alle. Kein Wunder, dass die meisten Menschen mit Anarchie etwas Negatives assoziieren. Gleichzeitig jedoch gilt den meisten Bürgern im Westen die Freiheit als das höchste Gut überhaupt. Wo hört das eine auf, wo fängt das andere an?

Freiheit, das ist so eine Sache, die immer etwas schwer zu definieren ist. Seit den alten Griechen beißen sich Denker und Philosophen an der Sache die Zähne aus – und das, obwohl Freiheit gar nicht greifbar ist, sondern unsichtbar, unendlich, und wie im bekannten Gedicht meist immer fort, wenn man mal gerade meint, sie erhascht zu haben. Unser Nachteil gegenüber den antiken Philosophen ist dabei, dass wir schon unermesslich frei auf die Welt kommen und uns auch sehr schnell daran gewöhnen, dass uns Gesellschaft, politische Parteien sowie zahlreiche global agierende Unternehmen und Medienproduzenten immer mehr davon versprechen. Gleichzeitig, und das ist ein gern zitiertes Paradoxon, scheinen sich immer weniger Menschen wirklich frei zu fühlen. Und tatsächlich, wer keinen klaren Begriff von Freiheit hat, wird Schwierigkeiten haben, wirklich frei zu sein. Das hätte uns schon so ein komischer altgriechischer Kauz erklären können, der seine Freiheit in einem Leben in einer Tonne fand.

Eine der Schwierigkeiten scheint zu sein, dass wir uns heute Freiheit vor allem als ein Recht vorstellen; ein Natur- und Menschenrecht, gleichzeitig auch als einen greifbaren, realisierbaren Zustand; realisierbar unter anderem durch den Konsum. Früher dagegen, da soll es einmal Philosophen gegeben haben, die in Freiheit ein Projekt sahen – eines, welches das ganze Leben andauert und welches viel mit Grenzen und Disziplinen zu tun hat.

Wer Freiheit als Recht und Zustand wahrnimmt, der wird sich sehr oft fragen, wo sie denn bloß bleibt. Wo ist sie denn? Wenn sie nicht da ist, dann muss sie mir jemand weggenommen haben. Wer mag es wohl gewesen sein?

Freiheit, verstanden als Freiheit von Einschränkungen und Grenzen, verstanden als Zustand und Recht, basiert auf der Vorstellung einer ihr feindlichen gesinnten Gegenmacht. Wer Freiheit und Grenzen gegeneinanderstellt, der stellt die Gleichung auf „Freiheit vs. Macht/Autorität“. Wenn die Freiheit dann einmal fehlt, selbst nach all den Rechten und Versprechungen, der gibt zunehmend den herrschenden Mächten die Schuld. Das hat zu monarchischen und patriarchalen Zeitaltern noch gut funktioniert, heute, wo uns gerade die herrschenden Eliten Freiheit versprechen – und wo Freiheit auch darin besteht, schön das zu konsumieren, was der Nachbar schon längst erworben hat – wird es schwierig. „The Revolution will be televized“ – die Revolution als Konsumprodukt, das kennt jeder, der hierzulande in den 1990ern großgeworden ist, jeder, der die G20-Proteste 2017 in Hamburg gesehen hat und jeder, der jetzt nicht schnell genug wegschaltet, wenn Schulen bestreikt und Freitage zu Feiertagen werden.

Freiheit vs. Grenzen, Freiheit vs. Autorität – vielleicht liegt in dieser weitverbreiteten Grundannahme auch eine Ursache für die aktuell um sich greifende Gewalt gegen jegliche Form staatlicher Autorität in Deutschland, ganz besonders natürlich gegen Polizisten. Ich muss hier nichts verlinken, dero Fälle gibt es viele und jeder weiß, denke ich, wie man googelt.

Sogar im Tagesspiegel wird vor den Auswirkungen dieser zunehmenden Gewalt gegen die Vertreter des Staates, und damit den Garanten unserer Sicherheit, gewarnt: „Widerstand gegen die Staatsgewalt ist längst zum Dauerzustand in Deutschland geworden.“[1] Das ist wirklich problematisch, denn es zeugt von einem erodierenden Gemeinschaftsgefühl und fehlenden Identifikationen mit Staat und Institutionen. Ohne diese beiden Grundpfeiler wird es ein demokratischer Rechtsstaat schwerhaben. Der große Denker Alexis de Tocqueville erläuterte seinen Zeitgenossen bereits im 19. Jahrhundert, dass sich selbst regierende Gesellschaften nur dann erfolgreich sein können, wenn sich die Staatsbürger ausreichend „mit ihren öffentlichen Einrichtungen und dem politischen Leben“ identifizieren können.[2] In dieser Hinsicht ist der Tagesspiegel selbst jedoch etwas widersprüchlich. Am 6. Juni 2019 beispielsweise zeigte sich dort ein Artikel betroffen über „rechte Hetze gegen den kurz zuvor ermordeten Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke.“[3] Über Freude an der Gewalt gegen einen Politiker zeigen sich, so der Artikel, Politiker von CDU und SPD gleichermaßen entsetzt. Ein paar Klicks weiter vermeldet der Tagesspiegel dann, dass es der AfD-Fraktion Spandau nicht gelungen sei, einen Auftritt der Punk-Band Feine Sahne Fischfilet zu verhindern, die auch durch ihre gewaltverherrlichenden Texte gegen Polizist*Innen bekannt ist. Hier lässt der Tagesspiegel einen SPD-Politiker zu Wort kommen, der selbst zum Konzert ging und meint: „Das ist halt Punkrock – und Meinungsfreiheit.“ Ein anderer SPD-Fraktionär findet Texte wie „Eure Knüppel kriegt ihr in die Fresse rein“ nicht so schön, aber das sei eben Kunstfreiheit. Rechte Aufrufe zur Gewalt gegen Staatsbeamte sorgen für Entsetzen, während linke Aufrufe zur Gewalt gegen Staatsbeamte unter Kunst- und Meinungsfreiheit fallen. So etwas kann man bringen, auch gleichzeitig und fast nebeneinander. Inwiefern beide Fälle wirklich gleichzusetzen sind, darüber könnte man streiten, aber eigentlich geht es ja nicht um diesen konkreten Fall, der viel eher eine allgemeine Tendenz im gegenwärtigen Diskurs widerspiegelt.

Erst recht, wenn man nicht nur Angriffe auf Polizisten, sondern auch auf Sanitäter und Feuerwehrleute betrachtet – ebenfalls stark im Trend, glaubt man Experten oder Thomas de Maizière.[4] Wer täglich Zeitung/Online-Medien liest, und nicht nur Zeit Online, wird wissen, wovon ich spreche.

Aber was hat das eine – konkrete Kriminalität – mit dem hochtrabenden politphilosophischen Thema der negativen Freiheit zu tun? Womöglich sehr viel. Wir brauchen uns also nicht in die Niederungen alltäglicher Polizeiberichte zu begeben, sondern können uns im Folgenden mit kulturellen Konzepten und Diskursstrukturen beschäftigen.


[1] https://www.tagesspiegel.de/politik/kriminalitaetsstatistik-gewalt-gegen-polizisten-zerstoert-unsere-gesellschaft/22114770.html

[2] Charles Taylor, Quellen des Selbst

[3] https://www.tagesspiegel.de/politik/lka-prueft-strafrechtliche-relevanz-politiker-entsetzt-ueber-hasskommentare-zu-luebckes-tod/24431248.html 

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