6.1. Von der Freiheit zur Souveränität

Natürlich ist nicht alles schlecht an der Konsumgesellschaft. Vieles ist sogar ausgesprochen gut; aber wie bei der Lust, wie beim Kapitalismus, so kann auch der Konsum letztlich nur Mittel sein – wird er zum Zweck, schafft er mehr Probleme als Glückseligkeiten. Da wundert es dann auch nicht, dass ein Leben, dass sich vor allem auf materiellen Genuss und Konsumwerte ausrichtet, generell eher zur Unzufriedenheit führt, wie beispielsweise der US-Psychologe Tim Kasser nach Auswertung zahlreicher Studien erklärt: „people who strongly value the pursuit of wealth and possessions report lower psychological well-being than those who are less concerned with such aims.“ Der Wissenschaftler kann dabei auch auf ähnliche Studien verweisen, die auch in anderen Ländern wie in Deutschland durchgeführt wurde. Die Experten kommen immer zum selben Ergebnis: „[M]aterialistic values appear not to bring happiness and wellbeing, but instead more anxiety, little vitality, few pleasant emotions, and low life satisfaction.”[1] Diese„materialistischen Werte führt der Psychologe dabei ganz explizit auf die Konsum- und Werbeindustrie zurück.

In seiner Kritik an der rein negativen postmodernen Ironie bezieht Wallace das entsprechende Konzept einer „negativen Freiheit“ ein, dass sich vor allem auf Wahl- und Meinungsfreiheit beschränkt, die Freiheit „von“ Autoritäten. Während die positive Freiheit sich als Freiheit ZU etwas, als Ermächtigung begreift, betont das negative Konzept die Freiheit VON Autoritäten. In einer narzisstischen Medien- und Konsumkultur, so Wallace, ist es gerade diese Vorstellung von Freiheit, die in ihr Gegenteil umkippt. Dagegen betont er die Rolle der positiven Freiheit, die sich nicht allein auf Konsum und Besitz beschränkt, nicht auf die eigene Lust, sondern die Disziplin und Arbeit erfordert:

„The really important kind of freedom involves attention, and awareness, and discipline, and effort, and being able truly to care about other people and to sacrifice for them, over and over, in myriad petty little unsexy ways, every day.“[2]

Narzisstisches Verhalten, wie all die zitierten Autoren erläutern, wird heute nicht mehr sanktioniert, sondern eher gefördert – sei es beim Konsum, sei es in der Karriere, und sei es noch beim politischen Protest (Stichwort „Viktimologie“), und es sind ehemals „disziplinarische“ Autoritäten, die jetzt heute gesellschaftlich als verfemt gelten. In diesem Sinne ist es gerade der Diskurs des radikalen Individualismus, der uns heute praktisch das gute Gewissen liefert, uns einem solchen kulturellen „Infantilismus“ hinzugeben; einer, von dem auch weiterhin politische, gesellschaftliche und vor allem ökonomische Eliten profitieren. Die übersteigerte Form des Narzissmus, an der wir nahezu alle teilhaben, erscheint in Form der Externalisierung und Exhibitionierung unserer Persönlichkeit in ein soziales Medium, wo wir mit einigen wenigen Tricks uns selbst optimieren und angaffen können, gemeinsam mit all der Selbstbestätigung, die wir dort durch Klicks bekommen dürfen. Und damit es regelmäßig neue Likes gibt, posten wir natürlich noch ein Selfie, ganz so, als würden wir einfach verschwinden, wenn uns niemand mehr anblickt. Und auch auf der anderen Seite des politischen Spektrums, etwa bei dem slowenischen Philosophen Slavoj Zizek, finden sich solche kritischen Stimmen. In seiner von dem Psychoanalytiker Jacques Lacan geprägten Gesellschaftskritik identifiziert Zizek den „Befehl, zu genießen“ als entscheidende Autorität in einer Gesellschaft, die sich zu Unrecht für frei, post-ideologisch und ironisch hält.

Zizek weist auf den problematisch gewordenen Individualismus unserer Zeit hin, und damit ist er alles andere als allein. Anstatt mich jedoch in das übliche Gerede von der „westlichen Dekadenz“ einzureihen, beschränke ich mich darauf, aus der Studie Sozialer Wandel und Gewaltkriminalität der Soziologen Helmut Thome und Christoph Birkel zu zitieren. In ihrer Untersuchung argumentieren die beiden Forscher, dass der „transsäkulare Rückgang interpersoneller Gewalt“ auf der „Herausbildung eines staatlichen Gewaltmonopols“ beruhe, „das im Laufe der Zeit durch gesetztes Recht domestiziert, durch demokratische Verfahren legitimiert und durch den Ausbau sozialstaatlicher Sicherungssysteme in eine Struktur institutionalisierter Gerechtigkeit eingebettet wurde.“ Zusätzlich, so die Autoren, ersetzte die Gesellschaft in zunehmender Weise kollektivistische durch individualistische Strukturen, Fremdkontrolle durch Selbstkontrolle. Allerdings habe dieser soziale Wandel auch negative Seiten. Um diese aufzuzeigen, verweisen sie im Rückgriff auf den Soziologie-Klassiker Emile Durkheim auf einen exzessiven und desintegrativen desintegrativen Individualismus, der zunehmend an Gewicht gewinne und in Verbindung mit einem egoistischen Instrumentalismus auch zunehmend das Gewalttabu in westlichen Gesellschaften auflockere. Dieser exzessive Individualismus sticht, so Thome, Birkel und wohl auch Durkheim, hervor durch die „Auflösung der Spannung zwischen Gemeinsinn und Selbstbestimmung zugunsten einer hedonistisch geprägten Selbstentfaltung.“ Damit verbunden ist eine zunehmende moralische Anomie, laut den Autoren also „einen identitätsgefährdenden Verlust normativer Orientierung (einschließlich eines Mangels an Selbststeuerung) und der Kontrolle über die jeweils gegebenen oder erreichbaren Handlungssituationen.“ In einer zunehmend entmoralisierten und exzessiv individualistischen Gesellschaft, so die Argumentation, fehle es den Bürgern zunehmend an der „nötigen Disziplin; sie schätzen sich und ihre Fähigkeiten nicht mehr richtig ein; sie wissen nicht, was ihnen längerfristig gut tut, was sie vernünftigerweise anstreben oder lassen sollen.“ [3]

Dieses Argument ist bekannt. Konservative und religiöse Hardliner tragen es spätestens seit 1789 auf ihren Bannern. Im Gepäck haben sie als Gegengift eine radikale Abkehr vom Materialismus und Individualismus und damit eine Hinwendung zum Dogma.

Dass eine solche Rückkehr in vormoderne Zeiten schlicht nicht möglich und auch nicht wünschenswert ist, sollte klar sein. Daraus ergibt sich aber die berechtigte eigentliche Frage, wie sich ein solcher exzessiver Individualismus, der seine eigene Zerstörung in sich trägt, zügeln ließe, ohne dabei dem Einzelnen die freie Entscheidung über sein Leben und wie er es zu leben gedenkt, zu nehmen. Anders gefragt: Wie lässt sich Freiheit mit Autorität verbinden, Multikulturalismus mit kultureller Identität, Tradition mit Moderne? Wie können wir auf die einstmals so nützlichen Hilfsmittel der Tradition, der Moral, ja sogar der Religion zurückgreife, ohne die pluralistische, offene Gesellschaft, ohne unsere Individualität aufgeben zu müssen?

Jedenfalls wage ich an dieser Stelle die Behauptung: Um die Freiheit des Individuums zu bewahren, braucht es durchaus Autorität. Und hier handelt sich keinesfalls um ein Entweder-Oder, sondern um eine dialektische Beziehung: Freiheit und Autorität, Freiheit und Pflicht, Freiheit und grenzen. Das Eine ist nicht möglich ohne das Andere. Wie der US-amerikanische Psychotherapeut Rollo May vor Jahrzehnten schon mahnte:

„The confusion with regard to freedom in our day is that we have conceived of freedom as a bow with no string to hold it in tension or a lyre with no frame to give it tautness and hence produce music. We were created free, the American Declaration of Independence tells us, and hence we assume there are no limits. Freedom thus has lost its viability.“[4]

Wer die Freiheit will, darf daher auch Aspekte wie Autorität nicht vernachlässigen. Statt Freiheit sollte man also einen anderen Begriff wählen; einen, der nicht den negativen Aspekt des „Dürfens“ beleuchtet – wir dürfen eh schon alles, außer an Karfreitag tanzen (aber wer will das denn überhaupt wirklich?) – sondern des Könnens, des innerlich wie körperlich wie willentlich dazu in der Lage seins: Wir müssen also von Souveränität sprechen. Aber welche Autorität braucht es, um souverän zu sein? Wer soll sie besitzen? Und wie wählt man sie, ohne die eigene Freiheit aufzugeben, während man weiter authentisch ist, true to oneself?


[1] Kasser, Tim. The High Price of Materialism.

[2] Wallace, Kenyon Commencement Speech

[3] Birkel, Christoph und Helmut Thome. https://www3.soziologie.uni-halle.de/publikationen/pdf/0401.pdf

[4] May, Rollo. Freedom and Destiny.

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