6. These: Kultureller Narzissmus

Heute, wo wir unsere moralischen Autoritäten im großen und ganzen abgeschafft haben (und sie, wenn überhaupt, nur noch im Kleinen pflegen, und immer dann, wenn es uns passt) und uns nicht mehr so einfach von anderen sagen lassen, wie wir zu leben und denken haben, ist der Spaß zunehmend zu unserer Autorität geworden. Das ist auch kein subjektiver Eindruck oder eigene Lebenserfahrung, die ganzen angloamerikanischen Natur- und Wirtschaftswissenschaften gehen davon aus, dass der Einzelne vor allem so handelt, dass er am meisten Lust verspürt. Spaß eben.

Und eben das ist perfide: Weil gerade jene Mächte, die sich mit dem Spaß verbunden haben, die uns heute den Spaß liefern, viel Geld dadurch verdienen und Kritiker – und dazu gehören nun einmal Traditionen und der Tradition verhaftete Menschen – sehr erfolgreich als Spaßverderber, Dogmatiker oder ganz einfach als repressive Spießer bezeichnen. Spaß ist heute ein Zeichen von Freiheit, ein nicht hintergehbarer Wert, oft jedoch das Gegenteil von Freiheit. Der Literatur- und Kulturtheoretiker Matei Calinescu spricht im Hinblick auf die postmoderne Ära zum Beispiel von einem „cult of instant joy, fun morality, and the generalized confusion between self-realization and simple self-gratification.“[1] Wie gesagt, gegen Spaß an sich ist nichts auszusagen – problematisch wird es nur, wenn Spaß als Ersatz für das Lebensglück, für das gute Leben angesehen wird – wenn also moralische Kategorien, die seit über 2000 Jahren Bestand hatten, nun im Namen von Spaß und seinen Profiteuren außer Kraft gesetzt werden und man gerade das Fehlen von langfristigen Lebensentwürfen und moralischen Reflexionen als Freiheit begreift.

Das Problem ist also nicht der Spaß an sich – viele Menschen heute haben eine solide work-fun-Balance aufgebaut und schaden anderen nicht durch ihren Spaßkonsum. Problematisch ist jedoch, dass gesamtgesellschaftlich der Spaß, oder die individuelle Lusterfüllung zunehmend die Rolle der Letztbegründung unserer Existenz übernimmt. Dass wir also unser Leben verfolgen ohne ein Ziel oder eine Begründung, die über unsere individuelle Existenz hinausweist; und dass dieser pure Individualismus zunehmend ohne Grenzen, Disziplin und einem formierenden Ethos verläuft. Darum vor allem soll es in den folgenden Seiten gehen.

as ich hier eher umständlich erfassen möchte, wurde von David Foster Wallace wiederholt als Narzissmus beschrieben. Es entspricht außerdem in groben Zügen dem, was der französische Philosoph Pascal Bruckner „Infantilismus“ nennt und in seinem Buch The Temptation of Innocence (in der englischen Übersetzung) als symptomatisch für unsere heutige Gesellschaft annimmt. Als „Infantilismus“ definiert Bruckner

„…the transfer into adulthood of the attributes and the privileges of childhood…Infantilism combines a desire for security, and boundless greed, and it shows up as a desire to be in charge but without being willing to be subjected to the least obligation…it so strongly colors every aspect of our lives, because it has two objective allies in our society…which continuously feed it and secrete it: consumerism and entertainment. Both are founded on the principle of constant surprise and endless satisfaction.“

Bereits in den 1980er Jahren entdeckte ein anderer Autor, Christopher Lasch, eine narzisstische Gesellschaft in den USA, aber auch im Westen generell, welche ihm zufolge folgende Symptome zeitigt: Einen „Kult des erweiterten Bewusstseins“, das Credo, „für den Moment“ zu leben, eine „therapeutische Sensibilität“ welche die vormals religiöse abgelöst hat, sowie das Phänomen der Liebe als Erfüllung statt als Opfer, des Sinns als Selbstbestätigung statt als Unterwerfung unter einer höheren Instanz, sowie die Überzeugung, dass jedem Wunsch und Begehren entsprochen werden muss, da jegliche Repression von Wünschen gesundheitsschädlich und böse sei (allzu katholisch obendrein) – erkennen wir uns darin nicht wieder?

Das, was Lasch „Narzissmus“ nennt und Bruckner etwas infantil als „Infantilismus“ bezeichnet, scheint nicht nur mit dem populär-psychologisch verstandenen Konzept des Narzissmus verwandt, sondern auch ein geradezu notwendiges Resultat unserer Gesellschaft zu sein, die aus Individualismus, Konsum- und Medienkultur ein immenses Geschäftspotenzial entwickelt hat. In ihrem Buch The Narcissism Epidemic diagnostizieren die Psychologen Jean Twenge und Keith Campbell beispielsweise einen explosionsartigen Zuwachs von Narzissmus in der US-amerikanischen Gesellschaft; einen Zuwachs, den sie direkt mit den Medien, dem Internet und einer gewandelten Kultur verbinden, in der jede Form von Autorität negativ behaftet ist und das Individuum sich von jeglichen Zwängen befreit vorfindet. Sie unterscheiden zwischen einer narzisstischen Störung, die sie bei jedem zehnten Befragten zwischen 20 und 29 Jahren vorfanden, und narzisstischen Persönlichkeitsmerkmalen, die sie bei jedem vierten von insgesamt 37.000 befragten Studenten diagnostizierten. Dazu komme, so Twenge und Campbell, ein erheblicher Anstieg im „kulturellen Narzissmus“, ein Wandel von Verhalten und Meinungen also, die narzisstische kulturelle Werte reflektieren, weshalb sie beim heutigen Narzissmus auch von einem psychokulturellen Problem sprechen, das sich aus der „Me-Decade“ der 1970er Jahre heraus entwickelt habe.

Dass dieses Phänomen auch in Deutschland existiert, beobachtet die Psychotherapeutin Martina Leibovici-Mühlberger bereits seit längerem. In einem Interview mit ZEIT Online erklärt sie über unsere Gesellschaft:

„…hier herrscht dieses infantil anmutende, narzisstische Ideal der Freiheit vor: Jeder soll das Maximum aus seinem Leben machen, sich maximal entfalten. Die Eltern vermitteln ihren Kindern deshalb: Wenn du immer machst, was du willst, dann wird alles gut…Wenn ich meine Kinder aber in der Endlosigkeit der Freiheit und mit den hohen Erwartungen an ihre Individualität alleine lasse, dann kommen sie nicht klar. Sie suchen verzweifelt nach Orientierung.“

Auch das hat Konsequenzen, es bedeutet nämlich, so Leibovici-Mühlberger, dass viele Menschen immer weniger in der Lage sind, „sich selbst zu kontrollieren und zu managen.“[2]

Was all die vorher genannten Autoren wissenschaftlich erhärten, hat Jahre vor ihnen bereits Wallace in seinem literarischen Werk intensiv beleuchtet und beschrieben: eine Generation, die sich durch einen „immense, gnawing, craving hunger for pleasure, and a real feeling of deprivation when we’re not experiencing it“ (Wiley Interview) auszeichnet, und eine Gesellschaft, die er als „…near-parental…machine that produces the need for and promise of infantile satisfaction“ bezeichnet.

Auch für Wallace war klar, dass die Nach-Achtundsechzigerer-Zeit entscheidend für diesen Wandel war. In Auseinandersetzung mit seinen postmodernen literarischen Vorgängern erklärt er die Befreiungen dieser Zeit für den Grund für die heutige Unfreiheit. Die Ironie, mit der etwa postmoderne Schriftsteller jeglicher Tradition und Autorität begegneten, war, so Wallace, notwendig, aber sie habe nicht zur Freiheit geführt – weil man fälschlicherweise davon ausgegangen war, dass Kritik und Grenzüberschreitung allein dafür ausreichten: “irony…serves an almost exclusively negative function. It’s critical and destructive, a ground-clearing…But irony’s singularly unuseful when it comes to constructing anything to replace the hypocrisies it debunks.“ (Wiley Interview) Wallace schloss daraus: Aus den Kindern der Revolution müssen mündige Erwachsene werden, und das bedeutet auch, Verantwortung zu übernehmen und neue Autoritäten aufzubauen. Genau darauf aber verzichten wir seit 1968.

War zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch die Unterdrückung sexueller Impulse das hauptsächliche psychologische Problem, wurde es um die Mitte des Jahrhunderts die innere Leere einer bürokratischen und white-collar-Wohlstandsgesellschaft, die von den großen existenzialistischen Philosophen und Schriftsteller ausgiebig thematisiert wurde. Die Postmodernen reagierten darauf mit der für sie typischen Rebellion und Überschreitung aller „artifizieller“ Grenzen und Autoritäten zugunsten der Ideale von Selbsterkenntnis und Selbstüberschreitung. Wallace, der in den 1980ern großgeworden war, fand sich so in einer Gesellschaft wieder, die ihn gerade durch ihre Freiheit von Autoritäten, Regeln, Traditionen und moralischer Orientierung verwirrte und in neue Käfige von Abhängigkeiten sperrte. Und die Welt von heute, in der Konsumenten nun User sind und für eine klitzekleine Portion Spaß miden großen Konzernen das schenken, was in unserer heutigen materialistischen Zeit ihr Wertvollstes ist – ihre persönlichen Daten – spiegelt deutlich die Gefahren wider, denen ein auf individuelle Lusterfüllung ausgerichtetes Leben ohne regierenden Ethos ausgesetzt ist. Es geht hier nicht nur um die Rechte an den eigenen Bildern, sondern auch um Gesundheitsdaten, die beispielsweise von verschiedenen von uns genutzten Apps gesammelt und an große Konzerne weiterverkauft wurden.[3]

Wie schnell wir bereit sind, dieses Wertvollste, was wir heute noch zu geben haben, für schnelle, augenblickliche Wunscherfüllung herzugeben, zeugt davon, wie wenig unser Leben von einem Ethos, von Regeln geleitet ist; wie wenig unser Handeln ausgerichtet ist auf ein bestimmtes Gut, das über den Augenblick hinausgeht. Wie es Slavoj Zizek beschreibt:

„Die Paradoxie besteht natürlich darin, dass wir diesen ungleichen Tausch, diese Aktivitäten, die uns de facto zu Sklaven machen, als die größte Ausübung unserer Freiheit betrachten – denn was könnte sich freier anfühlen, als nach Belieben im Internet herumzusurfen? Und genau in der Ausübung dieser unserer Freiheit erschaffen wir den „Mehrwert“, den sich das große digitale Andere aneignet, indem es Daten sammelt.“[4]




[1] Bruckner

[2] http://www.zeit.de/gesellschaft/familie/2016-04/kindererziehung-tyrannen-kinder-erwachsen-martina-leibovici-muehlberger

[3] https://www.sueddeutsche.de/digital/apps-daten-facebook-privatsphaere-1.4342514

[4] https://www.welt.de/kultur/plus193640573/Ueberwachung-im-Netz-Das-System-Huawei.html





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