5. These: Was ist mit dem „guten Leben“?

Mich interessiert jedoch noch etwas anderes: Selbst wenn ich mich dazu entscheide, das eigene moralische Handeln am eigenen Leben auszurichten, und ich in der Erfüllung dieses Lebens das eigene relevante und mögliche Ziel moralischen und sonstigen Handelns sehe – gelingt mir das denn überhaupt? Ist das denn wirklich tatsächlich möglich, wenn ich dafür konsequent auf all die Dinge verzichten, die dem heutigen Individualismus im Wege stehen – Tradition, Religion, jüdisch-christlich geprägte Moralvorstellungen zum Beispiel? Wir wissen von zahlreichen Humanisten, Atheisten und Poststrukturalisten seit der Renaissance, dass so etwas möglich sein soll. Nur leider sind diese Leute allesamt noch in einer stark von der von ihnen so heldenhaft abgelehnten Tradition und Moral geprägten Gesellschaft aufgewachsen; die besten Kritiker der Kirche waren ehemalige Klosterschüler und Gläubige. Wir von der Generation Y sind wahrscheinlich die erste Generation, die nicht mehr in einem von diesen drei Säulen (Tradition, jüd.-chr. Moral, christliche Religion) getragenen Kontext aufwachsen. Unsere Eltern haben den Endgegner besiegt, schon vor Jahrzehnten. Wir werden diejenigen sein, an denen sich als allererstes erweist, ob wir ohne diesen Kontext im Hinblick auf die individuelle Erfüllung – sowie alternativer Lebensentwürfe wie etwa dem der ökologischen Koexistenz – wirklich weiterkommen. Dass inmitten dieser Situation etwa der Fundamentalismus hineinstößt und recht erfolgreich neue Anhänger gewinnt, ist nur eines der vielen Symptome einer Generation, die wie keine andere in den letzten 4000 Jahren „entwurzelt“ ist. Anders als unsere Eltern kennen wir die Kirchen nicht mehr von innen, wir haben so wenig Ahnung von Religion, dass wir Life of Brian nicht mehr lustig finden, Moral erscheint uns immer schon fremd, extern, äußerlich und begrenzend, und für die Rezeption unseres kulturellen Erbes fehlt uns schlicht und ergreifend das richtige Medium. If it’s not on Youtube, it didn’t happen.

Mich interessiert hier also nicht die Frage, ob wir nicht alle wieder religiös werden sollten, sondern, ob der Mensch von heute in dem kulturellen, moralischen und religiösen Erbe seiner Kultur vielleicht etwas finden kann, dass ihm behilflich sein kann, die heutigen Freiheiten zu bewahren. Denn, wie ich oben bereits angedeutet habe, steht es um diese Freiheiten derzeit nicht besonders gut, auch wenn allenthalben Grenzen gebrochen werden können. Dass uns das heute noch als Paradox erscheint – der Zusammenhang von Grenzüberschreitungen und Freiheitsverlust – deutet bereits das Problem an. Vielleicht braucht es Grenzen, braucht es sogar Regeln und Disziplin, um Freiheit nicht nur zu bewahren, sondern sie überhaupt erst zu erreichen? Mir jedenfalls ist so ein Gedanke die ersten fünfundzwanzig Jahre meines Lebens nicht gekommen, und doch war das ein Standard in der geisteswissenschaftlichen Literatur vergangener Zeit – nur sind diese Werke aus den Lehrbüchern verschwunden.

Gerade für die Millennial-Generation, aber auch schon für die 1968er, hatten ungebundene Freiheit, Spaß und „Selbstverwirklichung“ die Rolle eingenommen, die früher einmal das „Glück“ oder das „gute Leben“ hatte. Wo man sich früher an der Moral, der Religion und der Tradition ausrichtete um ein solches gutes Leben zu führen, das man in seiner Gänze in den Blick nahm,  sucht man heute eher den kostenlosen, mühelosen und augenblicklichen Spaß – und verzichtet dabei bereitwillig auf das längerfristige Glück. Die eindrücklichsten Kosten einer solchen Lebensweise zeigen nicht nur die hohen Zahlen an Depressionskranken und Suizidfällen innerhalb der heutigen Generationen, sondern auch Phänomene wie der erstarkende Fundamentalismus oder der hohe Konsum von harten sowie weichen Drogen. Man könnte auch das virulente Problem der „Hate Speech“ erwähnen.

 Das Problem hierbei ist, dass es in unserer Gesellschaft zunehmend schwer wird, eine Wahl zwischen fünfzehn Minuten geradezu unerhörtem Spaß und einem langfristigen „guten Leben“ zu treffen. Hierzu fehlt das moralische und kulturelle Rüstzeug, die Orientierung, die hilft, solche Entscheidungen zu treffen. Gerade der Generation Y wurde und wird, das weiß ich aus eigener Erfahrung, zunehmend weniger vermittelt, was es mit einem solchen „guten Leben“ auf sich hat: Der Inhalt desselben ist so partikular, so übersubjektiv, so religiös basiert und historisch scheinbar belastet, dass es schon fast nicht mehr politisch korrekt wäre, darauf einzugehen. Und doch war das „gute Leben“ spätestens seit Platon zentral in der westlichen Kultur, bis es in der Moderne zunehmend aufgegeben wurde.

Wie sehr das „gute Leben“ mittlerweile außer Form ist, lässt sich an einer Statistik aus dem Jahr 2008 erkennen. Bei der Frage nach den Lebenszielen gaben also 97% der Befragten „Gute Freunde“ an und 95% wünschten sich eine glückliche Beziehung. Die weiteren Dauerbrenner sind „finanzielle Unabhängigkeit“, „gesünder essen“, „Abnehmen,“ „guter Sex“, „Große Reise“, „Job der Glücklich macht,“ und so weiter. Wieviel davon würde man wohl bei Aristoteles finden? Oder bei Jesus C.? Das gute Leben, das SINNVOLLE Leben, ein Leben, ausgerichtet auf einen letzten Sinn oder eine Wahrheit findet sich hier ebenso wenig wie das Streben, ein „besserer Mensch“ sein zu wollen. Die heute favorisierten Lebensziele zeichnen sich dadurch aus, dass sie (ohne wertend sein zu wollen) selbstbezogen, materialistisch und auf den Konsum ausgerichtet sind. Sie beziehen sich auf ein befriedigendes Leben für den Einzelnen, und damit weder auf die Gesellschaft, die Tradition, die Kultur, noch auf andere spezifische Personen und erst recht nicht auf irgendwelche spirituell-transzendenten Ideale. Es sind Ziele für das Hier und Jetzt, für die eigene Befriedigung. Das macht sie nicht per se schlecht. Nur…nun ja, irgendwie unvollständig. Sie sind jedenfalls  Ausdruck einer Konsumgesellschaft, die Religion und Transzendenz weitgehend aufgegeben hat und Moral vor allem mit einer Handlungsweise gleichsetzt, für die man nicht gleich bestraft wird. Das muss nicht unbedingt eine schlechte Entwicklung sein: Die Frage ist nur, ob sie uns guttut und ob sich diese Ziele überhaupt auf diese Weise erreichen lassen. Vielleicht ist ja der Spaß und der Konsum der falsche Weg, um frei zu werden und sogar Spaß zu haben?

Dass der Verzicht auf nahezu sofortige Befriedigung zugunsten langfristiger Ziele die Grundlage eines wirklichen, echten Glücksgefühls ist, das behauptete auch der US-amerikanische Schriftsteller David Foster Wallace. Er jedenfalls musste es wissen, hatten Drogen sein Leben doch nachhaltig geschädigt. Er argumentierte FÜR Moral, für ein ethisch „gutes Leben“, für Tradition und Autorität und DOCH tat er dies im Namen der Freiheit – Wallace tat dies unter anderem mithilfe eines immensen Romans namens Infinite Jest, in welche er unter anderem seine Erfahrung in der Drogenrehabilitation einfließen ließ. Wir werden noch öfter von ihm hören, denn wie kein anderer hat er die heutige Situation mit am besten erfasst.

Man könnte es vielleicht mit dem Unterschied zwischen Fast Food und echter Nahrung vergleichen: Das erste schmeckt intensiver und je mehr man davon isst, desto schwieriger wird es, das zweite, natürliche zu genießen – in welchem natürlich statt der Sofortbefriedigung das lange, gesunde Leben steckt. Aber Vorsicht mit dieser Metapher: Auch das Gesundessen reicht als Moral nicht aus.

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