IV

Die Zeiten, in denen sich die Menschen innerhalb eines festen moralischen Rahmens, abgesichert durch gesellschaftliche Sitten und etablierte Traditionen, bewegt haben, sind längst vorbei. 1968 und die Postmoderne hat den westlichen Individualismus endgültig zur Durchsetzung verholfen – das muss nichts Schlechtes sein, im Gegenteil! Schon lange wissen wir, dass man Kindern nicht mehr konkrete moralische Haltungen und Prinzipien beibringen soll, der pädagogische Grundsatz lautet: „Hilf mir, meinen eigenen Weg zu gehen.“ Make your own kind of music. Sei du selbst. Der Philosoph Alisdair MacIntyre glaubt sogar nach jahrelanger Analyse dieses Wandels in den westlichen Moralvorstellungen, dass wir zwar weiterhin über die Moral reden, über Gut und Böse, aber das dazugehörige Vokabular sagt uns nicht mehr viel: Wir verstehen die moralische Sprache gar nicht mehr.

Die Frage ist: Wenn die Befreiung bereits erfolgt ist, warum fühlen wir uns dann nicht freier? Und wieso gelingt es den Mächten von Heute, uns weiterhin zu kontrollieren, uns zu Tätigkeiten zu bringen, mit denen wir uns gar nicht unbedingt identifizieren können? Binge-Watching und Junk Food sind nur das offensichtlichste Beispiel hierfür. Woher diese neuen Abhängigkeiten nach der Befreiung von allen Grenzen? Woher die Depressionen und Frustrationen, die körperlichen wie seelischen Abhängigkeiten, die von allen Seiten diagnostizierte „Verrohung“ der Gesellschaft, die zunehmende Polarisierung, der Hate Speech, die grassierende Einsamkeit, nicht zuletzt eine „Volkskrankheit“ wie Diabetes?

Wie geht es der Moral, sobald sie – wie es heute der Fall ist – einzig und allein der Lust und Laune des Einzelnen unterworfen ist, und vielleicht auch noch der Ironie der Kunst- und Konsumkultur? Sicherlich würden die meisten von uns behaupten, die Befreiung von moralischen Dogmen der Vergangenheit sei zu begrüßen. Aber man sollte nicht Moralismus mit Moral verwechseln, Moral nicht gleich mit Dogma. Denn all jene Vorväter der Demokratie und der freien Gesellschaft, auch gerade jene Figuren der Aufklärung, wurden ja nicht von einem nietzscheanischen Wunsch nach der Zerstörung aller Moral beseelt; im Gegenteil, sie stellten sich eine freie Gesellschaft auf der Basis von vernünftigen Prinzipien, aber auch der (im Grunde weiterhin christlichen) Moral vor! Die großen Philosophen, Denker und Revolutionäre sahen in der Moral kein Hindernis, sondern die notwendige Grundlage für ein freies Zusammenleben von Individuen.

Was also bedeutet es, wenn eine Gesellschaft sich nicht mehr primär von moralischen Fragen leiten lässt sondern eher anhand des Lustprinzips agiert – ein Problem, wie es gerade der Erfolg von visuellen Sadismus-Zelebrationen wie der Saw-Reihe oder eben Ballerspiele deutlich macht; Skandale von der FIFA bis zu den Panama Papers; oder die Tatsache, dass rund ein Drittel aller Deutschen online Pornografie konsumiert, aber wahrscheinlich immer noch peinlich berührt wäre, würde man das aufdecken. Ein solcher Konsum ist in der heutigen Gesellschaft jedem selbst überlassen, und das ist gut so; das ist eine Errungenschaft. 

Gerade das Übermaß eines irgendwie unterhaltenden Gebrauchs von Sex und Gewalt deutet darauf hin, dass moralische Fragen wie 

„Soll ich das konsumieren?“

„Sollte ich das anschauen?“

„Sollte ich das tun?“

 „Was macht der Konsum dieses Gewaltvideos aus mir, das mir ein Klassenkamerad gerade zugeschickt hat? Will ich ein Mensch sein, dem so etwas Spaß bereitet? Kann ich das moralisch vertreten?“

etc. nicht mehr gestellt und stattdessen von dem Prinzip des „Warum nicht?“ übertrumpft werden; das gleiche lässt sich auch auf den ungesunden Konsum von legalen wie illegalen Suchtmitteln behaupten, der in unserer Gesellschaft mittlerweile auch Höhen erreicht hat, wie sie in früheren Jahrhunderten undenkbar waren. Wir scheinen die Erlaubnis, etwas zu tun, zu verwechseln mit der Forderung, es zu tun.

Man hört es natürlich schon zwischen den Zeilen rauschen, ich rede hier vor allem von den Generationen nach 1968, die Sigmund Freud so sehr mit Herbert Marcuse quergelesen haben, bis sie in der Überwindung des Über-Ichs und damit der Befreiung der ursprünglichen Triebe – Grenzen! – das eigentliche Ziel, den Weg zum Paradies der Authentizität und des Einsseins mit sich entdeckten. Demgegenüber betonten konservative Denker seit jeher, dass Freiheit nicht in der Freisetzung innerer Triebe bestünde, sondern im Gegenteil, in der Eingrenzung solcher Triebe. In gewisser Weise kann man die links-rechten Grabenkämpfe der westlichen Kultur entlang dieser Linie betrachten. Links des Grabens sieht man in der kontrollierenden Persönlichkeit, in der Grenze, der Tradition, den Regeln, der Selbstkontrolle den Feind, und die Freiheit dafür im unterdrückten Lustprinzip; rechts davon sieht man die Freiheit im einzelnen Charakter, der die Triebe beherrscht anstatt von ihnen beherrscht zu werden. Die einen sehen in der Legalisierung von Drogen die Freiheit, die anderen sehen genau darin die beginnende Versklavung. Für die einen sind Grenzen notwendig, für die anderen sind sie zur Überwindung da. Die einen sehen Freiheit in der Weigerung, irgendetwas Sinnvolles zu tun, die anderen gerade dahin, etwas Sinnvolles zu tun. Gerade der US-amerikanische Konservatismus ist nie müde geworden, die Bedeutung der Arbeit und des Unternehmertums für die Freiheit des Einzelnen herauszustellen – etwas, das ich mit 35 Jahren noch als äußerst seltsam empfunden habe, denn wie viele Deutsche meiner Generation auch bin ich mit dem entgegengesetzten Bild aufgewachsen: Freiheit ist, zu tun, was ich will – selbst wenn ich jahrelang nichts tun will, oder nur Zocken, und ein bisschen Kiffen und Wichsen. Es ist der Triumph Rousseaus und Schillers: Freiheit des Einzelnen zur Verfolgung seines Glücks!

Aber halt, was ist das, Glück? Damals, als man diesen Begriff für die US-amerikanische Unabhängigkeitserklärung verwendet hatte, meinte man die Gestaltung seines Lebens im Sinne eines auf Selbstkontrolle fußenden, selbstverantwortlichen langfristigen Projekts. Heute dagegen verstehen wir darunter automatisch Netflix, Youtube, Kiffen&Koks, Süßigkeiten, Shisha und Alkohol, etc. etc. Kurzfristige Genüsse statt der Arbeit am eigenen Selbst. Wurde Freiheit von der Antike bis zu den Viktorianern noch als Kontrolle seiner Selbst verstanden, verstehen wir heute davon die Freiheit von jeglicher Autorität, die uns sagt, was wir zu tun und lassen haben. Sind wir dadurch freier? Nein, nicht wirklich.

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