III

Das Thema Grenzen ist daher auch schon immer verbunden mit unserem Konsumverhalten. Die heutigen Diskursformationen sehen in Grenzen ein Hindernis zur authentischen Selbstverwirklichung des Einzelnen. Dass zu dieser Selbstverwirklichung der Konsum externer Objekte gehört, ist ein Paradox, das heute nicht mehr auffällt. Somit fällt die Frage unter dem Tisch, inwiefern die unbegrenzte Verfügbarkeit von Lustzuständen in neue Unfreiheiten führen kann. Hier kommen wir am Phänomen der Drogen nicht vorbei, nicht zuletzt, da der Triumph der Selbstverwirklichung als Technologie unweigerlich verknüpft ist mit der postmodernen drug culture.

Paradox hierbei ist auch, dass viele Konsumenten von harten oder weichen Drogen sowie die Befürworter von Legalisierung gerade auf ihre Freiheit beharren, also dem üblichen Kritiker entgegen halten, der/die Einzelne sei nun einmal frei, das zu tun, wonach ihm oder ihr sei, und Drogen zu nehmen sei nun mal, für sie, ganz persönlich, die ultimative Freiheit. Quod erat demonstrandum. Schon bei Zigaretten bestand ja spätestens seit dem Marlboro Man der Unique Selling Point in den Marketing-Kampagnen darin, dass man die Zigarette als Symbol und Versprechen von Freiheit bewarb: Unendliche Weiten und das Dasein als (gutaussehender) Cowboy. So habe ich es zum Beispiel im persönlichen Bekanntenkreis und auch bei mir selbst immer wieder erlebt: Rauchen, das war für uns immer „Rock’n Roll“, und wir hielten uns alle für ganz besonders frei, wenn wir mal wieder auf das typischen Marketing-Image und unserer eigenen Sucht hereinfielen. „Rock’n Roll“ war zumindest auch das erfolgreichste Argument meiner Sucht im Kopf, wenn sie mich dann doch dazu bewog, mit dem Aufhören aufzuhören und doch nach der Zigarette zu greifen, die ich doch, wie ich ja wusste, immer schon wollte. Dasselbe hören wir wenn es um ungewöhnliche sexuelle Praktiken, offene Beziehungen, Waffenbesitz oder generellen Lifestyle geht.

Neben „Warum nicht? Ist doch geil“, und „Warum sich nicht mal gut fühlen dürfen?“ ist das Freiheits-Argument mit das beliebteste, wenn es darum geht, Kritik am Drogenkonsum abzuwehren. Schließlich kann in unserer Gesellschaft niemand dem Einzelnen seine freie Entscheidung absprechen – der Tagesspiegel würde wahrscheinlich sofort schreiben, dass die Nazis ja auch das Marihuana in Deutschland verboten hätten (und dabei unterschlagen, dass sie sehr gut darin waren, ihre eigenen Soldaten mit einer Vorform von Crystal Meth zu versorgen – diese Story bringen dafür andere Online-Medien jedes Jahr aufs Neue).

Paradox ist die Angelegenheit, weil die Entscheidung für Drogen eine freie Wahl ist, die zu einem Ende der freien Wahl führen kann – zur Abhängigkeit. Doch wie kommt es dann, dass einige von uns so argumentieren können, es handle sich hier um Freiheit? Liegt der Fehler vielleicht in unserem landläufigen Verständnis von Freiheit? Und ist dieses Phänomen nicht vielleicht Teil eines viel größeren, universelleren Problems, das eben auch Grenzen betrifft? Wie frei kann überhaupt eine solche Entscheidung sein, die zum Ende von Freiheit führt? Wieviel Marketing, wieviel peer pressure, wieviel eigene Illusionen spielen hier mit eine Rolle?

In diesem Buch wird es nicht nur um Drogen gehen. Diese sind nur das auffälligste Symptom einer Gesellschaft, die sich in einer Identitäts- genauso wie einer moralischen Krise befindet. Dabei soll hier nun nicht mit der Moralkeule geschwungen werden:  Stattdessen geht es um die Frage, weshalb in unserer Gesellschaft und gerade in der Generation X und Y das Lustprinzip überwiegt? Oder, vielmehr: es geht darum, eine Antwort auf das gängige „Warum nicht?“ zu geben: Eine Antwort, die nicht mehr auf traditionelle Dogmen beruht, sondern sich stattdessen am Ideal der freien, autonomen Existenz des Einzelnen ausrichtet. Inwiefern sind wir wirklich frei, wenn wir Grenzen überschreiten, wenn wir Autoritäten ablehnen und dem Lustprinzip folgen? Und, um frei zu sein, reicht es da aus, „frei zu wählen“ oder braucht es auch, wie in der Demokratie, noch etwas mehr? Ist das, was wir oft als Freiheit bezeichnen, nicht vielleicht das Gegenteil? Aber was ist dann mit der Moral? Ist die nicht auch nur ein Dogma und damit eine Form der Unfreiheit?

Anstatt also im altväterlichen Befehlston moralische Traditionen aus der Mottenkiste zu holen, frage ich in diesem Buch nach der Gesundheit dieser Lebenspraktiken und ihrer Beziehung zu unserem Verständnis von Freiheit. Also nicht: „Ist diese Art zu leben, böse, unmoralisch?“ Sondern: Ist sie gesund oder ungesund? – für den Einzelnen und für die Gesellschaft? Macht sie uns wirklich frei oder sind wir nicht vielleicht eher gerade im Begriff, unsere Freiheit zu verlieren? Wie viel Freiheit liegt in einem Verhalten, das sich als ungesund und selbstzerstörerisch erweist, gerade für die Freiheit? Um ein politisches Beispiel heranzuziehen: Wäre es denn auch Freiheit, wenn ein Volk gegen weitere freie Wahlen stimmen würde? Genauso frage ich: Ist eine Gesellschaft freier, wenn sie sich mehr am Lustprinzip als an der Moral ausrichtet? Mehr an der Grenzüberschreitung als an der Grenze? Und wie hängen Autorität und Macht mit der Freiheit zusammen? Ist diese Betonung der Freiheit, die heute neben der Toleranz nahezu den einzigen Wert darstellt, auf den wir uns gesamtgesellschaftlich noch einigen können, nicht vielleicht mittlerweile die größte Gefahr für die Freiheit geworden? Beobachten wir nicht vielleicht gerade, dass die Freiheit umkippt in ihr Gegenteil? Und kann uns nicht vielleicht die längst überwundene Moral ein bischen helfen, die Freiheit zu bewahren? Ist die Moral – und damit auch die Grenze – nicht etwa der Gegner der Freiheit, sondern ihre eigentliche Bedingung, ihre Garantie?

“Cut off from hope we live on in desire.”

Dante, Inferno

Auf den ersten Blick scheinen die Beispiele – ein kurzer Kick, der dabei entsteht, dass man sein Leben riskiert auf der einen Seite; jahrelanges Kiffen, Saufen oder Rauchen auf der anderen Seite – nur wenig miteinander zu tun haben. Von nationalen Grenzen ganz zu schweigen. Und doch haben sie vor allem eines gemeinsam: zum Beispiel die Rechtfertigungsstrategie. Wenn man Menschen fragt, ganz direkt, wieso sie auf diese Weise ihr Leben oder ihre Gesundheit riskieren – gerade weil sie ja eigentlich wissen, dass es lebensgefährlich, teuer, umweltschädlich, etc. ist – sagen sie meistens: „Ich weiß, aber…“ und finden dann doch irgendeinen „guten Grund“, und wenn nicht, landet man meistens beim Todschlagargument: „Naja. Weil’s Spaß macht.“ Die ganz Hartgesottenen bleiben bei ihrem: „Warum nicht?“ Dies ist der grobe Nenner, auf den ich seit Jahren komme, wenn ich in meinem erweiterten Bekanntenkreis solche Fragen stelle, wenn ich in Büchern, Blogs und Webseiten zu dem Thema recherchiere, oder wenn ich ganz einfach unsere Gesellschaft beobachte. Würden mich vielleicht mal Außerirdische entführen und mich fragen, wie ich nach 38 Jahren Leben in Deutschland die moralische Haltung der Mehrheit auf Basis meiner eigenen Erfahrung zusammenfassen würde, könnte ich ihnen nur dieses „Warum nicht?“ nennen.

Meistens argumentiere ich, nun selbst auch alles andere als Abstinenzler, in solchen Diskussionen über den Konsum illegaler Drogen folgendermaßen: „Ja, aber dieser Kick, den die Drogen dir geben, ist doch eigentlich falsch, oder? Er ist ja nicht wirklich echt.“ Darauf kommt dann meistens die Antwort: „Ja, aber was ist denn hier echt?“ Und schon beginnt die postmoderne Diskussion, die letztlich auch nur eine Art von Rationalisierung im Sinne Freuds darstellt: Der Versuch, mithilfe scheinbar vernünftiger Gründe sich eine Tatsache passend zurechtzubiegen. Bestünde wirklicher Zweifel an der Realität, würde man sich dieser Diskussion mit ihrem fragwürdigen ontologischen Status gar nicht hingeben, und meistens genügt ein entschlossener Klaps auf den Hinterkopf, um endgültig zu determinieren, was real ist und was nicht (bei Hardcore-Postmodernisten vielleicht auch zwei oder drei). So überlistet man sich mit dieser Diskussion selbst und gibt sich einen weiteren guten Grund für den Konsum von Drogen, neben dem „Spaß“ und dem „Warum nicht?“ Genauso verfuhren postmodernistische Strategien bereits mit der Moral, die mittlerweile eigentlich nur noch von Leuten ernsthaft als Diskussionsbeitrag akzeptiert wird, die selbst einen hohen Identifikationsgrad mit moralischer Tradition besitzen; also eine aussterbende Gattung.

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