II

Demokratie setzt eine bestimmte mündige Haltung bei ihren Bürgern voraus, ebenso wie die Identifikation mit einem souveränen Staat – der per definitionem auch Grenzen besitzt. Die Frage lautet daher: Weshalb ist die generelle Meinung, dass Grenzen böse seien oder überschritten werden müssten, so weitverbreitet im Deutschland unserer Zeit? Und welche Bedeutung hat es, dass auch Begriffe wie „Macht“ oder „Autorität“ zunehmend negativ behaftet sind in unserem alltäglichen Sprachgebrauch? Was sagt das über uns aus und was bedeutet das für unsere Freiheit?

Ende des Jahres 2015 veröffentlichte der Tagesspiegel folgende Geschichte:

Ein 13-Jähriger in den Niederlanden soll fünf Tage lang im Koma gelegen haben, nachdem er am sogenannten Zimt-Spiel teilnahm. Germain aus Hilversum bei Amsterdam habe ohne Flüssigkeit einen Teelöffel Zimt geschluckt, sagte der behandelnde Arzt am Dienstag dem niederländischen Radio. Akuter Sauerstoffmangel habe ihn ins Koma fallen lassen, aus dem er nun aber aufgewacht sei. ‚Es war ein großer Alptraum‘, sagte die Stiefmutter des Jungen im Radio. Zum Zustand des Jungen sagte der Arzt Bert Arets nichts Genaueres. ‚Aber Germain hat mich gebeten, zwei Worte zu sagen: ‚Nicht machen!’‘ Im Internet kursieren Videos vor allem aus den USA, in denen Jugendliche an der ‚Cinnamon-Challenge‘ teilnehmen. Viel trockenen Zimt zu schlucken kann schwere Atemstörungen und Ersticken zur Folge haben.[1]

Es gibt viele ähnlichgeartete Spiele, in denen gerade Heranwachsende ihr Leben aufs Spiel setzen für fünf Minuten Spaß, sozialer Anerkennung, oder einfach den reinen „Kick“ an sich (Clicks’n Kicks sozusagen). Es scheint hier ein ähnliches Phänomen vorzuliegen, wie man es auch schon von typischen Mutproben, dem weiterhin beliebten Koma-Saufen oder generell auch dem Drogenkonsum kennt. Aktuell genießt vor allem die durch die HBO-Serie Breaking Bad popularisierte Droge „Crystal Meth“ einen steilen Anstieg in Europa, und das, obwohl sie nicht nur extrem schnell süchtig macht, sondern auch sehr gut darin ist, ihre Konsumenten innerhalb kürzester Zeit in lebenslange Pflegefällen zu verwandeln. Wie Karsten Wolff, Chefarzt des Zentrums für Psychosoziale Gesundheit am Klinikum Niederlausitz in Senftenberg und Lauchhammer, erklärt:

„Schnell stellten sich Konzentrations- und Gedächtnisstörungen ein und schon wenige Jahre oder gar Monate nach Beginn des Konsums könnten manche Betroffene nicht mehr ihren Alltag bewältigen, einer Arbeit nachgehen oder ihre Kinder versorgen. So würden schon 24-Jährige zu Pflegefällen.“

https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/queerspiegel/die-teufels-droge-crystal-meth-wirkt-extrem-zerstoererisch/12872746.html

Doch nicht nur harte, auch weiche, legale Drogen wie Zigaretten oder Alkohol stellen uns vor die Frage: Wieso entscheiden sich viele Menschen offensichtlich bewusst und in all ihrer Freiheit dazu, ihr Leben oder ihre Gesundheit zu riskieren für ein wenig Spaß oder Genuss? Woher das Phänomen des Komatrinkens? Muss es uns wundern angesichts unserer Gesellschaft, in der „Schätzungen zufolge…ungefähr 2,7 Millionen Kinder und Jugendliche…mindestens einen Elternteil mit Alkoholstörung“ haben?[2] In der also die Kindheit und Jugend von 2,7 Millionen Kindern erheblichen psychischen Belastungen ausgesetzt ist? Was treibt Zehntausende von Müttern an, während der Schwangerschaft vor der Entscheidung zu stehen, Kindeswohl oder kurzfristiger eigener Genuss, und sich für Letzteren zu entscheiden? Die Antwort ist wohl, dass sie sich möglicherweise gar nicht bewusst sind, dass sie gerade eine Entscheidung treffen.

Hat das auch etwas mit Grenzen zu tun? Was ist mit uns Älteren, die sich oftmals nicht nur unmoralisch (oder gar „unanständig“) ernähren, sondern so deutlich ungesund, dass wir laut renommierten Ernährungsexperten in einer Welt leben, „in der es die neue Normalität ist, fehlerhaft ernährt zu sein“?[3] Und wir wissen das, uns ist das klar. Woher diese Gesellschaft, die ein langes Leben aufgibt zugunsten eines sehr kurzen und ehrlich gesagt ja auch sehr künstlichen Genusses? Die eigentlich genau weiß, wie sie ihre Lebensgrundlagen zerstört, und diesen Sachverhalt trotzdem sehr erfolgreich ignoriert.

Wieso entscheiden sich viele Menschen heutzutage lieber für fünf Minuten Spaß statt für mehrere Jahre eines zufriedenen und gesunden Lebens? Wieso suchen wir das Glück nicht mehr innerhalb eines langfristigen Prozesses, eines lebenslangen Projektes des „gelungenen Lebens“, sondern in einem instantanen kick and rush? Die Toten Hosen sangen einmal voller Inbrunst:

„Ich will nicht ins Paradies,

wenn der Weg dahin so schwierig ist.“

Und wir sangen in unserer Jugend voller Überzeugung mit.

Was sagt es über uns und unsere Freiheit aus, wenn das Lustprinzip – gerade in der Generation Y – über ein am langfristigen Glück ausgerichteten Leben triumphiert, von der Moral gar nicht zu reden? Wenn die Befriedigung eigener Interessen und Lüste im Zentrum unseres Handelns steht und wir mit dem Begriff „Moral“ nur noch Verbote verbinden, aber nicht mehr eine Lehre zum „guten Leben“? Und hat das vielleicht auch mit unserer Einstellung gegenüber Grenzen zu tun?


[1] http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/cinnamon-challenge-junge-nach-zimt-spiel-tagelang-im-koma/12777154.html

[2] http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/mutter-und-alkoholikerin-wenn-alkohol-wichtiger-ist-als-die-kinder-a-1091609.html

[3] http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/uebergewicht-und-untergewicht-jeder-dritte-mensch-ist-fehlernaehrt-a-1097565.html

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